Wann hätte sich je die praktische Ausführung von Produktionsauflagen entsprechend der theoretischen Planung vollzogen? In aller Regel klaffen sie zeitlich weit auseinander. Daran hat man sich in der Textilwirtschaft seit langem gewohnen müssen. Der beste Wille kann nicht Hindernisse einfach überspringen, nicht an Engpässen vorbeimarschieren, die ihm gleichsam durch "höhere Gewalt" gesetzt sind. Vorgeschaltet, nebengeschaltet und eingeschaltet wirken sie wie ständige Bremsen und verzögern, beginnend mit dem Rohstoffzufluß, den Ablauf der Produktion. Manche verantwortlichen Kreise lehnen es deshalb ab, mit Plänen zu jonglieren, die ein bestimmtes Vierteljahrsetikett tragen, um nicht immer wieder hinter ihnen her zu hinken.

Wer möchte den Wollgarnfabriken und Herstellern von Handarbeitsgarnen einen Vorwurf daraus machen, wenn sie ihre Auflagen an Stopfwolle, Strickgarnen usw. nicht, nach einem theoretischen Plan erfüllen können? Obwohl das Produktionsprogramm, verglichen mit der Vorkriegszeit, nur recht bescheiden ist und die Hersteller auf dieser Grundlage allein nicht existieren können, hapert es immer wieder an der Ausführung. Wenn alte Produktionsanweisungen, die längst vergessen sein sollten, von den Spinnern nicht rechtzeitig oder nur zum Teil beliefert werden – vielleicht, weil hier lagernde Rohstoffe für OMGUS-Geschäfte beschlagnahmt wurden oder weil die Reißspinnstoffindustrie im Rückstand ist, die wiederum an dem schleppenden Lumpenzufluß krankt, von Nebendingen ganz zu schweigen –, so beweist ein solches unablässiges "Hinderniskriechen" zur Genüge, daß man nicht Stopfwolle und Strickgarn einfach aus dem Ärmel schütteln kann. Im dritten Quartal 1947 wurden den Wollgarnfabriken überhaupt keine Produktionsauflagen erteilt; ein wenig erfreulicher Hinweis auf das Maß der künftigen Versorgung. Freilich wundert man sich nicht darüber, wenn man hört, daß ein "ur-– altes" Anliegen aus dem Sommer 1946 trotz allem Bemühen der Industrie bis in den Hochherbst des Jahres 1947 nicht restlos abgewickelt werden konnte:

Die Wollgarnfabriken und Zwirnereien könnten zum großen Teil ruhig ihre Tore schließen, wenn: ihnen die Lohnarbeit nicht ersetzte, war sie auf eigene Rechnung mangels Materialzuweisung entbehren müssen. Manches Fabrikant mag sich nicht ohne – Widerstreben zur Lohnarbeit entschlossen haben; Tatsache ist, daß die Zwirnereien heute fast restlos fremdes’ Material im Lohn veredeln und mit solchen Aufträgen völlig ausgelastet sind, soweit nicht andere Hemmnisse an der Vollbeschäftigung hindern. Die Zwirnereien könnten und müßten mit ihrer geschrumpften Spindelzahl gleich den Spinnereien, in zwei, ja, in drei Schiiten arbeiten,. um ihrer Schlüsselstellung innerhalb der Spinnstoffwirtschaft gerecht zu werden. Die Nachfrage ist ungemein groß. Leider stößt die Ausführung selbst drängender Verzwirnungsaufträge (z. B. für Ausfuhr und Bergarbeiterpunktsystem) auf Schwierigkeiten, weil sich die Produktionsklemmen nicht immer überwinden lassen. Neben der Stromkontingentierung, die aber (genau, wie in den Spinnereien) zur Öffnung des "Schlüsselergpasses" großzügig gehandhabt werden sollte, ist vor allem der Mangel an weiblichen Arbeitskräften das entscheidene Hindernis zur vollen Entfaltung dieser Veredelungsindustrie. H. A. N.