Von Josef Marein

Wenn eine geheime Aktualität sollte gewittert worden sein, dann war es ein dreifacher Irrtum, daß Goethes "Stella" in drei Städten zu gleicher Zeit aufgeführt. wurde. In Berlin, wo Käthe Dorsch die Cäcilie spielte, hat man, wie man hört, die Sache recht robust angefaßt: Fernando, als Vertreter des männlich schwachen Geschlechts, in der heute nicht seltenen Notlage, mit viel zu viel Frauen umgehen zu müssen mögen diese auch unvergleichliche Vorzüge haben ... In Hamburg, und zwar im Theater "Die Auslese", waren Anna Dammann und ihre Schwester Kitty wunderbare Schauspielerinnen, denen – auch hier – Fernando in keiner Weise gewachsen war, und – "Heimkehrerstück" hieß es im Programm. Wir finden: Nein. So nicht! Goethes Stück – das sicher "Fernando" hieße, klänge "Stella" nicht viel besser – geht uns heute nicht mehr an als jede Dichtung von Ewigkeitswert die Menschen jeder Zeit angeht, Und dieses Stück in diesem Sinne gespielt zu haben – nämlich als reine Dichtung und nicht als Aktualität – war das Verdienst einer Inszenierung des Stadttheaters Lübeck. Zwar, die Stella in Gestalt der jungen Schauspielerin Brigitte Drummer gehörte ein wenig zu sehr dem Typ jener empfindsamen Blondinen an, die in leicht entzündbarer Emphase aufflammen und zu schweben beginnen, immer in Gefahr, den festen Boden der Bühne unter den Füßen zu verlieren und davonzufliegen, so daß ein Regisseur Mühe hat, sie festzuhalten: Der Regisseur aber hieß Otto Kasten, und seine Regie war klug und gleichsam musikalisch; sie war um Schlichtheit und Innigkeit des Ausdrucks und um Reinheit der Sprache bemüht, den Überschwang, wo möglich, dämpfend und – was zumal Vornehmheit und Echtheit, des Gefühls betraf – wohl eigentlich vollkommen.

Alfred Siercke hatte den richtigen Rahmen für diese ‚,Stella"-Auffassung gegeben: Bühnenbilder wie zärtliche Kupferstiche des 18. Jahrhunderts: Zu jener Zeit also – dies war der Eindruck – kam das junge Genie Goethe, verführt durch jene allumfassende Liebessehnsucht, die Natur und Menschen. Hümmel und Erde einschließt, auf die Idee, einen Mann zwei Frauen lieben und mit ihnen leben zu lassen, mit der Gemahlin und der Geliebten. Dies eine kühne Legende des Eros von menschlich-ethi schem Gehalt und nicht etwa, wie Goethes Zeitgenossen es empört verstanden, eine billige "Dreiecksehe". – Für den Fernando stand ein exzellenter Darsteller zur Verfügung: Rolf Müller, dem die einfache Natürlichkeit des Liebenden gottlob mehr lag als stöhnende Problematik des "Mannes zwischen zwei Frauen", zu der die Rolle so leicht verführt, daß kaum ein Schauspieler sonst dieser Gefahr entgeht. Else Petersen war Cäcilie, eine mütterlich stille Frau: ruhige Klangfarbe im beschwingten Ton einer Aufführung, die beseelt war durch Goethes Nähe.

Es sind fast zwanzig Jahre her, seit Hermann Reutter den "Saul", eine einaktige Oper, schrieb, in der das gesprochene Wort vorherrschte und die ein Orchester begleitete; das aus rund einem Dutzend Instrumentalisten bestand. Da die Textdichtung von Lernet-Holenia auf. dem Einfall beruht, die biblische Szene um die Hexe von Endor ins deutsche Mittelalter zu verpflanzen, wird schon das äußere; Kolorit des Bühnenvorgangs ins holzschnittartig Einfache, gewandelt. Und so ist es eine Bauerndienstmagd, die dem König Saul das nahe Ende prophezeit; während dem Zuschauer das am bäuerlichen Tisch gebetete Vaterunser noch in den Ohren klingt. Ein Anachronismus – ja, natürlich! Aber ein Kunstmittel von unerhörter Wucht. Auf. eine andere Eigenart des nach monumentaler Einfachheit strebenden Werkes hat Reutter jedoch neuerdings verzichtet: er trennte sich von der "Kammerbesetzung" des Orchesters und läßt ein volles Orchester hören: einfach und registerweise instrumentiert auch dies; der Klang nicht romantisch psychologisierend, sondern monumental und packend. So ist die alte Wirkung noch vertieft, verdeutlicht. Eine Neufassung,, in der auch ein der Neuen Musik Fernstehender das Meisterwerk mühelos erkennen mag. – Günther Rennen brachte das neugeformte Werk mit erlesenen Kräften der Hamburger Staatsoper in einer Matinee zur Uraufführung. Er beschenkte es mit allen Vorzügen einer avantgardistischen Regie und errang ihm einen so großen Erfolg, wie er bei diesem Meister moderner Operninszenierung nicht andere erwartet wurde. Am Pult wirkte Arthur Grüber, der verstand, was Reutter meinte: Musik weder Beigabe noch Trägerin, sondern Steigerung der Handlung.

Seinem "Amphitryon" hat Jean Giraudoux die Zahl 38 beigegeben; er meinte, genau so oft sei dieser antike Stoff nun Schon abgehandelt worden: Jupiter, den General Amphitryon in dessen eigener Gestalt betrügend... Aber wie hätte Giraudoux daran vorübergehen können? Die Frage der Identität, die ihn eigentlich in allen seinen Stücken beschäftigt, ist hier ja schon von der Quelle, nämlich der attischen Sage, her auf eine so einfache Form gebracht, daß der moderne Dichter um so größere Möglichkeiten hat, sie in mehrdimensionalen Spiegelungen auszuleuchten. Das Stück ist also voller Hintergründe, wenn die Gedanken sich auch auf blankem, kühlem Glas spiegeln. Aber das Wortgewand ist aus schimmerndem Silber. Ein Vergleich mehr, und wir können von diesem Stück sagen, was jener Mann von Adel aus Maupassants Novellen von seiner Frau sagte: "Sie ist wie ein erfrischendes Glas Sekt; wenn man’s ausgetrunken hat, ist es köstlich, aber zu wenig gewesen." Was fehlt, ist hier wie dort ganz einfach das Gefühl.

Als elegante, süße Spiegelfechterei voll tieferer Bedeutung – so hat Wolfgang. Liebeneiner das köstliche Werk Giraudoux sehr geistvoll inszeniert. Hilde Krahl spielte die Alkmene, das siegreiche Opferlamm, Und jedes Wortspiel, jede Geste saß. Man muß neben ihr, die heute weitaus Größeres leistet als ehedem in ruhmreichen Filmzeiten, den Jupiter Erwin Lindners und den Amphitryon Hermann Schomburgs loben; man müßte alle anderen nennen, nicht nur die Leda (Maria Secher) mit ihren Indiskretionen aus dem Umgang mit göttlichen Schwänen, sondern auch das enthusiasmierte Publikum, das schon, um der Abendkleider und Fräcke willen in diesen textilarmen Zeiten sehenswert war. Oder, sollten sich diese unsere Zeiten unmerklich schon so gebessert haben wie es hier einen hamburgischen Anschein hatte?