Drei Zentren sind es, an denen sich die Gewaltigen des "bizonalen" Frankfurts immer wieder treffen: das Gebäude des Wirtschafts- und Exekutivrates, das der Volksmund noch immer – denn nur allmählich fügt sich die Gewohnheit der besseren politischen Einsicht das Gauhaus nennt, weil dort früher die Gauleitung ihren Sitz hatte; der Börsenkeller, wo die Politiker des Wirtschaftsrates unter den Augen der öffentlichen Meinung zu Speisen pflegen, und das Hotel "Monopol-Metropol", wo viele von ihnen wohnen.

Der Börsenkeller ist – heute die Frankfurter Nachrichtenbörse. Dort sitzen die Abgeordneten, die sonst durch Welt- und Wirtschaftsanschauungen weit getrennt sind, eng beisammen um die gleichgeteilten, zeitgemäßen Töpfe In den Ländern, die sie vertreten, sind mitunter die Kartoffeleinkellerungsquoten sehr Verschieden; hier aber demonstriert ihnen der bizonale Zentralismus mit strenger Überzeugungskraft die Notwendigkeit seiner Existenz. Hier erweist sich alltäglich, einmal zur Mittags-, einmal zur Abendstunde, die koordinierend? Kraft des Eintopfs in ihrer ganzen Versöhnlichkeit, was freilich nicht hindert, daß um die gleichgefüllten Schüsseln die unterschiedlichsten Gerüchte schwirren. In dieser an Variationen so reichen. Enge bieten sich dem Neugierigen, sobald erst die privaten Hemmungen des Zartgefühls überwunden sind, Informationsmöglichkeiten, wie er sie sonst nirgends findet. So kommt es, daß auch Journalisten um den Frankfurter Eintopf kreisen.

Der Brennpunkt bizonaler Geschäftigkeit aber ist das beim Hauptbahnhof gelegene Hotel "Monopol-Metropol". Es ist in doppeltem Sinne beziehungsreich wie sein Name; denn da fast lauter Abgeordnete, Minister, Direktoren der Verwaltungen dort wohnen, ist es ein Monopol der Politiker und damit in dem engen Maßstab, der heute für die Frankfurter Verhältnisse gilt, ein Rendezvous-Platz der Metropole. So spiegelt das "Monopol-Metropol" schon in Aussehen und Aufmachung die Zeit die ihm seinen Rang. gab. – Hat es auch nie zu den ersten Hotels der Stadt gehört, so war es doch immer als ein gutes, solides Haus bekannt. Jetzt ist, das oberste Stockwerk ausgebrannt, die Einrichtung hat stark gelitten, seit Jahren Wurden keine Neuanschaffungen mehr gemacht, sogar in den Räumen der Minister fehlt der Vorhang, und Glühlampen sind auch dort ein rarer Artikel. Noch mehr ist – aber typisch, daß die Abgeordneten aus Mangel an Zimmern während der-Tagung des Wirtschaftsrats zu zweit in einem Raum untergebracht werden müssen. Viele von ihnen wollen abends arbeiten, und deshalb empfindet der eine den anderen selbst bei größter Rücksichtnahme oft überflüssig und störend.

Das Hotel ist heute ein Männer-Hotel. Die Sekretärinnen sind anderwärts untergebracht, und jene besorgte Gattin eines höheren Verwaltungsbeitraten, die sich anläßlich der Übersiedlung der Verwaltungsämter nach Frankfurt in einem Briefan den Oberbürgermeister der Stadt mit der Bitte, wandte, er möge doch seinen Einfluß, dahin geltend machen, daß die Sekretärinnen, die ihre Männer schon während des Krieges durch ganz Europa begleitet hätten, nicht auch jetzt wieder mit an den neuen. Wirkungsort zögen, kann unbesorgt sein. Es ist ein recht spartanisches Leben, das die Herrenführen. Nicht einmal eine einzige Flasche Wein können sie sich im "Monopol-Metropol" kaufen, da dem Hotel wenn nicht der Wein, aber doch wenigstens die Flaschen fehlen. Allein es fehlt ihm an noch Viel notwendigeren Dingen. Es gibt keine Bürsten. Auch ist in dem ganzen Haus nur ein einziger Staubsauger vorhanden.

Einen Vorteil bietet die Enge des Beieinanderwohnens schließlich doch: ein Rendezvous mit dem Fraktionskollegen, ein Gespräch mit einem Verwaltungsdirektor oder Minister bedarf keiner langen Verabredungen. Man läuft sich gegenseitig immer wieder in den Weg, Da wohnt der Präsident des Wirtschaftsrates, Dr. Köhler, der, um wenigstens beim Frühstück politischen Gesprächen zu entgehen, seinen Kaffee, auf dem Zimmer nimmt, Ein Stockwerk höher hat der frühere bayerische Wirtechaftsminister Dr. Ehrhardt sein-Zimmer, der jetzt die Sonderstelle Geld und Kredit leitet, also die Währungsreform theoretisch vorbereitet; Schlange-Schöningen. der Direktor der Verwaltung Ernährung und Landwirtschaft, muß nicht weit gehen, wenn er sich mit dem Direktor der Finanzen, Hartmann. besprechen will. Auch der Exekutivrat, dienstlich zuweilen ein Antipode des Wirtschaftsrates, ist hier ein friedlich-freundlicher Mitbewohner auf gleicher Etage, vertreten durch Dr. – Spiecker; der eine kleine Partei, aber eine große politische Erfahrung repräsentiert. Auch der Fraktionsführer der CDU. Dr. Holzapfel, hat dort sein Zimmer, und so können Parteivorsitzende schon am Morgen oder noch spät abends in der Hotelhalle miteinander Fühlung nehmen, wenn sie es wollen. Und in der Tat: die Atmosphäre einer solchen boardinghouse-ahnlichen Gemeinsamkeit bringt auch in den politischen Umgang. versöhnliche menschlich verbindende Gefühle.

Es gibt drei Sitzungssäle im Haus. Sie werden manchmal alle zur selben Zeit benutzt. Dann ist die Halle der Raum, in dem sich die Paare zusammenfinden nur daß es hier seriöse, würdige Vertreter des gleichen. Geschlechts sind und daß es nicht die Liebe ist, sondern die Politik, die ihnen am Herzen liegt. – Politische Metropole von Bizonia im "Monopol-Metropol". Das Quartler in einfach, ziemlich eng und zeigt auch in diesem Rahmen, wie schmal unser Lebensraum geworden ist, auf dem doch so viele Sorgen wohnen.

Robert Strobel