Von Wernher Witthaus

Wenn es um Fragen der Gestaltung, um Hausund Gerat geht, wird der Deutsche-, Werkbund oft wieder angerufen – oder es wird an ihn erinnert, Der Werkbund war nicht nur m Deutscheland, et war in der Welt zu einem Begriff geworden, als die Nationalsozialisten ihn auflösten In jüngster Zeit erstanden wieder Werkbundgruppen. Sie haben für die Aufgaben des Deutschen Werkbunds eine neue Formlierung gefunden – eine Formulierung. die wir dasRheydter Manifest" nennen können. denn sie ist das Ergebnis einer Zusammenkunft der Abgesandten aller Werkbundgruppen auf schloß Rheydt am Niederrhein.

Zwischen der Gründung des Werkbunds und dem RheydterManifest liegen vier Jahrzehnte. Die Satzung aus bezeichnet als Zweck des Bundes "die Veredlung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken vonKunst, Industrie, Handwerk Die Entwicklung des Werkbunds und seiner Sache wäre mit einer aufsteigenden Linie zu vergleichen – bis zum Jahre 1914 als die große Werkbundausstellung in Köln eröffnet werden konnte. Die Ausstellung wurde bewundert, war aber auch Stätte lebhafter Auseinandersetzung. Der Krieg hat das unvergeßliche Beginnen abgedrosselr. Der Werkband aber gedieh wiederum nach 19! s. wenn auch nicht ohne Anfechtungen und formalistische Übersetzungen. Schon konnte man an eine neue internationale Ausstellung denken, als die politischen Ereignisse, zum zweitenmalden Aufschwung hemmten und unterbanden. Heute ist uns klar, daß neben der aufsteigenden Linie des Werkbunds eine zweire einherlief. welche die "Werkbundlsnie" jäh zu überholen und abzuschneiden vermochte. Die politischen Katastrophen nämlich ereigneten sich nicht selbstherrlich, isoliert von der allgemeinen Lebenshaltung, Was uns heute als unerbittliches Gebot beschäftigt, stand gestern, es stand schon in der Jahrhundertwende zur Entscheidung, es hieß-und heiß und heiße: Zeit ebenbürtig zu sein in in friedfertiger Beherrschung der Technik und des Handwerks. Das bedeutet auch eine einwandfreie Verwertung der elementaren und natürlichen Hilfsquelle u. kurz; es geht um Werkgerechtigkeit und – mit der Meisterschaft und Schulung, dem Handel und dem Gebrauch – um sittliches Verhalten und geistige Entscheidungen.

Lesen wir nun das Rheydter Manifest! Nach einer Einleitung, in der ausdrücklich betont wird, daß an den Beratungen der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und andere hohe Beamte, sowie der Oberbürgermeister der Stadt Rheydt, zugleich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender das Kulturausschusses des Deutschen Städtetags, teilgenommen haben, wird folgendes erklärt: ".Es bestand Einmütigkeit darüber, daß die Aufgabe des Werkbunds neu gestellt ist. Es handelt sich nicht mehr um ästhetische Veredlung einer gesicherten Lebensform, sondern darum: Sinn und Gestalt des Daseins im heutigen Deutschland an erkennen, zu wollen und zu bilden. Mitglied des Deutschen Weltbundes kann daher nur sein, wer dieser Aufgabe nicht ausweicht, sondern mit seiner Überzeugung und seinem Werk ganz zu ihr steht. Nach diesem Grundsatz wählt der Werkbund "eine Mitglieder. Diese Strenge gegen sich selbst gibt dem Werkbund das Recht, sein Werk und seinen Rat allen Stellen der Verwaltung und der Wirtschaft einzusetzen."

Diese Zeilen klingen härter, sie sind geschliffener als die Zweckbestimmung aus der Satzung von 1907– Der Deutsche Werkbund konnte vor 1914 und auch später noch aus einer gewissen Fülle schöpfen- und manches zuwege bringen, was uns jetzt unerreichbar, aber auch entbehrlich erscheint. Die "gesicherte Lebensform" von gestern ist in Anführungszeichen gesetzt, denn sie ist heute tatsächlich, was durch zwei Kriege zur Genüge erwiesen sein dürfte, kaum vorhanden. Diesem Negativen folgt in jenem Manifest aber sofort das Bekenntnis zur Forderung der Zeit, und es ist dabei klipp und klar von dem heutigen Deutschland die Rede! Es gibe keine Ausflüchte. Bei der Wahl seiner Mitglieder sind für den Werkbund die Überzeugung und das Werk entscheidet (man kann nicht durch eine einfache Beitrittserklärung Mitglied des Bundes werden). Aus der Strenge gegen sich selbst. und der Werkgerechtigkeit11 ergibt sich die Autorität des Bundes. Und zwar richtet sich der Werkbund vor allem an jene Stellen der Verwaltung und der Wirtschaft, die zu beschließen und zu verfügen haben; Ein naheliegendes Beispiel: • Flüchtlingsmöbel! Etwa 15 000 cbm Schnittholz wurden im April vorigenJahre? für das Möbelprogramm (das übrigens nicht nur Flüchtlinge berücksichtigt) zur Verfügung gestellt. Die bisher ausgelieferten Möbel sind zum Teil sehr – mangelhaft. Kostbarer Werkstoff und Arbeitskraft ist Vertan. Geleitet von dem Streben, es besser zu machen, wendet sich nun der Deutsche Werkbund an die zuständigen Instanzen mit der Forderung, ihm wenigstens 100. cbm Holz zuzubilligen. Er wird Serienmöbel daraus anfertigen lassen, sie der Allgemeinheit zeigen und überant-Worten. So kann eine Frage sichtbar unter Aufbietung berufener Kräfte und weitreichender Erfindungsgabe nach Möglichkeit gelöst werden.

Wir haben das Rheydter Manifest genau gelesen, um zu ermessen, wie wichtig es in seiner knappen und bündigen Fassung ist. Nicht umsonst wurde die Beteiligung der Regierung und der Selbstverwaltung betont. In England hat man Anliegen, die denen des Werkbundsgleichen,so hoch eingeschätzt daß man daraus einen staatlichen Auftrag machte. Mit erheblichen Vollmachten ausgestattet ist seit etwa zwei Jahren der Council of Industrial Design". Wir erinnern daran, daß Ende 1946 eine Ausstellung: dieser staatlichen -Institution vom König eröffnet wurde. Es war eine Ausstellung Von Gebrauchsgütern mancherlei. Art, in London, sie nannte sich "Britain Can Make It. Der Deutsche Werkbund hingegen bleibt selbständig, wie auch die Werkkunde benachbarter Nationen ihre Selbständigkeit behaupten – jene angesehenen Weltbünde, die einmal vom Deutschen Werkbund ihren Ausgang genommen haben. (In der britischen Zone gibt es heute zwei große Werkbundgruppen: DWB Gruppe Norddeutschland in Hamburg und DWB West-Nord in Düsseldorf.)

Die Bereitschaft zum Werk und die Übung im Werk, das keine Verbrämung und Täuschung und keinen Mißbrauch duldet, rechtfertigen den Menschen Vor Gott und derWelt. Und zweifellos ist das Werk in seinem praktischen und geistigen Anspruch gegenüber vielen verschlungenen Reden, die heute gehalten werden, ein förderndes Moment. Es ist der Schritt zur Befreiung, um so überzeugender je weniger Umstand davon gemacht wird. Allerdings kann diese Bereitschaft durch die politischen Ereignisse in eine dramatische Situation geraten! Das ändertnichtsan ihrer Notwendigkeit, ihrem Charakter und ihrer Qualität.

Wir haben zur Werkbundarbeit ein Beispiel gebracht: ‚,Fiüchtlingsmöbel". – Es gibt ein zweites Beispiel, eine Gefahr zu beleuchten oder um zu zeigen, wie die "Werkbundlinie" von einer andern, bedrohlichen Tendenz überschnitten werden konnte. Man hat sich in der Schweiz, als wir noch in den Fiebern des Krieges lagen, bereits mit der Frage "Werkbund und Nachkriegszeit", auseinandergesetzt. In Basel hielt Georg Schmidt, Konservator der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, 1943 einen Vortrag. Damals machte der sogenannte Heimatstil viel Wesens! (und er macht es heute noch). Georg Schmidt brachte ein kleines pikantes Detail zur Genesis des Heimatstils, der plötzlich mit eisernen und hobgedrechselten Dingen aufwartete... "Ja, es wurden künstliche Hammerschlage angebracht. Und die Stahlmöbel, die man einst als die neueste Mode gepriesen hatte, würden als ungemütlich verschrien. Warum das alles? Aus Liebe"zum alten Handwerk? Aus Liebe zum überlieferten Volkstum?" Nein, gewiß nicht. Deutschland brauchte Kupfer und Stahl für Munition und Kanonen. So sei der schweizerische Heimatstil aus dem durch die Rüstung bedingten Mangel an qualifizierten Rohstoffen für die Gebrauchsgüterindustrie geboren worden! – Dieses Detail belehrt uns, wie die Dinge sich verflechten und verwirren, und wir brauchen nur noch das hinzuzunehmen, was aus den hinterlassenen Arsenalen des Krieges an "Kunstgewerbe" zusammengestückelt wird und unsere Schaufenster grauenhaft ziert – Die fragwürdige Heimatkunst beruft sich auf die Tradition des Handwerks. Sie verdächtigt die Maschine, daß sie an allem Elend schuld sei. Sie ereifert sich geschäftig über die Proletarisierung. Georg Schmidt spricht von einer primitivenVerwechslung der Demokratisierung (Gleichheit auf möglichst höher Stufe der Kaufkraft) mit Proletarisierung (Gleich heit auf tiefster Stufe der Kaufkraft). – Gegen das echte Handwerk hat niemand etwas einzuwerden: Es ist sogar eine große Sorge, das Handwerk mit der ihm eigenen Formenwelt wieder ganz zu verbinden. Aber die Ausstattung des Haushalts ist doch vorwiegend Sache der Industrie, und da gilt es für [die Serienherstellungeinwandfreie Typen auszuarbeiten. Geben wir uns mit Schund zufrieden, dann freilich verleugnenwir unsere Zeit und dann sind wirrettungslos weit entfernt, "Sinn und Gestalt des Daseins im heutigen Deutschland zu erkennen, zu wollen und zu bilden".