Von Wilhelm Uhde

Am 17. August 1947 ist Wilhelm Uhde in Paris gestorben. Bald nach der Jahrhundertwende war er in diese Stadt gekommen, die seine Wahlheimat wurde. Damals war dort im Kreis von Künstlern und Kunstliebhabern die ‚Fehde für und wider Cézanne entbrannt, für den er – einer der ganz seltenen überragenden Kenner künstlerischer Qualität – sich mit jener kämpferischen Begeisterung einsetzte; die ihm’sein Leben lang, eigen war. Nicht lange, so entdeckte er als erster den jungen-Picasso, der – in seiner frühen kubistischenPeriode – sein Porträt malte. Mit dem in Deutschland leider so unbekannten Dichter Jarry zusammen gehörte er zum Freundeskreis des Malers Rousseau, des Zöllners, dessen Bilder er zum ersten Male – in einer zusammenfassenden. Ausstellung zeigte, die den Ruhm dieses größten der modernen französischen Primitiven begründete, Vier andere dieses Malerkreises, der keine Gemeinschaft war, denn sie kannten sich untereinander nicht – Vivin. Bombois, Bauchant und die Seraphine – hat er liebevoll betreut; er hat ihre-Werke gesammelt und dadurch der Welt erhalten und bekanntgemacht. Ohne ihn wäre diese zarte und schöne Blüte der französischen Malerei für uns verloren. – Man malt in Frankreich, wie man bei uns schöne Blüte der und wie man bei uns Tage der Hausmusik feiert, gab es in Paris Ausstellungen von Lafenkünstlern der Malerei, so etwa jährlich den "Salon der malenden Postbeamten", der vom Minister persönlich eröffnet wurde; zu ihnen gehörte Vivin. Diese modernen Primitiven schildern die Welt mit jener – naiven Versenkung, mit der Mönche früher in ihren.-Zellen mittelalterliche Handschriften illuminierten. Uhde hat die großen Maler unten ihnen, die von den "Kenngrn" verlacht worden, als erster gefunden und die hohe Qualität erkannt, die sie mit den Meistern der französischen Malerei verbindet Heute hängen. Werke von Rouleau und Vivin im Pariser Louvre, jenem Museum, das nur große Künstler nach ihrem Tode aufnimmt. – Zu Beginn des Weitkriegs mußte Uhde nach Deutschland zurückkehren. In Berlin veranstaltete er 1924 bei Gurlitt eine Ausstetlung junger deutscher Künstler. "Sagen Sie, was Sie wollen", so erklärte er mit einer Handbewegung, die den ganzen Raum umfaßte, "ich glaube an diese jungen Menschen". Zu ihnen gehörte Helmut Kolle, die den Jahr:später mit Uhde nach Paris ging, jener früh verstorbene junge Maler, der auf dem Wege war, einer der größten Koloristen unter den Deutschen zu werden. Als Hitlet 1939 den Weltbrand entfachte, mußte Uhde fliehen. Er war auf Grund seiner 4Le:bense.rinnerungen. die unter dem Titel "Von Bismarck zu Picasso" in der Schweiz erschienen waren, von den Nazis ausgebürgert worden. Während der deutschen Besatzung verbarg er sich auf dem Lande und entging nur mit knapper Not den dauernden Nachstellungen der Gestapo. Vor seinem Tode schrieb er – ein alter weiser Mann geworden – ein Buch über die "Fünf primitiven Meister", das demnächst im Atlantis-Verlag. Zürich, erscheint, mit dessen Genehmigung wir die folgenden Zeilen: abdrucken. Tgl.

Um das Jahr 1912 mietete ich in Senlis für fünfzehn Francs im Monat eine kleine Wohnung, "die aus zwei Zimmern und einem Vorraum bestand. Ich hatte alte anspruchslose Möbel hineingestellt und an den Wänden anonyme. Bilder aufgehängt. Es war die Ruhe nach den homerischen Kämpfen, die es damals in Paris für die moderne. Malerei zu bestehen gab.

Was mich nach Senlis gelockt hatte, war dieser Himmel der lle de France; der sich schöner und reiner als sonstwo. so schien es mir, über der alten Stadt wölbte. So hätte er einst die Franken gelockt, die sich hier niedergelassen hatten. Unter dem Segen seines köstlichen Grau war damals, Gallisch-Römisches mit Germanischem zu schöpferischer Einheit verschmolzen worden. Aus germanischer Sehnsucht undgallisch-römischem. Formgefühl erwuchs der holde Bau der Kathedrale, einer des frühesten gotischen Stils in der lle de France... Das innere Feuer des barbarischen Stamms, der seine geheimen Affinitäten – der Seelenbildungand vielleicht des Ursprungs – mit dem alten Hellas hatte, trieb das. Gebilde dem köstlichen Gimmel entgegen, während das Gefühl des Maßvollen und der künstlerischen Verantwortung der gallisch-römischen Sinnesart es an die Erde fesselte und ihm rhythmische Haltung gab. Vertikales und Horizontals gingen eine Symbiose ein. Der Enthusiasmus der Idee einte sich mit dem Heroismus; der Form. Aus dem Gegensatz des Dynamischen und des Statischen erwuchs die bestimmte. Harmonie, die wir gewohnt sind, Gotik zu nennen. Nie habe ich dieses Ereignis zärtlicher und reiner empfunden als in Senlis Aber ich wußte nicht, als ich hierher zog; daß in dem großen Schweigen ein Menschenschicksal sich vollendete, indem es diesen Traum zu einer neuen Wirklichkeit gotischen Fühlens und Gestalten? wiedererweckte. Daß hier das geheiligte Herz einer Dienenden die Berufung fühlte, die Erhabenheit des Mittelalters neu zu beleben und in gewaltigen Gebilden aus gotischem Geiste zu gestalten Ich konnte nicht wissen, daß hier eine Glocke bereit war zu tönen, eine Harfe zu klingen. Und auch dieses wußte ich natürlich nicht, daß ich selbst in dieses herrliche Abenteuerhineingezogen werden sollte, daß ich hier eine große Aufgabe, vom Schicksal erhielt, die ganz dem Sinn meines Lebens entsprach. Ohne ein Vorgefühl dessen, was kommen sollte, bezog, ich die kleine Wohnung an der Place Lavarande.

Jeden Morgen kam eine alte Frau, die man mir Empfohlen hätte, für eine Stunde, um meine kleine Wohnung aufzuräumen. Außer ihremNamen Serarhine Louis, wußte ich nichts von ihr, und ich beachtete sie nicht weiter, Ihr Erscheinen war für mich jedesmal der Anlaß, meinen morgendlichen Spaziergang über die Wälle der Stadt zu beginnen.

Eines Tages bemerkte ich bei kleinen Leuten in Senlis ein Stilleben, welches einen außerordentlichen Eindruck auf mich hervorbrachte, daß ich vor Ergriffenheit schweigend vor ihm stehen blieb. Während ich es länger betrachtete, machte ich mir klar, daß diese Wirkung keiner äußerlichen Ursache zuzuschreiben war, sondern ausschließlich einem so großen, künstlerischen Werte, daß das Bild einer genauen Prüfung standhielt, Es stellte Äpfel dar, die auf einem Tische lagen, sonst nichts. Aber es waren wirkliche Äpfel, in einer schönen festen Materie modelliert Cézanne wäre glücklich gewesen, sie zu sehen. "Wer hat dieses Bild gemalt", fragte ich. – "Seraphine", antwortete man mir. – "Welche Seraphine?" – "Nun, ihre Aufwartefrau. Sie dachte daran, uns das Bild zu verkaufen. Aber wenn Sie es wünschen, treten wir gern zurück. Es kostet acht Francs."

Als Seraphine am nächsten Tag beilmir ankam, sah sie auf einem Stuhle das Stilleben. Sie begann zu lachen. "Monsieur hat mein Bild gekauft? Es gefällt also Monsieur?" – "Sehr gut. Haben Sie noch mehr?" Sie brachte ein halbes Dutzend, von denen jedes einen gleich großen Eindruck auf mich machte wie das erste. Eine seltene Leidenschaft, ein heiliger Eifer, eine mittelalterliche Glut lebte in diesen Stilleben. Ich zeigte einige dieser Bilder den kompetentesten meiner Freunde: sie waren so bewegt wie ich.