– Zu dem Aufsatz "Um die Parität in der Handelskammer" in der "Zeit" vom 18. Dezember 1947 geht uns aus Gewerkschaftskreisen folgende abweichende Stellungnahme zu. Wir veröffentlichen sie als Diskussionsbeitrag, obwohl sie ans die Argumente gegen die paritätische Besetzung nicht zu entkräften scheint und wir: der Auffassung sind, daß die zweifellos notwendige engere Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern in anderen Gremien als in den Handelskammern gefunden werden muß.

Die Frage der Gleichberechtigung der Arbeitnehmer in der Wirtschaft ist es schon wert, in aller Öffentlichkeit besprochen zu werden, selbst dann, wenn sich in diese Aussprache hier und dort Unrichtigkeiten oder sachlich falsche Gedankengänge einschleichen wollen;

Bei der paritätischen Zusammensetzung der Kammern sollen die Vertreter der Gewerkschaften nicht ernannt, sondern in den beschlußfassenden örtlichen Versammlungen durch geheime Wahl bestimmt werden.

Die Hamburger Handelskammer ist in Wirklichkeit eine Industrie- und Handelskammer. Sie ist daher nicht eine Selbstverwaltungsorganisation der-Kaufmannschaft, sondern ein Selbstverwaltungsorgan der Wirtschaft. Daß in dieser Wirtschaft die Arbeitnehmer als Produzenten und Konsumenten eine überaus wichtige Rolle spielen, ist unbestritten und weil es sich bei der Tätigkeit der Kammern nicht um die Vertretung der Gesamtinteressen von Kaufleuten, sondern der Wirtschaft handelt, sind die Vertreter der Arbeitnehmer in diesen Funktionen weder, entbehrlich noch hinderlich. Die Gewerkschaften sind, bestimmt nicht aufdringlich, wenn sie nur die Parität verlangen; Auch wenn man die Genossenschaften als kammerzugehörige Unternehmungen. mit einbezieht, werden die Gewerkschaften nicht dominieren, weil nicht alle. Genossenschaften den Gewerkschaften nahestehen; gibt auch solche deren Mitgliedschaften mir aus Arbeitgebern zusammengesetzt sind. Aber weil die Kammern nicht eine Vereinigung von Arbeitgebern, sondern der Zusammenschluß von Unternehmungen sind, müssen alle Teile dieser Unternehmungen berechtigt sein, an den Aufgaben der Kammern mitzuwirken. Wenn als wichtigste Funktion der Kammern der Ausgleich der verschiedenen Interessen bezeichnet wird, so könnten gerade hier die Arbeitnehmer eine bemerkbare Mittlerrolle übernehmen. Daß die Wirtschaftsvereinigungen reine Fachverbände sind, wird schon dadurch wirksam bestritten, daß sie die Funktionen von Arbeitgeber-, verbänden in sozialpolitischen und tarifpolitischen Fragen übernommen haben....

Wenn "Die Zeit" schreibt, daß die Gewerkschaften nicht versucht haben, sich direkt mit der Hamburger Kammer über die paritätische Besetzung zu verständigen, so geht diese Behauptung an der Wahrheit vorbei. Schon im Jahre 1945 haben zwischen den beiderseitigen Vertretern unter dem Vorsitz des damaligen Präses der Handelskammer Hamburg, Herrn Paul Wirtz, Verhandlungen stattgefunden, in denen allerdings Vertreter der Handelskammer kraß abgelehnt haben. Diese Verhandlangen und außerhalb der Kammer, allerdings ebenfalls ergebnislos, fortgesetzt worden. Im "Wuppertaler Kreis" – dem Vertreter der Handelkammer und der Gewerkschaften angehören, darunter die beiden Vorsitzenden des Hamburger Wirtschaftsausschusses – ist ebenfalls ergebnislos über die Frage der Gleichberechtigung verhandelt, worden. lieben falls wurde im Hamburger. Wirtschaftsausschuß" durch die Gewerkschaftsvertreter diese Frage angeschnitten. Wenn es bisher möglich war, im Hamburger Wirtschaftsausschuß gemeinsam zu arbeiten, so hat diese Arbeit den Nachteil, daß sich gegebenenfalls keine Stelle, weder Senat noch Bürgerschaft, Behörden und Private, um die Ansichten des Ausschusses zu kümmern brauchte, wenn nicht guter Wille und Einsicht sie leiten würde.

Bedauerlich ist die Wiederholung der Drohung, daß die Internationale Handelskammer abgelehnt hat, mit paritätisch besetzten Kammern in Verbindung zu treten. Diese Drohung wird immer dicker aufgetragen. Ursprünglich war es nur der Präsident der Internationalen Handelskammer, der sich auf diese Art um deutsche Angelegenheiten gekümmert hat. Jetzt soll es schon die ganze Internationale Handelskammer sein. Welchen Inhalt die Worte des Vertreters der Internationa Handelskammer gehabt haben steht nicht eindeutig fest. Ebensowenig weiß man, mit welchen Argumenten Sie ihm durch einen deutschen Englandbesucher suggeriert worden sind.

– Von einer Überspannung der gewerkschaftlichen Forderungen kann man wohl nicht sprechen; denn es Wird ja oft und gern offen zugegeben, daß sie sonst von den Unternehmern als gleichberechtigte Partner anerkannt werden. Es fehlt eben nur die offizielle oder aber auch noch besser die gesetzliche Grundlage. Und diese wollen die Gewerkschaften erstreben. Dazu halten sie sich, voll und ganz berechtigt, Mehr als einmal haben die neuen Gewerkschaften gerade, hier in Hamburg es verstanden, die Wirtschaft vor tief eingreifenden Schäden zu bewahren, weil sie ihr ganzes Gewicht in die Waagschale gelegt haben. Wenn es hier und da zu Streiks gekommen ist, so ist in allen den Fällen die Haltung der Arbeitgeber ausschlaggebender gewesen. Wenn diese Streiks wirklich Schaden hervorgerufen haben sollten, so sind dafür nicht die Arbeiter verantwortlich zu machen, sondern die-Jensen, die sie durch ihre Haltung zum Streik gezwungen haben.

In den Fragen der Demontage haben die Gewerkschaften unbestreitbar eine für Deutschland günstige Regelung erzielt, und weil sie nicht wieder wie nach 1918 der Mohr sein wollen, der dann gehen kann, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, verlangen sie Gleichberechtigung in der Wirtschaft, wobei sie gerade der Arbeitgeberseite sagen müssen, daß zu wirklichen Erfolgen nur die Verständigung führen kann. Wilh. Petersen