Von Erwin Topf

Am 13. Dezember hatte die sowjetamtliche Tass-Agentur mitgeteilt: es werde noch im Dezember die erste Serie einer zu drei Prozent verzinslichen nationalen Lotterie-Anleihe im Betrag von einer Milliarde Rubel zur Zeichnung kommen; sämtliche Gewinne in dieser Anleihe-Lotterie würden steuerfrei sein. Diese Nachricht war wohl nur so zu kommentieren, daß die Sowjetunion sich in ihrer Wirtschaftspolitik ausgesprochen "kapitalstischer" Methoden bediente: Die eigentliche Überraschung kam am folgenden Tag mit der Nachricht von der radikalen Abwertung des Rubels, die unter weitgehender Schonung der kleinen Sparguthaben und der bankmäßigen Mittel aller öffentlichen und gemeinwirtschaftlichen Unternehmungen das Bargeld im Verhältnis zehn zu eins betrifft. Die vor 1947 ausgegebenen Staatsanleihen werden auf ein Drittel ihres Wertes heruntergeschrieben, die privaten Bankguthaben, soweit sie 10 000 Rubel übersteigen; auf die Hälfte, und diejenigen der Kooperativen, Kolchosen und Staatsbetriebe auf vier Fünftel.

Wer wird also von diesem radikalen Schnitt am schwersten betroffen? Offenbar doch derjenige, der bares Geld besitzt; der es "gehortet" hat, anstatt es zur Bank oder zur Sparkasse zu tragen oder es in Staatsanleihe anzulegen. Das ist also der "kleine Mann", der Arbeiter, der Kolchos-Bauer, derAngestellte, der seine bescheidenen Mittel zusammengehalten hat, um demnächst irgendeine größere Anschaffung vorzunehmen: etwa ein Paar Schuhe zu kaufen, einen Arbeitsanzug, Stoff für ein Kleid... Er mag sich nun damit trösten, daß die Rationierung aufgehört hat und daß die Waren gemessen an dem bisherigen Preisstand in den Geschäften und auf den Märkten des "freien" Handels, erheblich ermäßigt worden sind: nämlich etwa auf die Preishöhe, wie sie bisher für rationierte Waren bestanden hat. Die Kaufkraft der laufenden Einkommen hat sich also für alle bisher "freien" Waren erheblich erhöht, während sie für das bisher rationierte Waren-Sortiment etwa gleich geblieben ist.

Besser als der "kleine Mann", der traditionsgemäß sein Geld zu Hause in Kisten und Kasten aufbewahrt, weil er das Odium scheut, ein Sparkassen- oder Bankguthaben zu unterhalten und damit als "Kapitalist" verschrien zu sein, sind die Bezieher der hohen Einkommen daran, die Spezialisten und Funktionäre aller Art, die als "modern" denkende Menschen solche Besorgnisse nicht teilen. Gewiß sind auch die Manager und Nutznießer der freien Märkte, die legendären Existenzen der "Sowjet-Millionäre", von dem radikalen Währungsschnitt betroffen, und das umso stärker, je mehr sie ihre Betriebsmittel und Gewinne in Bargeld "liegen" hatten. Aber ihre Zahl dürfte, bei der scharfen öffentlichen Kontrolle der Wirtschaft in der Sowjetunion, nicht sehr erheblich sein, und der bisher in ihren Händen befindliche und nun abgeschöpfte "Kaufkraftüberhang" kann nicht groß zu Buche schlagen. Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß der Einwand, der gegen alle deutschen Geldreformpläne üblicherweise. (freilich zu Unrecht) erhoben wird, auf die Verhältnisse in der Sowjetwirtschaft nun tatsächlich zutrifft: daß nämlich auch ein radikales Zusammenschneiden der umlaufenden Geldmenge die Erzeugung und das Angebot noch keineswegs erhöht. Dieser Einwand geht fehl, soweit es sich um eine Volkswirtschaft handelt, in der das marktwirtschaftliche Moment noch vorhanden ist oder wieder stärker zum Zuge kommen soll; er ist richtig überall dort, wo die "Steuerung" von Produktion und Absatz nicht durch den Preis- und Einkommens-Mechanismus, sondern "nach Plan" erfolgt. Und das ist in der Sowjetunion ja wohl nach wie vor der Fall...

Das russische Beispiel einer entschieden zupackenden Geldreform ist geeignet, die deutschen Auffassungen zu dieser Frage noch in einem weiteren Punkte nachhaltig zu klären. Von deutscher Seite, und zwar von Leuten, die aus irgendwelchen Gründen einen Währungsschnitt ablehnten, ist oft genug gefragt worden, ob man nicht, nach sowjetischem- Vorbild, zu dem System der doppelten Preise übergehen sollte: niedrige Festpreise für die rationierten Waren; höhere variable Preise für den Bereich des freien, also des jetzt legalisierten schwarzen Marktes. Das Moskauer Reformdekret vom 14. Dezember macht nun aber evident, daß diese Art, mit der (sogenannten) aufgestauten Inflation fertig zu werden, offenbar doch als höchst problematisch empfunden worden ist, da man um von den Unzulänglichkeiten des Rationierungssystems loszukommen, sogar die (sicherlich nicht populäre) Abwertung des Rubels in Kauf genommen hat – unter Anwendung einer Methode also, der sichbisher nur kapitalwirtschaftlich orientierte Volkswirtschaften bedient haben. Entsprechend wird ja auch in sowjetamtlichen Kommentaren die Abschaffung der Rationierung und die Rückkehr zum (sogenannten) freien Handel als ein Schritt vorwärts auf dem Wege zum Sozialismus bezeichnet. Immerhin ist die Zusage Stalins vom Frühjahr 1946 nun endlich erfüllt, und das schon einmal (1935) beseitigte, 1939 aber wieder eingeführte Rationierungssystem aufgehoben, – "endgültig", wie es wohl mit Recht heißt. Mit der starken Erhöhung der Preise für rationierte Waren, auf das zwei- bis dreifache, die unter dem Eindruck der schweren Mißernte im Herbst 1946 erfolgte und die erst im Frühjahr 1947 durch eine Erhöhung der Mindestlöhne (um 20 bis 30 v. H.; der Monatslohn liegt im großen Durchschnitt nun bei 500 bis 900 Rubeln) ein wenig gemildert wurde, ist die erste "Anpassung" vollzogen worden; die innerwirtschaftliche Abwertung des Rubels beendet diesen Prozeß.

Im Grunde genommen stehen alle Länder, die durch den Krieg gegangen sind und jahrelang nach dem Prinzip "Kosten spielen keine Rolle", gewirtschaftet haben, vor dem gleichen Problem – selbst die USA. Überall handelt es sich darum, die Inflation entweder abzustoppen und den neuen Preisstand (durch Abwertung des Außenkurses der Währung) zu legalisieren, oder aber dort, wo bei künstlich gestoppten Preisen die Inflation "zurückgestaut"worden ist ein entsprechendes "Zusammenschneiden" der Währung vorzunehmen. Eine Reihe von kleineren Ländern, so vor allem, mit sichtlichen Erfolgen. Belgien wie auch Holland, haben bereits die Kur hinter sich. England, das geglaubt hatte, mit Hilfe einer großen Anleihe einen solchen Eingriff vermeiden zu können, steht nach deren schneller Aufzehrung erneut vor der Abwertungsentscheidung, Italien hat sich zu der "klassischen" Lösung, den Außenwert der Lira absinken zu lassen, entschieden. Frankreich ist, nach mannigfachen Versuchen,eine Stabilisierung des inneren Franc-Wertes zu erreichen, noch nicht zu der gedanklichen Klarheit durchgestoßen, die notwendig wäre, tun das Problem zu meisterm;der erneute Versuch, über den Plan René Mayer lediglich die budgetäre Quelle einer weiteren Inflationstendenz zu verstopfen, wird offenbar nichts Entscheidendes zu erreichen vermögen, wenn nicht doch noch zusätzlich eine Franc-Abwertung erfolgt. In den USA schließlich hat Truman die von ihm geforderten Vollmachten für die Festsetzung von Höchstpreisen und für Warenrationierung, für die Kontrolle der Kredite und für die Verkündung eines Lohnstopps nicht annähernd in dem verlangten Umfang erhalten. Gewiß ist es fraglich, ob reglementierende Maßnahmen der von ihm vorgesehenen Art allein genügt haben würden, die inflatorischen Tendenzen endgültig abzustoppen; fast sicher erscheint aber, daß allein mit den "milden" Maßnahmen, wie sie dem Präsidenten nun zu Gebote stehen, dem Übel nicht entscheidend begegnet werden kann.