Daß die Soldaten der Roten Armee als Sieger kamen, nicht als Genossen, enttäuschte viele, die Rußland als den entscheidenden Faktor, der europäischen Zukunft betrachteten und gerade von der sowjetischen Führung erwartet hatten, daß sie schneller als die Westmächte den Weg zu – einer konstruktiven Deutschlandpolitik finden werde – gewiß nicht, aus humanitären Regungen, sondern aus – weitblickendem Realismus. Min hatte nicht gewußt oder nicht bedacht, bis zu welchem Grade die Sowjetunion im Kriege ihre wirtschaftlichen Reserven erschöpft und die Kraft ihrer Völker angespannt hatte. Wäre das Einvernehmen zwischen ... den Großmächten erhalten geblieben- und hätte die Sowjetunion ihren Wiederaufbau mit Hilfe der – Vereinigten Staaten durchführen kennen, so wäre die sowjetische Führung vielleicht bald dazu übergegangen, mit Deutschland anderes zu verfahren. Wie die Dinge lagen, war das besetzte Gebiet strategisch Glacis, wirtschaftlich Reparationsobjekt. Durch die Errichtung einer Musterordnung sozialistischen Wirtschaft die kommunistische Ideologie auf deutschem Boden zu befestigen und damit in das Herz des westeuropäischen Raumes vorzuschieben, glaubte man sich im Augenblick nicht leisten zu können.

Dem Zweck, die alte Führungsschicht zu beseitigen und durch eine neue, unbedingt ergebene undscharf disziplinierte. Elite zu ersetzen, dienten (wie nach der Oktoberrevolution in Rußland) Bodenreform und industrielle Enteignung. Nur vier bis fünf Prozent der neuen Werkleiter wurden aus der alten Oberschicht genommen, die Hälfte aus der Arbeiterklasse; der Mangel sachlicher Fähigkeiten und Erfahrungen mußte vorerst; in Kauf genommen werden.

Der Kern der Industrie, drei Viertel ihrer gesamten Kapazität. wurde demontiert Schätzungen beziffern die Verluste auf 80 .v.H. der eisenschaffenden Industrie, 78 v. H. des Maschinenbaus, 60–75 v.H. der Elektroindustrie, 80 v.H. der Feinmechanik und Optik, 60-80 v.H. der die mischen Großindustrie. Das Eisenbahnwesen wurde durch die Demontage der meisten zweiten Gleise tief in das vorige Jahrhundert zurückgeworfen.

Dem Rest der Industrie wurde ehe neue Verfassung gegeben. In der Sowjetunion selbst war den Enteignungswellen der Oktoberrevolution eine Periode des Zentralismus und Bürokratismus gefolgt, mit Methoden wirtschaftlicher Lenkung; die den katastrophalen Stand der Wirtschaft dieser Jahre wohlnicht verureacht haben, die sich aber als ungeeignet erwiesen, ihn zu überwinden. Demgegenüber suchten die Neue Ökonomische Politik von 1921, die 1926/27 einsetzende "Rekonstruktionsperiode" und vor allem die Iidustriereform von 1929/30 durch Dezentralisation und durch stärkere Betonung der Rentabilität und Verantwortung des Einzelbetriebes die Produktion zu steigern. Wirsind heute versucht zu fragen, wie weit man auf. diesem Weg fortgeschritten wäre, wenn die Entspannung der außenpolitischen Lage angehalten hätte und der Zweite Weltkrieg nicht über die Sowjetunion hereingebrochen wäre.

Es würde irreführen, die Struktur der deutschen Ostwirtschaft an den ideologischen Forderungen kommunistischer Weltanschauung oder an den Erfahrungssätzen sowjetischer Wirtschaftspraxis zu messen. Was hier auf deutschem Boden geschaffen wurde, verkörpert nicht den Endzustand einer Indüstrieorganisation sowjetischer Prägung. Es scheint vielmehr, als ob man zwecks straffer Führung und sofortiger materieller Resultate Verstöße gegen prinzipielle, ökonomische und politische Grundsätze bewußt in Kauf genommen hätte.

Die bedeutendsten Betriebe der nichtde montierten Industrie, 42 v. H. der wichtigsten Kapazitäten, wurden sowjetisches. Eigentum. Der Wert der Anlagen ist auf 3 Mrd. RM, ihr derzeitiger Umsatz auf über 1 Mrd. RM geschätzt worden. Die nachstwichtigen Werke, mindestens ein weiteres Drittel der gesamten Industrie, wurden Eigentum der Länder, Städte, Kreise und Genossenschaften. Der einzelne Betrieb verlor die rechtliche und wirtschaftliche Selbständigkeit; er sank zur Fertigungsstätte herab. Die Verstaatlichung war an keine Mindestgröße gebunden. 45 v.H. der landeseigenen Betriebe Thüringens zählen weniger als 50 Beschäftigte; unter den 84 Staatsunternehmungen Mecklenburgs befinden sich 19 Tischler- – Werkstätten. Der scheinbaren Dezentralisation auf die verschiedenen Verwaltungestufen steht eine straffe Führung durch die unmittelbar der SMA unterstehende Zentralverwaltung der Zone gegenüber. In privater Hand mag sich der Zahl nach noch ein Viertel der Industrie befinden; nach der Bedeutung bewertet handelt es sich hier aber nur um die Randbereiche einer konzentrischen Anordnung, deren innere Kreise, der Demontage, Sowjetisierung, Verstaatlichung anheimfielen.

Daß man es für zweckmäßig hielt, in dieser Organisation die sowjetischen Aktiengesellschaften besonders abzugrenzen, verfolgte einen doppelten Zweck: einmal sollte – dieser Bereich (wie Maßnahmen der Kreditwirtschaft, Buchhaltung. Revision erkennen lassen) der Publizität entzogen werden; vor allem aber wollte man, wenn es politisch notwendig oder zweckmäßig werden sollte, die Zone aufzugeben, in der Lage sein, erst auf die laufenden Reparationsleistungen, dann auf: die Verwaltung der Zone zu verzichten, um den Kern der Industrie doch in der Hand zu behalten oder nur gegen besondere Zugeständnisse preiszugeben. 4.