Kaum jemals hat ein Präsident bei der Eröffnung des neuen Sitzungsjahres eine derart kühle Aufnahme gefunden wie Präsident Truman, als er seine Botschaft über die Lage der Nation dem Kongreß unterbreitete. Der Herr des Weißen. Hauses forderte den Kongreß auf, 6,8 Milliarden Dollar für die ersten fünfzehn Monate zur Durchführung des Marshall-Planes zu bewilligen. Er unterrichtete ferner die Kongreßmitglieder von der Absicht der amerikanischen Regierung, die Einführung der Militärdienstpflicht durchzusetzen und für ein geplantes groß angelegtes Wirtschafts- und Sozialprogramm dem Big Business erhöhte finanzielle Lasten aufzuerlegen. Während derselben Sitzung erhielt Außenminister Marshall einen überzeugenden Beweis des Vertrauens, das er im Kongreß genießt. Als er den Sitzungssial betrat, erhoben sich alle Kongreßmitglieder und begrüßten ihn mit einem spontanen Applaus.

Vierundzwanzig Stunden später leitete Außenminister Marshall die große Debatte des amerikanischen Kongresses über das europäische Wiederaufbauprogramm mit einer Erklärung vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats ein. Er betonte, daß der Betrag von 6,8 Milliarden Dollar für die ersten fünfzehn Monate – der ein "absolutes. Minimum" darstelle – spätestens bis 1. April anlaufen müsse. Wenn der, Marshall-Plan erfolglos bliebe oder der Kongreß ihn ablehne, wäre die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten bedroht. Dies würde dann dazu führen, daß die Amerikaner praktisch in einem bewaffneten Lager leben müßten. Denn es sei oft gesagt worden, die Amerikaner hätten den Krieg, aber nicht den Frieden gewonnen. Aber nicht einmal das treffe ganz zu, weil an vielen Plätzen der Welt heute stärker als während des Krieges gekämpft werde.

Man mag sich die Frage stellen, warum der Kongreß dem Präsidenten und seinem Außenminister eine betont unterschiedliche Arfnahme bereitet hat. Die Erklärung dafür dürfte nicht so schwierig sein, wenn man sich vor Augen hält, daß im November in den Vereinigten Staaten die neuen Präsidentschaftswahlen ausgetragen werden. Und gerade die Rede Präsident Trumans scheint den Auftakt für die Wahlkampagne gegeben zu haben. Während er die außenpolitischen Fragen nur streifte, verkündete er die Gedanken des "New Deal" wieder, wahrscheinlich mit dem Ziel, der Opposition in der eigenen Partei sowie bei den Republikanern wirksam entgegentreten zu können. Er weist damit schon jetzt daraufhin, daß der Wahlkampf in den nächsten Monaten weitaus am stärksten auf innenpolitische. Fragen sich konzentrieren und hier, mehr als auf außenpolitischen ausgetragen werden wird. Die Tatsache, daß in Trumans Botschaft jedes Wort der Verurteilung "kommunistischer" und "totalitärer" Aggression. die seine Reden im Jahre 1946 kennzeichnete, fehlte, dürfte weniger eine Folge der Änderung seines Kurses, als eine Wirkung der Überzeugung sein, daß in diesem Punkt der amerikanischenAußenpolitik mehr oder weniger die gleiche Meinung. vorherrscht.

Gerade, deswegen, erscheint die Aufgabe des Außenministers Marshall, den Plan für den Wiederaufbau Europas durch den Kongreß zu bringen, bedeutend leichter als bisher. Und in der Tat: die öffentliche Meinung in den Staaten hat sich in dieser Frage in den letzten sechs Monaten radikal gewandelt. Wiedie Lage in Amerika heute ist, dürfte kein Zweifel mehrdarüber bestehen, daß der Marshall-Plan in irgendeiner Form angenommen wird. Es bleibt nur die Frage offen, welcheForm und welchen Umfang ihm der Kongreß geben wird. Daß die Gegner des Planes in seiner jetzigen Form (vor allem die Gruppe um Senator Taft) alles unternehmen werden, um ihn innenpolitisch auszuschlachten, ist selbstverständlich. Die EntschlossenheitMarshalls aber, "den Erfordernissen des Problems gerecht zu werden oder das ganze Projekt fallen zu lassen" wird sicher ihre Wirkung nicht verfehlen. Denn immerhin wird es keinem Mitglied des Kongresses leicht fallen, in einem Wahljahr sich dem Außenminister zu widersetzen, dessen Popularität mit der des verstorbenen Präsi-Roosevelt verglichen werden kann.

A. P. Bobew