Der folgende Aufsatz, der auf amtlichem sowjetischem Material fußt, war bereits geschrieben, ehe der Währungsschnitt erfolgte, der ja wohl doch als Anzeichen dafür gewertet werden muß, daß die Wirtschaftsverhältnisse in der Sowjet-Union sich nicht ganz wunsch- und plangemäß entwickelt haben.

Offensichtlich beruht die gebesserte Wirtschaftslage der Sowjet-Union Ende 1947, mit einer Steigerung der Produktivität der Arbeit und der Hebung der Kaufkraft, in erster Linie auf, der heurigen Rekordernte. Eine Mitteilung ans Moskau besagt hierzu, daß die vorjährige Getreideernte die Ergebnisse für 1946 um 56 v. H. übertreffe; die absolute Höhe bleibt aber ein ebenso streng gehütetes Geheimnis, wie die Zahlen der vorjährigen Mißernte. Einen kleines Anhaltspunkt bieten lediglich die "Perspektivszhlen" des Fünfjahrplanes: Danach soll die Getreideerzeugung bis 1950 auf 127 Mill. t steigen, gegen 120 Mill. t 1940. Man darf daraus schließen, daß die derzeitigen Erträge sich noch unter dem Vorkriegsstand bewegen. Diese Annahme wird durch die Angaben über die Ackerfläche bestätigt: Während (für 1950) 110,4 Mill. ha vorgesehen.sind, betrug die mit Getreide bestellte Fläche 1937 bereits 104,4 Mill. ha.

Groß, sind die Verluste, die die russischen Viehbestände im Laufe des Krieges erlitten haben; sie konnten bisher kaum aufgeholt werden. Der Schweinebestand war sogar am 1. März 1947 am 1,6 Mill. Stück geringer als unmittelbar nach Kriegsende 1945.

Die Schwer- und Grundstoffindustrien haben dank umfangreicher Kapitalinvestitionen ihre Produktion zum Teil recht beachtlich erhöht. So stieg im Monat November die Kohlenförderung im Donez-Becken auf 4,4 Mill. t und kam damit der Vorkriegsleistung nahe. Die asiatischen Kohlenbergwerke förderten ebenfalls im November 12 v. H. mehr als im Vorjahre, so daß mit dem Gesamt-Soll für 1947, in der Höhe von 180 Mill. t, effektiv gerechnet werden kann. In der Eisenindustrie erreichte die durchschnittliche Tageserzeugung 46 000 t Roheisen und 55 000 t Stahl. Die Förderung von Eisenerzen stieg um 8 v. H., die Kalksteingewinnung um 11 v. H. Die Arbeit und Entwicklung der Eisenindustrie wird jedoch durch die unzureichende Versorgung mit-Maschinen, Apparaten, Automaten usw. noch mehr gehemmt. Besonders störend wirkt sich das Fehlen von Ersatzteilen aus. Die Versorgungslage für Erdöl ist’sehr ernst. Die UdSSR braucht jährlich 60 Mill. t produzierte aber 1947 höchstens 17 Mill. t. Es sind zwar auch noch die österreichischen, ungarischen und rumänischen Rohstoffquellen mit zu berücksichtigen, aber selbst wenn man diese hinzuzählt, ist die Sowjet-Union voneiner Erdöl-Autarkie noch weit entfernt.

Kritisch steht es auch Um den Hausbauplan. 72,5 Mill. qm Wohnraum sind bis. 1950 vorgesehen, aber nur 15 Mill. wurden in den ersten zwei Jahren verfügbar gemacht. Wenn man die geplanten Privatbauten (12 Mill. qm) hinzuzählt, wird, der Wohnraum bestenfalls nicht mehr als 4 qm je Person betragen.

Die Konsumgüterindustrie, die ihre Bruttoproduktion um 20 v. H. erheben konnte, bleibt immer noch mit 30 v. H. unter der Vorkriegsleistung zurück. Dieses Defizit ist vor allem die Folge einer rigorosen Kreditsperre für die gesamte sowjetische Verbrauchsgüterindustrie seitens der Moskauer Zentralbanken, um auf der anderen Seite der Schwerindustrie großzügige Investitionsbeträge zugute kommen zu lassen. Einen Lichtblick bilden die erhalten Zuweisungen durch das Sowjet-Budget, doch scheint auch hier Vorsicht geboten, denn für den Posten "Industrie" wurden 1947 zwar annähernd 75 Mrd. Rubel mobilisiert, der zivile Bedarf mußte sich aber mit rund 15 Mrd. (das sind 25 v. H. mehr als im Vorjahr) zufrieden geben.

Als Folge der relativ höheren Industrieproduktion und der guten Ernte sind die Preise zahlreicher Waren erheblich gesunken, so daß sich das Realeinkommen der Lohnempfänger vergrößerte. Gleichzeitig erfolgte in der Lohnpolitik eine wichtige Umstellung; die zwei Drittel der Sowjet-Bevölkerung berührt. Bis zum letzten Frühjahr bestand die Bezahlung für landwirtschaftliche Arbeiter auf den Kollektiven in einem kombinierten Zeit- und Leistungslohn. Nunmehr ist die gleiche Bezahlung je Arbeitstag abgeschafft, und alle landwirtschaftlichen Löhne werden ebenfalls auf der Basis der Leistung berechnet. – mit dem Erfolg, daß das Bruttoeinkommen der Kollektivbauern bei den diesjährigen Erntearbeiten zum ersten Male erheblich zunahm.

– Die Bedeutung der sowjetischen Wirtschaftsmacht für das "European Recovery Program" (ERP) bleibt zunächst auf. Getreide beschränkt. Über den Umfang der russischen Lieferungsmöglichkeiten nach Westeuropa besteht allerdings völlige Ungewißheit, denn die Höhe des Exportes wird, nicht nur durch die eingebrachte Menge, sondern vor – allen Dingen. durch die Außenpolitik bestimmt. Sollte die Regierung tatsächlich für die nächsten drei Jahre 6,75 Mill. t Getreide bereitstellen, so würden diese Lieferungen die französischen, englischen und italienischen Abnehmer vor schwierige handelspolitische Entscheidungen stellen. Denn parallel mit einer Intensivierung des Warenaustausches mit der Sowjet-Union müßten die westeuropäischen Staaten ihre bisherigen Lieferungen nach den alten, Absatzgebieten wie Skandinavien, Süd-, Mittel- und Nordamerika, Nordafrika und den britischen Dominien reduzieren. Dazu kommt noch die Tatsache. daß die Sowjet-Union als Gegenleistung. Investitionsgüter. fordert, die selbst ja den Herstellungsländern mehr als knapp sind. Dennoch müssen wohl Mittel und Wege gefunden werden, um die russischen Getreideofferten zu akzeptieren, denn Amerika kann, die Weizen- und Maisliefe-, rungen in ihrem derzeitigen Umfange kaum aufrechterhalten; darüber hinaus können diese Exporte wohl auch nicht den westeuropäischen Bedarf voll befriedigen. Walter Lippmann schrieb dazu Anfang Oktober: ‚Die Marshall-Untersuchungen werden zeigen, daß die Industriegebiete Westeuropas von Nord- und Südamerika aus nicht unterstützt werden können, ausgenommen die Linderung ihrer dringendsten Not. Sie müssen ihren Handel mit den Agrargebieten. des europäischen Rußlands wieder beleben, denn sonst würden die Lebenshaltungskosten in Westeuropa von unerträglicher Höhe sein." N. M.