Senator Taft, der achtundfünfzigjährige Republikaner aus Ohio, ist, obgleich einer der führenden amerikanischen Staatsmänner, die Verzweiflung aller Journalisten: Es gibt keine Anekdoten über ihn. "Viel Auffallendes ist nicht an mir", bekannte – er einmal selbst, "ich bin schon verdammt normal." Und doch: Wenn ein Mann, von dem die Rede geht, daß er mit mehr Geschick als irgendein anderer falsche Entschlüsse träfe, zu den – drei aussichtsreichsten Kandidaten für den im November freiwerdenden Präsidentenstuhl der Vereinigten Staaten zählt, so kann das nicht nur auf seine Durchschnittlichkeit zurückzuführen sein, und auch nicht auf ’seine, oft Heiterkeit erweckende überdimensionale Aktenmappe und seine Neigung, Hut, Schirm und Galoschen in den Garderoben zu Vergessen. Der massige, fast ungeschlachte Robert. Alfonso Taft hat von seinem Vater, dem 27. Präsidenten der USA, William Howard Taft, die glänzende juristische Begabung geerbt, die ihn schon früh Zu einem gefürchteten Anwalt werden ließ, und seit 1917 ist er vertraut mit allen Feinheiten und Tricks des politischen Lebens in Washington, eingeweiht in die letzten Finessen des großen Spiels im Weißen Haus. Heute gilt Taft als der erste republikanische Experte in Steuer-, Finanz- und Fiskalfragen. Kein Gegenkandidat, der sich als politischer Fachmann mit ihm messen dürfte. Aber wird das genügen, um seine Unpopularität wettzumachen? Dem, nüchternen, humorlosen "Bob", wie ihn seine Freunde nennen, fehlt kurz, gesagt jeder "politische Sex Appeal". Man hält ihm vor, Urheber des in der Arbeiterschaft unbeliebten Taft-Hartley-Gesetzes und überzeugter Isolationist zu sein, Und noch ein drittes: "Ich interessiere mich nur für "Grundsätze", meint er von sich, und eine seiner wichtigsten Maximen, ist eine würdevolle Querköpfigkeit. Amerikas konservativster Politiker ist stets und von vornherein "dagegen". Aus Prinzip. Seine erste Rede im Senat (1931) richtete sich gegen das Tennessee-Valley-Projekt, eine der großen Schöpfungen des "New Deal". Halsstarrig stimmte er gegen das Leih und Pachtgesetz und behauptete noch im Februar 1941: "Es ist einfach absurd, anzunehmen, daß die Gefahr eines japanischen Angriffs besteht? und eine deutsche Invasion in den USA ist ebenso phantastisch, wie es eine amerikanische in Deutschland sein "würde." Konsequent tat Taft alles, um den Eintritt Amerikas in den Krieg gegen Deutschland zu verhindern. Im Oktober 1946 bezeichnete er dafür die Nürnberger Prozesse als eine "Rechtsbeugung", die die Amerikaner lange bereuen würden; er beklagte offen die Todesurteile. Und heute greift er genau so hartnäckig, wie er einst gegen Roosevelts Kurs aufgetreten ist, die Politik Trumans all.

Taft ist ehrlich und also nicht immer so höflich wie er es sein sollte. So muß in der Gesellschaft die charmante Mutter seiner drei Kinder manchen faux pas ihres Mannes wieder gutmachen. Auf dem nicht weniger. glatten Pflaster der Freitreppe des Kapitols aber, und vor allem bei dem Versuch, deren letzte Stufe zu erklimmen, wird der "Lieblingssohn Cincinhatis" für jede ungeschickte Handlung und jedes Ausgleiten selbst einzutreten haben.

C. J.