In Frankreich herrscht großer Jubel über die erhöhten Ruhrkoks-Zusagen, die von englischer und amerikanischer Seite für den Fall weiter steigender Steinkohlenförderung im Ruhr-Aachen-Gebiet gemacht wurden. Wie erinnerlich, ist in Erweiterung der in Moskau vereinbarten Zahlen vorgesehen worden, daß nach Erreichen einer Tagesförderung von 300 000 t Steinkohle jährlich 7,6 Mill. t Koks exportiert werden sollen, und daß sich diese Exportziffer bei einer Tagesförderung an Kohle von 330 000 t auf jährlich 8,4 Mill. t erhöhen soll. Eine entsprechende weitere Heraufsetzung des Koksexportes soll bei weiterer Förderzunahme vorgenommen werden. Im übrigen wurde erneut bestätigt, daß zwar gegenwärtig der Höchstanteil der Ausfuhren an der deutschen Kohlenförderung 25 v. H. betragen soll (in Zusammenfassung der Kohlenausfuhren und der Koksexporte in umgerechnetem Steinkohlenwert), daß jedoch mit aller Kraft ein Exportziel von 30 v. H. der Kohlenförderung angestrebt werden soll, wenn die Tagesleistung im Ruhr-Aachen-Gebiet 440 000 t erreicht.

Nun soll man das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist, und daher ist es weise, daß der höhere Exportanteil der noch in weiter Ferne liegenden Tagesförderung von 440 000 t (der Dezember-Durchschnitt lag bei 260 000 t) nicht schon jetzt festgelegt, sondern nur als sehr erstrebenswert bezeichnet wird. Andernfalls könnte es leicht sein, daß man das "Bärenfell" der deutschen Kohlenförderung und Koksproduktion des Jahres 1949 oder 1950 nach den Gesetzen einer "Mode" zuschnitte, die sich dann später, ganz anders gestaltet, so daß der Zuschnitt einer unwirtschaftlichen Verteilung gleichkommen würde.

Zweierlei ist nämlich bei der Erhöhung der Exportquote für Kohle und bei der Steigerung der Koksausfuhr zu beachten. Einmal darf man sich nicht zu sehr an den Ausfuhranteil der Kohlenförderung im Ruhrrevier vor dem Kriege halten, der 1936 noch 31,33 v. H. betrug, 1938 auf 26,56 v. H. zurückgegangen war; denn damals stand der deutschen Wirtschaft neben der Ruhrkohle auch die Kohle aus dem Saargebiet und aus Schlesien zur Verfügung. Außerdem war die Ausfuhr jeweils ein verfügbarer Überschuß, der im übrigen eigentlich um die Kohlenmengen gekürzt wenden müßte, die vor allem nach Norddeutschland eingeführt wurden. Zweitens ist bei der Gestaltung der Kohlenausfuhr zu bedenken – was übrigens bei den Dreimächte-Besprechungen auf englischer und amerikanischer Seite auch der Fall gewesen zu sein scheint – daß Frankreich die wirtschaftliche Angliederung des Saargebietes zu einem Dauerzustand zu machen wünscht. Wenn im Jubel über das Ruhrkoks-Abkommen heute in Frankreich bereits die Hoffnung ausgesprochen wird, daß Frankreichs Stahlproduktion im Jahr 1951 um 1 Mill. t höher liegen werde als die deutsche Stahlerzeugung, so ist dabei offensichtlich sowohl die Eingliederung des Saargebiets als auch die ständige Sicherstellung der zunächst nur "angestrebten" hohen Exportquote von Kohle und Koks aus dem Ruhrgebiet einkalkuliert.

Es ist ein alter französischer Wunsch, die Stahlerzeugung auf mindestens 12 Mill. t jährlich zu bringen, die vor dem Kriege zwischen 6 und 8 Mill. t jährlich lag. So sehr es Aufgabe der deutschen Nachkriegswirtschaft sein muß, den westeuropäischen Nachbarn bei der Wiederherstellung ihrer Vorkriegsleistungen zu helfen, so fragwürdig wird die Exportplanung für Massengüter, wenn sie grundlegende Umschichtungen in der Struktur der westeuropäischen Grundindustrien zum Ziele hat. Der französische Jubel könnte sonst mit ernsten Störungen des westdeutschen Wiederaufbaues erkauft werden – und dies in einem Augenblick, in dem nicht die Befriedigung von alten Einzelwünschen, sondern die Erfüllung einer gemeinsamen westeuropäischen Aufgabe unter bestmöglicher Ausnutzung der Marshall-Hilfe das Ziel ist.

Gw.