Als politischen Selbstmord kann man den Entschluß von Henry Agard Wallace wertet im November als Unabhängiger für die Wahl des Präsidenten der Vereinigten. Staaten zu kandidieren. Das Impulsive, Eigenwillige, ja oft Eigensinnige seines Charakters ist dem sechzigjährigen früheren Vizepräsidenten und Landwirtschaftsminister erneut zum Verhängnis geworden, es hät es den Gegnern leicht, gemacht, seine von den Progressive Cittens of America (PCA) vorgeschlagene Kandidatur, als kommunistisch zu brandmarken und zu torpedieren. Dabei ist es verhältnismäßig belanglos, daß auch bisher in der amerikanischen Geschichte alle unabhängigen Kandidaten und alle Versuche, eine dritte. Partei zu bilden, kläglich gescheitert sind: Entscheidend im Falle Wallace ist, daß er sich mit den PCA verbunden hat.

Die Vereinigung der Progressive Citiens of America (PCA) wurde nach dem Tode des Präsidenten – Roosevelt von dem Political Action Committee (PAC), der CIO-Gewerkschaften zusammen mit anderen Organen der Linken gebildet, um weiter die Ideen des New Deal und eine Politik des Fortschritts zu propagieren. Es wäre sicherlich einseitig, sie ohne – weiteteres als eine kommunistische Organisation zu bezeichnen, doch machten sich gewisse kommunistische Tendenzen in ihr bald so stark bemerkbar, daß sich unter Führung von Frau Roosevelt maßgebliche Politiker der Linken von ihr distanzierten und sogar eine eigene Organisation bildeten, die Americas for Democratic Action (ADA). Dadurch gerieten die PCA noch mehr unter kommunistischen Einfluß. Trotz dieser Entwicklung und trotz des Ansteigens der antikommunistischen Welle blieb. Wallace den CA treu, wodurch er erneut bewies, wie gering sein Gefühl für politsche Taktik und für die Auswertung realer Möglichkeiten ist.

Zunächst schien es als könnedie Kandidatur von Wallace eine Spaltung in der, demokratischen Partei hervorrufen und zu einer Gefahr fürihre Wahlaussichten führen. Man hatte daraus in der amerikanischen Öffentlichkeit bereits den Schluß gezogen, daß es der republikanischen Partei nunmehr leicht fällen werde, – ihren Kandidaten durchzubekomnen. Dies wäre – wohl richtig" gewesen, wenn Wallace die Verbindung mit der PCA vermieden und eine Form gefunden hätte, die den amerikanischen Gegebenheiten mehr entspricht. Heute werden dagegen die fortschrittliche, und der konservative Flügel der demokratischen Partei erleichtert aufatmen, weil die Partei nicht mehr mit den als kommunistisch, geltenden Linksorganisationen belastet ist. Jetzt kann die demokratische Partei hoffen, daß viele der zehn bis zwölf Millionen? Wähler, die parteipolitisch nicht festgelegt sind; bei der kommenden Wahl für sie stimmen werden, während diese Kreise im Jahre 1946 republikanisch wählten, weil Linksorganisationen, die als kommunistisch galten, damals für den demokratischen Kandidaten eintraten. Auch viele-Arbeiter gaben aus diesen Erwägungen ihre Stimme der republikanischen Partei: Seitdem aber hat sich unter dem Einfluß der antikommunistischen Propaganda bei den Arbeitern diese Tendenz noch verstärkt, so daß auch die CIO-Gewerkschaften sich der alten antikommunistischen Richtung der AFL-Gewerkschaften angeschlossen haben, wie beispielsweise Whitney von den Eisenbahngewerkschaften kürzlich demonstrativ aus den PCA ausgeschieden ist. Alle amerikanischen Politiker tragen heute dieser antikommunistischen Welle Rechnung – nur Wallace nicht. Wie die Dinge liegen,-wird er daher nicht mit viel, mehr Stimmen rechnen können als bei früheren Wahlen für den sozialistischen Kandidaten abgegeben wurden; nicht im entferntesten jedenfalls wird, er die fünf Millionen Stimmen er- – reichen, auf die es der letzte unabhängige Kandidat La Toilette im Jahre 1924 brachte, und es wäre schon viel, wenn etwa zwei Millionen Amerikaner, vorwiegend Arbeiter; von New York und Chikago und damit etwa vier Prozent der Stimmberechtigten, sich für Wallace entscheiden würden.

Die Kandidatur von Wallace dürfte daher wohl das Ende seiner politischen Tätigkeit bedeuten; Dieser Sprößling einer reichen Farmerfamilie, der mit Roosevelt eng verbunden war, wurde 1940 Vizepräsident der Vereinigten Staaten und gilt als letzter konsequenter Vertreter der radikalen New-Deal-Politik. Aufgeschlossen, ideenreich’ und kühn in seinen Gedankengängen, aufrecht, offen und ehrlich in seinem Charakter, steht er als festumrissene Persönlichkeit seit 1933 in der ersten Linie der amerikanischen Politik. Sein Kampf für soziale Gerechtigkeit und für eine Politik des Friedens machte ihn zeitweilig zum unumschränkten Führer. der politischen Linken, verehrt von weiten Kreisender Farmer, Arbeiter und Farbigen. Mit seiner Chikagoer Rundfunkrede Ende vorigen Jahres, hat er sicherlich wieder die Herzen vieler gewonnen – aber im Kampf gegen die "Kriegshetzer", gegen die "Imperialisten und Neofaschisten Truman, Dewey. Vandenberg und Luce" hieß dieser so eigensinnige Feuerkopf sich, in eine solche Position manövrieren, daß seine Kandidatur von seinen Gegnern als kommunistisch abgestempelt werden konnte. Henry Agard Wallace ist in Wirklichkeit alles andere als ein Kommunist; nach europäischen Begriffen ist er ein linksstehender ‚Demokrat und Pazifist, aber im Kampf der Präsidentenwahl sagt die Propaganda fast alles und Tatbestände wiegen nicht schwer. Die demokratische Parteimaschine hat gut gearbeitet, als sie Wallace in diese Sackgasse brachte. Trumans. Chancen sind erheblich ge- "\ stiegen – es sei denn, die Republikaner fänden einen zugkräftigen General oder einen Gouverneur als Gegenkandidaten.

W. G.