Werner Egk-Uraufführung in Baden-Baden

Das Ballett hat in Deutschland niemals die gleiche Rolle gespielt wie in den angelsächsischen. oder romanischen Ländern. So aufmerksam bei uns die Entwicklung desSchauspiels oder der Oper diagnostisch beobachtet wird, so beiläufig – gleichsam als spezialistischer Sonderzweig – wird das Ballett behandelt. Der Tanz ist aber kein Anhängsel der Oper, sondern ihr Vorläufer; er ist das rhythmisch-mimische Grundelement des Theaters. Immerhin gibt es auch in Deutschland einige Avantgardisten des Bühnentanzes: sie werden im allgemeinen viel zuwenig geschäzt. Da ist der Ballettmeister Wosien in Stuttgart. Da ist in München der Tänzer Luipart, der jahrelang mit dem Monte-Carlo-Ballett von Massine gearbeitet hat. Überall aber hört man klagen.daß es an guten Balletteusen fehle. Die Gegenklage der Ballettmeister ist, daß sich die Ballett-Literatur nicht auf der Höhe der Oper hält. Dies aber trifft, angesichts der umfassenden, ausländischen Ballett-Werke nur bedingt zu. In Deutschland hat immerhin Carl Orff mit den "Carminaa burana" eine neue Taditionsgrundlge geschaffen, die die Opernbühne wieder aufs engste mit dem Tanz verquickt. Und jüngst hat auch Werner Egk den Weg, den er im Ballett Jean von Zarissa" beschritten hatte, wiederaufgenommen und das Repertoire des Bühnentanzes um ein Faust-Ballett bereichert, das in einer Konzertfassung unter seiner Leitung vom Großen Sinfonieorchester des Südwestdeutschen Rundfunks in Baden-Baden uraufgeführt wurde.

Egk ist dabei dem alten’Entwurf von Heinrich Heine gefolgt, in dessen Mittelpunkt nicht Mephisto, sondern die Zauberin "Bellastriga" steht. Fausts glanzvoller Aufstieg als Magier endet mit einem bösen Gottesurteil: er wird von der rasenden Menge zerstampft, Worauf es Egk offenbar -vor allem ankam, war das Kabbalistisch-Verworrene, Derb-Groteske und Grausliche aus geradezu mittelalterlichen Vorstellung. Dabei sind Egks Tanzstücke merklich nicht aus der unmittelbaren Zusammenarbeit mit der Ballett-Praxis hervorgegangen wie dies bei Strawinsky der Fall war! Sie beziehen ihre tänzerische Ausdruckskraft vielmehr aus einer – nun, sagen wir: eigenständigen Verve und Frische: die von je die Musik Egks auszeichnete. Aber erst die Versinnlichung auf der "Bühne wird den-starken, mittelalterlich-geheimnisvollen Stimmungsgehalt der außerordentlichen Partitur voll nur Gelting bringen. Egon Vietta