In der Hamburger Kunsthalle eröffnete der Kunstverein eine Ausstellung "Laien-Malerei von 1800 bis zur Gegenwart".

Alle Hochachtung: eine anregende Ausstellung – dies ist das erste, was der Eintretende feststellt, wenn er sich schon im Vorraum an hübschen Zeichnungen von Schiffen erfreut, die von Hamburger Seeleuten stammen. (Sie fahren nicht mehr, die alten Seebären, aber sie zeichnen noch.) Sodann, im ersten Raum, kann man ein Poesiealbum aus dem Jahre 1781 sehen, das sich in einer Lübecker Familie erhalten hat: gepinselte Andenken, Ornamente bürgerlichen Behagens einer vergangenen Zeit. Läßt man im übrigen diesen und auch den nächsten Raum aus, so trifft man auf die Zeichnungen des Laienmalers Carl Theegen: der ist ein Hamburger Hilfsgärtner und Gelegenheitsarbeiter, der auf die Rückseite von Tapeten illustrative, schwungvolle Szenen mit Kühen und Cowboys, Pferden und Indianern malt, und es scheint, – daß die Groschenromane von einst den heute mehr als Sechzigjährigen dazu angeregt haben und immer noch anregen. Der nächste Saal gilt Bildern von Adolf Przibill: der ist Konditormeister und Cafetier zu Hamburg und – ein seltsamer Fall. Daß Noldes Kunst seiner Laienmalerei wahrscheinich das große, Vorbild gab,will vielleicht noch nicht viel besagen; er ist ein Maler, der – offenbar ungestört von Überlegungen des Kunstverstandes – seine oft düsteren und verwirrenden Visionen rasch, fast wild aufs Papier schleudert. Solche Begabungen sind früher stark beachtet worden, wenn auch mehr aus psychologischer als aus künstlerischer Sicht. Aber im nächsten, dem letzten Raum, wird’s wieder hell und freundlich. Denn dort hängen Aquarelle ungenannter Laienmaler denen der Lübecker Lehrer Hans Friedrich Geist – offensichtlich eine eminent pädagogische Begabung – im Rahmen seiner Tätigkeit an der Lübecker Volkshochschule die Mittel und auch die Zügel gab, daß sie ihrer Phantasie freien und zugleich geformten Ausdruck verleihen konnten. So sind ganz köstliche Gebilde entstanden, die, wenn auch nicht Kunst, so doch künstlerisch sind und die, weil etwas Schlichtes, Natürliches und Reines, nämlich die Freude am absichtlosen Gestalten, sichtbar bleibt, unmittelbar erfreuen. – So, und jetzt zurück zu den ersten Räumen der – wir wiederholen es – bunten, anregenden, achtbaren Schau. Denn hier gilt es, einen Irrtum aufzuklären.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die deutsche Musik einen solchen Höhepunkt erreicht, daß keine Weiterentwicklung mehr möglich schien, in keiner Weise, erst recht nicht auf artifizielle Art. Da trat im Rußland jene Gruppe von Komponisten auf, von denen der größte Mussorgsky hieß. Berufsmusiker waren sie in ihrer Mehrzahl nicht. Mussorgsky selbst war ein Beamter und nebenbei ein Säufer. Aber wie billig ist es, dies zu betonen! Er war nicht nur ein wunderbarer Pianist, dem nur wenige, Berufspianisten das Wasser reichen konnten; er war ein Schöpfer von hohen Graden: und so, als ein von Natur und Kunstverstand überaus großer Komponist, hat er der Musik der ganzen Welt ein neues Tor geöffnet. Daß man ihn bei Lebzeiten zu wenig erkannte, daß er Beamter blieb, bis er ein Säufer wurde und sich zu Tode trank – was zählt’s! Dennoch blieb es lange Zeit üblich, ihn und diese nichtakademische russische Gruppe, die nicht auf die Lehren der Konservatorien, sondern auf eigene, innere Stimmen lauschte; generaliter als Laienmusiker zu bezeichnen. Ein Urteil, dem der Vergleich ihrer scheinbar primitiven Partituren mit den sehr künstlichen ihrer deutschen Zeitgenossen Recht geben wollte...

War Oluf Braren, der von 1787 bis 1831 auf der Insel Föhr lebte und von dem etwa 25 Bilder erhalten sind, deshalb ein Laienmaler, weil er Volksschullehrer war? Möglich, daß man bei ihm, der in der Tradition der dänischen Romantik malte, darüber. streiten kann, ob man ihn als echten Künstler statt als einen malenden Magister werten soll. Bei jener Gruppe der im zweiten Ausstellungsraum vertretenen französischen "Primitiven" aber kann weder Streit noch Zweifel sein: Da hängen Bilder von der Seraphine. von Vivin, von Banchant und Bombois, von Angehörigen jener Gruppe, die für die Entwicklung der Kunst eine ähnliche Bedeutung wie die der russischen Komponisten haben sollte. Die Unterschiede? Verschiedene Länder, verschiedene Kunstebene (Malerei und Musik), und – die neurussischen Komponisten waren höhere Beamte, Offiziere, Gelehrte, sogar ein General unter ihnen, die französischen Maler wären Beamte vom Zoll (Henri Rousseau) und von der Post (Vivin), und sogar eine Aufwartefrau (die Séraphine) war dabei. – Vielleicht im Leben, aber nicht in ihrer Kunst waren sie Laien. Kurzum, diese Bilder gehören nicht hierher in diese Ausstellung, die gewiß als Lobpreis der Laienmalerei Anregung geben möchte (und die dieses Prinzip, sehr schön erfüllt), aber nicht verwirren sollte." Allerdings, man kommt, die Laienmaler zu sehen, und bleibt, um bei der Gruppe der französischen "Primitiven" zu verweilen, bei deren Anblick man begreift, was der Titel der Ausstellung nicht zu geben versprach: nämlich die Ahnung, was das sei: echte, tiefe, wahre Kunst.