Shaw im Thalia-Theater, Hamburg

Die Problematik des Ärzteberufs scheint uns nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben, kein rechter Komödienstoff mehr zu sein, jedenfalls im Augenblick nicht. In Nürnberg, wo die Skrupellosigkeit und der sogenannte Forschungstrieb von Medizinern vor dem Tribunal standen, mag der Teufel gelacht haben; alle menschlichen Mienen erstarrten. Anderseits mag der Zusammenstoß zwischen einem Genie und der bürgerlichen Welt, das Bemühen eines himmlisch malenden Taugenichts, die Bourgeoisie mit Charme zu prellen, ganz ergötzlich sein; nur aktuell ist es nicht.

Beide Motive hat Bernard Shaw zu seiner Komödie "Der Arzt am Scheidewege" verflochten, einem recht zeitgebundenen und insularen Stück. Wenn wir eine Neuaufführung dennoch nicht übergehen, so deshalb, weil der komödiantische Reiz, die gute Gelegenheit für das, was man altmodisch "Ensemble" nennt, auch heute noch dieser Komödie innewohnt. Das Thalia-Theater in Hamburg, dem wir nicht immer Beifall spenden konnten, auch wenn sein Stammpublikum es tat, hat sich auf eine seiner besten Traditionen besonnen: die wohl abgestimmte Konversation und das harmonische Zusammenspiel verschiedener Charaktere zu einem eigenen Genuß zu steigern.

Das Stück hat Rollen, die jeden Schauspieler in Entzücken versetzen, und Willy Maertens bewies als Regisseur, daß er nicht nur eine jede glücklich besetzen, sondern sie auch an das geistige Band des Ganzen fesseln konnte. Heinz Klevenow entschied sich am Scheideweg, ein Arzt und ein Herr comme il faut. Aus seinem ärztlichen Freundeskreis müssen Ernst Leudesdorff und Erich Weiher wegen der Eindringlichkeit ihres Spiels genannt werden. Peter Moosbacher gab den mit Schwindsucht und moral insanity behafteten Maler recht anständig (wenn ein solches Wort in seiner Sphäre gestattet ist). Unter den vielen schwarz berockten Herren behauptete sich Gisela von Collande als erquicklicher Farbfleck; sie war die standhafte, gefühlsstarke Künstlergattin. Und Lotte Klein, als resolute Wirtschafterin, vertrat in diesem Stimmenkonzert das Fach der komischen Alten so gut, wie man es Adele Sandrock immer nachgesagt hat. L. H. Lorenz