Die Erklärung der Menschenrechte durch-die französische Nationalversammlung folgte unmittelbar auf die Erstürmung der Bastille durch das Volk von Park. Fast gleichzeitig wurden die Burgen der tatsächlichen und der ideellen Macht niedergerissen, und gerade darin zeigte sich die – wunderbare Einheit von Tat und Geist, die allein echte Revolutionen hervorbringt. Mit dem Jahre 1789 begann eine neue Epoche der europäischen Geschichte: die Ideen und die Revolutionsarmeen Frankreichs strömten über die Landesgrenzen.

-Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das waren die drei Ideale der Französischen Revolution, und die Freiheit stand an erster Stelle. Frankreich ist das Mutterland der Menschenrechte in der Alten Welt, so wie die Vereinigten Staaten in der Neuen Welt. Als ein Symbol dieser Verbundenheit steht in der Einfahrt zum Hafen von New York jene Kolossalstatue der Freiheit, die das französische Volk dem amerikanischen zum Geschenk gemacht hat.

"frei und gleich an Rechten, werden die Menschen geboren und bleiben es", so beginnt der erste Artikel der Erklärung von 1789. Und später heißt es: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was anderen nicht schadet", und "Die freie Mitteilung seiner Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Rechte des Menschen". Diese Ideen, die einmal die Welt erschütterten, verpflichten das Volk, das sie damals verkündete, um so stärker, je mehr es sich noch heute zu ihnen bekennt. Und Frankreich will ja weiterhin als der Land der Menschenrechte geachtet und bewundert werden; die Vierte Republik hat in ihrer Verfassung, die wesentlichen Grundsätze der Ersten Republik erneuert. Frankreich und die Freiheit scheinen, unlöslich verbunden zu sein.

Und nun ist gerade in der französischen Zone Deutschlands "die Freiheit" durch die französische Militärregierung verboten worden. Palmströms messerscharfe Logik, daß nicht sein, kann, was nicht sein darf", hat sich als trügerisch erwiesen. Das Verbot gilt für vierzehn Tage und trifft eine kleinere sozialdemokratische Zeitung in Koblenz, die "Die Freiheit" heißt. Auch das sind Symbole: der Name und das Verbot. Die Maßnahme der Militärregierung macht eine kleine Gegenwart sichtbar, so wie die Statue im Hafen, von New York Sinnbild einer großen Vergangenheit ist. Nicht nur in dem künstlichen Staat Rheinland-Pfalz, sondern überall jenseits des Seidenen Vorhangs wird die Freiheit eingeengt, und das Verbot der Zeitung "Die Freiheit" liegt durchaus in der Linie der französischen Besatzungspolitik. Das Blatt der SPD, die sich in der französischen Zone SP zu nennen hat, weil man dort ein Deutschland in der Einzahl nicht wahrhaben will und an. Stelle Von "l‘Allemagne" die Vielzahl "les Allemagnes" setzen möchte, diese "Freiheit" hat nichts anderes getan als ihrem Namen Ehre zu machen. Wie aus Hannover berichtet wird, hat "Die Freiheit" ge- – meldet, daß, entsprechend einem Kommuniqué des Parteivorstands. die SPD "weiter für die Einheit Deutschlands kämpfen werde". Das Blatt habe auch etwas verlauten lassen über den Versuch des Mini-’ sterpräsidenten von Rheinland-Pfalz, vor dem Parlament, über die Demontage zu sprechen. Und schließlich habe "Di’e Freiheit" darüber berichtet, daß ein erheblicher Teil der Landeseinnahmen zur Deckung des Defizits der Saargruben verwendet worden sei. –

Nun, bei alledem handelt es sich nicht einmal um die freie Mitteilung von Gedanken und Meinungen, die in der Erklärung von 178.9 zu "den kostbarsten Rechten des Menschen" gerechnet wurden; sondern nur um die freie Mitteilung von Tatsachen. Auch läßt sich kaum annehmen, daß eine SPD-Zeitung Überzeugungen nationalistischen, nazistischen oder pangermanistischen Inhalts verbreitet hat, die-nach einer Verfügung des Kontrollrate von der deutschen Presse nicht veröffentlicht werden dürfen. Es ist wirklich, die primitivste Freiheit, die der "Freiheit" verboten worden, ist; Soweit Deutschland in Frage kommt, gehört Frankreichs Liebe nicht mehr der alten Göttin "liberte", sondern der neuen Göttin "sécurité". Die Freiheit, wird verboten, Um Sicherheit zu garantieren. Wir halten das für einen tragischen Irrtum, gerade weil wir in einer Verständigung in Freiheit die beste Garantie der französischen und der europäischen Sicherheit erblicken. Nur um dieser Verständigung willen melden wir uns zu einer Kritik, die jenseits des Seidenen Vorhangs leider nicht zugelassen ist. "On revient toujours à ses premiers amours" – man kehrt immer zur ersten Liebe zurück, heißt es in einem französischen Zitat. Das läßt einige Hoffnung übrig für eine Rückkehr Frankreichs von der Sicherheit zur Freiheit. Fr.