Wie die "großzügigen" Pläne, werden auch die folgenden Vorschläge, nach denen Millionen von Nebenerwerbssiedlungen geschaffen werden sollen, vielfach als utopisch empfunden werden. Aber wem man den Plan auf die Errichtung von (zunächst) fünfzig- und später vielleicht hunderttausend solcher Stellen reduziert, ist er dank seiner Verknüpfung mit dem Selbsthilfegedanken, sicherlich eine Diskussionsgrundlage. Tatsächlich wird bereits (und nicht nur in Hamburg) sehr ernsthaft über die Verwirklichung des "Kleinhofplanes" verhandelt. Auf einer Tagung interessierter Kreise, die kürzlich in Stuttgart-Hohenheim stattgefunden hat, ist die Errichtung einer Organisation für die Westzonen eingeleitet worden, deren Ziel es sein wird, die Schaffung von Nebenerwerbssiedlungen in Angriff zu nehmen. Neben H. Jebens sind Eugen Grimminger, der Präsident des Landesverbandes Württemberg, der landwirtschaftlichen Genossenschaften, und Otto Klepper, der frühere preußische Finanzminister in die Leitung der neuen Gesellschaft berufen worden.

Nach dem Urteil der Fachleute wird der Wiederaufbau der zertrümmerten Städte und die zusätzliche Schaffung ausreichenden Wohnraums für die Flüchtlinge zwei bis drei Jahrzehnte beanspruchen: Gewiß sind neue Wege der Baumittelfabrikation und der industriellen Hausfertigung gefunden. Wäre nur, nach einer Währungsordnung, die ausreichende Kohlenmenge zur Verfügung, so könnten wir mit diesen neuen Mitteln und Methoden schon bald soviel Baustoffe herstellen, daß "eine umfangreiche Bautätigkeit möglich wäre. Aber, so heißt es, allgemein wir werden nur wenig aus der Stelle kommen, weil es überall an Arbeitern fehlt, und dazu an ausreichender Ernährung für diese, um sie die schwere Arbeit durchhalten zu lassen. Wenn aber die Bauwirtschaft keine leistungsfähigen Arbeitskräfte hat, arbeitet sie zu teuer; so daß nicht rentabel gebaut werden kann. Der Wohnungsbau würde so an die letzte Stelle rücken, woran auch keine Verordnung etwas ändern könnte.

Ohne Überwindung der beiden großen Engpässe Arbeiter und Ernährung wird die Wohnungsnot nicht weichen. Das ist ein recht trüber Ausblick. Aber wenn in der Bauwirtschaft die Frage des Arbeitermangels mit der des Nahrungsmittelmangels gekoppelt ist, muß einWeg beschritten werden, der zugleich beiden Nöten gerecht wird. Das heißt, das wir zuerst dort Wohnraum schaffen, wo die Ernährungsnot gleichzeitig mit behoben wird. Das ist nur auf dem Lande möglich.

Durch Errichtung von drei Millionen Nebenerwerbssiedlungen ("Kleinhöfen") die in der Wohnraumschaffung nicht mehr kosten, als der Bau von ebensoviel Dreizimmerwohnungen in Etagenhäusern, würden 15 Millionen Menschen zusätzlich zu Selbstversorgern werden. Durch die erhöhte Erzeugungsleistung dieser intensiv bewirtschafteten Stellen, (und die damit verbundene Einsparung von etwa 500.000 Pferden als Ernährungskonkurrenten des Menschen!) würde die Volksernährung für alle auf eine ausreichende Höhe gebracht werden. Es bliebe dabei noch die andere Hälfte des Problems, die Arbeiterfrage für die Bauwirtschaft, zu lösen.

Wenn heute einer fleißigen, landgeschulten Familie, die hungrig in einem kaltem Zimmer und oft ohne Küche dahinvegetiert, gesagt würde: Ihr könnt über die Bodenreform oder auf sonstwie zur Verfügung gelangendem Land Kleinsthofbesitzer und damit Selbstversorger werden, müßt aber zur Herstellung der erforderlichen Baumittel und bei Errichtung des Kleinsthofgebäudes (70 qm) eine gewisse Zeit (2–300 Arbeitstage) tüchtig mitarbeiten – so würden zweifelsohne Millionen Hände, die sich sonst für den Wohnungsbau nicht regen würden, hierfür verfüglich werden. Wenn nämlich noch bekannt wird, daß eine solche (mit Motorgerät genossenschaftlich bewirtschafteter) Nebenerwerbssiedlung die Familie voll ernährt, so daß das übrige Berufseinkommen erübrigt werden kann, daß also neben dem eigenen Haus und Herd volle Ernährung und eine weitgehend krisenfeste Doppelexistenz in Aussicht steht, dann werden sich bei diesem dreifachen Anreiz die sonst fehlenden Kräfte für die Bauwirtschaft anfinden.

Ohne diesem Weg der Selbsthilfe durch eigenen Fleiß dürfte in unserem verarmten und ausgehungerten Volk der Wohnungsbau in absehbarer Zeit schwerlich mit Erfolg durchzuführen sein, zumal für den städtischen Etagenhausbau ja Laienhände viel weniger eingesetzt werden können, als für den Kleinhausbau auf dem Lande. Die Kleinsthoforganisation ist dabei, in und um Hamburg den hier geschilderten Selbsthilfeweg durch eine gemeinnützige Baugenossenschaft zu beschreiten, so daß die nötigen praktischen Erfahrungen bald für andere Städte und Gebiete vorliegen werden. Die Siedlungen sollen nämlich als intensive Obst-, Gemüse- und Geflügelbetriebe in erster Linie als "Kleinsthofgürtel" um die Städte errichtet werden, um so für diese schnell und zweckvoll die Wohnungs- und Ernährungsnot zu mildern.

Der hier skizzierte Selbsthilfeweg kann die Doppellösung der Wohnungs- und Ernährungsnot bewirken, weil der Kleinsthof als (motorisierte) Nebenerwerbssiedlung eine Doppeltätigkeit ermöglicht. indem die Frauen, die herangewachsenen Kinder, die Altrentner, Pensionäre, Kriegsversehrten usw. ohne allzu große Belastung die Arbeit dort leisten, so daß der Siedler selbst weitgehend oder sogar voll der Industrie und Bauwirtschaft zur Verfügung steht.