Professor Dr. Dr. R. Kerschagf, Rektor der Hochschule für Welthandel in Wien, hat unserm dortigen Wirtschaftskorrespondenten ineinem Interview die folgende Darstellung über die Wirtschaftsverhältnisse im neuen Österreich gegeben.

Als im Frühjahr 1945 Österreich seine heiß ersehnte staatliche Selbständigkeit wiedererlangte, fielen ihm damit keineswegs etwa paradiesischeZustände in den Schoß. Die Industriestädte des Landes waren zu einem erheblichen Teil gebombt, nicht unbeträchtliche Teile der industriellen, wie der landwirtschaftlichen Einrichtungen als Kriegsbeute weggeführt. Die Lösung der im Jahr 1938 mit Deutschland hergestellten Währungseinheit stieß sowohl auf Schwierigkeit offener Grenzen, wie auf Zonenbarrieren innerhalb des Landes, welche, letztere den Wirtschaftsverkehr überhaupt erheblich beeinflußten. Das Land war von Kriegsgefangenen sowie von "versetzten. Personen" überschwemmt, während Zehntausende eigener Kriegsgefangener auf ihre Rückkehr warteten. Ein Friedensvertrag, der die Verfügung über die eigenen Güter und Wirtschaftsprodukte Österreichs sowie seine Grenzen unbedingt sicherstellen sollte, lag ungeachtet aller Zusagen noch in weiter Ferne. Die seinerzeitige Annexion Österreichs durch Deutschland und die zeitweilige Betrachtung des Landes als "Luftschutzkeller" hatten zur Neugründung und Überdimensionierung von Industrien mit starkem Kriegscharakter geführt, deren Wert für eine Friedenswirtschaft selbst dann problematisch erscheinen mußte, wenn die Eigentumsfrage zugunsten Österreichs bereits geklärt worden wäre. Nicht zuletzt lasteten vonAnfang an die Unklarheiten in der Frage des deutschen Eigentums und damit der wertvollsten Bestandteile, vor allemder Bodenschätze Österreichs, als eine Art Albdruck über dem Land.

Nichtsdestoweniger ging das Land mit starker Energie an die Arbeit. Die Wiederherstellung der Staatsselbständigkeit, ein lang gehegter Wunsch aller Österreicher, und ein damit wiedererstarktes Nationalbewußtsein, hatten einen starken Willen zur Zusammenarbeit beim Wiederaufbau im Innern des Landes geschaffen, der sich zunächst in einer Konzentrationsregierung, später in einer Koalitionsregierung dergroßen Parteien äußerte. Die Hilfe eines Teiles der Besatzungsmächte durch Demobilisationsgüter und Kredite, die Ernährungshilfe durch die UNRRA und später durch Ernährung - und Rohstoffkredite, hielten die Existenz des Landes in wirtschaftlicher Beziehung aufrecht. Wenn auch auf dem Gebiet der Währungspolitik zunächst nur Notlösungen möglich waren, und Ende 1947 abermals eine Abschöpfungsaktion des Umlaufs und der Konten die Gestalt eines neuerlichen Gesetzentwurfs annahm, ohne daß die Frage definitiver, echter Kurse bisher gelöst werden konnte, so gelang es doch, ein Preis- und Lohnabkommen zu schließen, dasfür den Wirtschaftsfrieden von erheblicher Bedeutung war, sowie in der heiklen Frage des Außenhandels – vor allem im Weg induvidueller wie genereller Kompensationen sowie von Verrechnungskonten– den Ausbau der zwischenstaatlichen Wirtschaftsbeziehungen wieder in Gang zu bringen. Mag deren Ausgleich ohne Kreditüberbrückung selbst beim gegenwärtigen Lebensstandard in nächter Zeit noch kaum möglich erscheinen, so sind doch weitere Fortschritte auf diesem Weg erzielt und erzielbar. Die Naturschätze Österreichs, wieEisen, Holz, Magnesit, der Ausbau seinerWasserkräfte, eine mit der Verbesserung der Lebenshaltung zu erhoffende verstärkte Arbeitsintensität und das starke Anpassungsvermögen des Österreichers an wirtschaftliche Schwierigkeiten lassen zwar keine Wunder, aber doch weitere Fortschritte durchaus erwarten.

Was Österreich heute vor allem braucht, ist Sicherheit seiner Grenzen, seines Landes und seines Eigentums durch einen vernünftigen Staatsvertrag. Sobaldes über die eigenen Mittel für seinen Wiederaufbau wieder in angemessener Weise verfügen kann, wird sich auch jede ihm zuteil werdende Kredithilfe in einer ungleich größeren Steigerung der Produktionsaktivität als bisher auswirken können Die rings um Österreich vor sich gehenden Änderungen in der Wirtschaft und Staatsstruktur seiner Nachbarstaaten, nichtzuletzt der Donaustaaten und Deutschlands, werden sicher gewisse Neugliederungen der österreichischen Wirtschaft notwendig machen, aber eine solche, wie schon das Beispiel nach 1918 gezeigt hat, keineswegs unmöglich erscheinen lassen. Was aber Österreich vor allem braucht, ist eine friedliche und von Wiederaufbaugedanken erfüllte Weltwirtschaft. Ein aktives Stück davon sein zu können, ist nicht nur eine Hoffnung, sondern eine berechtigte Erwartung aller Österreicher.

Eine besondere Bedeutung besitzen für Österreich drei Probleme. Das erste ist begründet auf der Tatsache, daß Österreich als kleines Land weniger zur Herstellung von Massenwaren als zur Fertigung besonderer Qualitätsarbeit befähigt erscheint. Die Nachfrage nach Qualitätsarbeit wird aber erst mit zunehmender Befriedigung des Bedarfs am Allernotwendigsten in der ganzen Welt ihre volle Bedeutung erhalten. Hier kann allerdings Österreich Besonderes leisten. Dies gilt, zweitens, auch für Österreichs in der ganzen Welt anerkannte und von niemandem bezweifelte künstierische und wissenschaftliche Potenz. Auch die Auswertung dieser Potenz wird in der ganzen Welt in hohem Grad davon abhängig sein, als zunächst der dringendste Bedarf an Nahrung, Kleidung und Wohnung wieder gedeckt sein wird, und aus Notstandsgebieten fruchtbarer und aufnahmefähiger Boden für Kunst und Wissenschaft geworden ist Drittens aber ist es das Zeitmoment, das für Österreich eine besondere Rolle spielt. Der Ausbau unserer Wasserkräfte, der Wiederaufbau unseres Fremdenverkehrs, die volle Auswertung unserer Bodenschätze und nicht zuletzt die Wiederherstellung zerstörter Produktions- und Wohnstätten werden eine gewisse Zeit beanspruchen. Eine Zeit, deren Gesamtdauer am Weltgeschehen gemessen vielleicht kurz, am Geschehen furchtbar hergenommener Generationen immer relativ zu lang erscheinen wird. Österreich ist davon überzeugt, daß dieser Zeitraum um so stärker verkürzt werden kann, als der Gedanke der Gemeinsamkeit desAufbaues dessen Tempo eine durchaus mögliche und höchst lebenswichtige Beschleunigung zuteil werden läßt.