Die in den ersten Januartagen in Hongkong bekanntgegebene Bildung einer chinesischen Gegenregierung unter Marschall Li Tschai Soum fügt dem Mosaikbild der Schwierigkeiten, die das Jahr 1947 bereits für das Regime Tschiangkaischek verschärft hat, einen weiteren Stein hinzu. Noch ist allerdings der Umfang der Kräfte, die diese Gegenregierung tragen, von Europa aus nicht erkennbar. Die Meldung, daß der Führer der 19. chinesischen Armee, Liu Ya Tse und der Leiter der Organisation "Nationale Wohlfahrt" Mitglieder der Gegenregierung seien, ergänzt das Bild nach der personellen Seite ebenso unvollständig, wie es die Phrase, die neue Regierung sei "antiamerikanisch aber probritisch und prosowjetisch" und wolle sich auf die Grundsätze Sun Yat Sens stützen, nach der sachlichen Seite tut So verbleibt für den europäischen Beobachter nur der Eindruck einer neuen Zentrifugalkraft unbestimmbarer Stärke, die am Zusammenhalt Nanking-Chinas zerrt, indessen die kommnnistische Bedrohung im Norden immer drastischere Formen annimmt.

Die Bilanz des vergangenen Jahres ist für-Marschall Tschiangkaischek passiv. Die Mandschurei ist fester denn je in kommunistischer Hand. In Mittelchina ist der Yangtse bedroht, mit allen Gefahren, die sich hieraus für Hankau sowohl wie für Nanking selbst ergeben können. Schon sieht man sich genötigt; an den fürsatz von Peking und den Schutz von Tientsin zu denken. Die militärischen Kämpfe zeigten auch im vergangenen Jahr ein Bild, das die Gefahr in sich birgt, stereotyp zu werden; bei größerer Konzentration von Regierungstruppen stellen sich. örtliche Erfolge ein, die jeweils einen Abschnitt vorübergehend entlasten, ohne eine Entscheidung bringen zu können. Abseits dieser Abschnitte aber vollzieht sich eine Infiltration immer größerer Gebiete mit kommunistischen Streitkräften, und es erweist sich, daß trotz einer enormen zahlenmäßigen Aufblähung die Regierungstruppen nicht in der Lage sind, der Bedrohung an allen Punkten entgegenzutreten. Bei ungenügender Wirksamkeit ergab sich eine gleichzeitig ständig steigende Beanspruchung der nationalen Wirtschaft durch die materiellen Anforderungen der Kriegführung.

Angesichts dieser Tatsachen konnte die zunehmende Kritik an der militärischen Schlagkraft der Regierungstruppen weder, in Chirac selbst, noch im interessierten Ausland ausbleiben. Der Bericht des amerikanischen Generals Wedemeyer scheint obwohl nicht veröffentliche im großen und ganzen auf der gleichen Linie zu liegen, auf der sich seinerzeit bereits die Stellungnahme Marshalls bei Einstellung der ameri-Iranischen Vermittlungstätigkeit bewegt hat. Inzwischen aber hat sich die Lage der Nanking-Regierung um sö mehr verschlechtert, je-mehr sich erweist, daß die chinesische Wirtschaft der Überbeanspruchung durch den Bürgerkrieg nicht mehr gewachsen ist. Die Erklärung des chinesischen Finanzmittels, daß die nationalen Ausgaben im lernten Jahr durch die Kosten des Bürgerkrieges um 450 v. H. gestiegen und die finanziellen Reserven erschöpft seien, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Damit aber wird die Frage der Auslandshilfe erneut von Bedeutung. Ob und in welchem Umfang der Regierung Tschiangkaischek durch Unterstützung von außen geholfen werden müsse, ist, vor allem in den USA, umstritten. Die sowohl von Marshall wie von Wedemeyer, geltend gemachte Voraussetzung ist bisher von der Nanking-Regierung nicht erfüllt worden. Als diese Voraussetzung, ohne die man in China ein Faß ohne Boden erblicket, bezeichnet man: Völlige Reform der – Kuomintang und Demokratisierung des Regimes. Beides gilt als die einzige Möglichkeit, um sowohl, die Verwaltung durch "Entkorrumpierung" endlich wirksam zu machen, wie auch dem .Regime die nötige Anziehungskraft für die Massen gegenüber dem Kommunismus zu geben. Für Tschiangkaischek aber – und hier liegt, die Tragöche – bedeutet diese Forderung fast so etwas, wie das Verlangen, über seinen eigenen Schatten springen zu sollen. Es wäre in der neueren Geschichte nicht das erstemal, daß darf unbedingte Festhalten an den "Getreuen" seiner Umgebung einem Mann an führender Stelle zum Verhängnis wurde. Von der Kraft seines Realismus wird es abhängen, ob sich Tschiangkaischek unter dem Druck des nationalen Notstandes dazu durchringt, die Trennung von einem großen Teil seiner bisherigen Berater und Beamten zu vollziehen, auch wenn die Betroffenen versuchen werden, die ganze chinesische Empfindlichkeit gegen "Zugeständnisse an das imperialistisch" Ausland" jeder Reform gegenüber zu mobilisieren. Die Entwicklung der letzten Monate läßt Eile geboten erscheinen. Selbst für das zeitlose Denken. der Ostasiaten kann es einen Augenblick geben, in dem es zu spät sein kann. Jeder Freund Chinas würde das bedauern.

H. A. v. Dewitz.