Von Hanns Braun

Wer sie selbst noch miterlebt hat, diese Folge von Strindberg-Erstaufführungen in – den alten Münchner Kammerspielen, drüben in der jetzt so wüst verbombten Augustenstraße, der erinnert sich auch heute nach über dreißig Jahren noch, welch außerordentlich, tiefgehenden Eindruck ihm diese Stücke damals gemacht haben. Es war nicht nur die Kunst, des Spielleiters und der Darsteller, nicht nur das "Wie", was den Ruhm der Kammerspiele und Otto Falckenbergs Vorzüglich an jene Strindberg-Auffühtungen geknüpft hatte, es war auch das "Was" selber. Das heißt, es war eine der seltenen glückhaften Begegnungen zwischen einem dichterischen Werk, seinen bestmöglichen Verkörperern und – der Zeit, die offensichtlich gerade dafür reif geworden war.

Diese Zeit, die uns so sehr durch Strindberg gedeutet schien, daß wir sie hernach schlechthin eine Strindberg-Zeit nannten, war der erste Weltkrieg! Der Chronist wird mühelos feststellen, daß Strindbergs Werke schon zuvor auf deutschen Bühnen gespielt wurden; es bleibt dennoch wahr, daß! der Weltkrieg, als unser Alltag anfing, in einem vorher nicht gekannten Ausmaß bitter, eng und häßlich zu werden, Strindbergs große Stunde werden mußte. Als in der Augustenstraße die Welturaufführung der bis dahin für unspielbar gehaltenen "Gespenstersonate" stattfand, da fühlten alle: dies war die Atmosphäre unserer Zeit; hier sprach sie sich aus! Es traf wirklich alles sehr merkwürdig zusammen. Es gab da eine Schauspielerin Emilia Unda: sie schien für andere als Strindberg-Rollen gar nicht vorhanden-, in ihnen aber war sie eine einzigartige Interpretin. Ich erinnere mich eines Einakters, in dem auf zwei gewöhnlichen Stühlcheri nebeneinander derSchauspieler. Paul Marxund der Schauspieler Erwin Kaiser saßen; und diskutierten – und obschon das allem dramaturgisch Gewohnten ins Gesicht schlug, war man aufs stärkste gepackt bei dieser Innenauskehr mit Ätzstift und Operationsmesser, Niemand, der damals als Zuschauer von "Nach Damaskus" (mit Friedrich Kayßler), "Wetterleuchten" (mit Steinrück), "Fräulein Julie", "Vater" (mit Wegener) "Ostern", um nur einige zu nennen, dem Erschließen schmerzvoller Tiefen, die aus dem Menschlichen in wahre Abgründe dämonischen Hasses hin unterreichten ... niemand, sage ich, der . dem beiwohnte, konnte damals meinen; es ginge ihn nichts an.

Inzwischen haben wir den zweiten Weltkrieg hinter uns gebracht, vorher schon und in ihm erst recht ist unser Leben wieder unfrei, häßlich und kläglich geworden, und heute... heute haben viele Menschen bei uns kaum noch Hoffnung, daß es-je wieder anders werden könnte. Wäre nicht in solcher Haßwelt, in der täglich auf uns zukommenden Lieblosigkeit und Tyrannei Strindberg. abermals der gerufene, der bezeichnende Autor der Zeit? Die Frage stellt sich, angesichts der Neuinszenierung seines "Traumspiels" im bayrischen Staatstheater durch Paul Verhoeven. Dieser Spielleiter hat schon in Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" bewiesen, wie sehr, ihm das Unheimliche und Welthintergründige liegt, und so ist er denn auch der nordisch spukhalten und tief beklemmenden Traumwelt dieses Strindberg-Stücks kaum etwas schuldig geblieben. Und doch, welch ein Unterschied zu damals! Zwar gelangen Verhoeven ebenfalls Szenen von großer Eindrucksmacht. wie etwa die der immer wiederkehrenden Balletteuse oder die Maschinenhöllenszene von Schmachsund. die Schulmeisterszene und, nicht zuletzt, die der wie ein Gnom umhergeisternden und -kleisternden Christel. Aber nur Rudolf Vogel und IngeLangen vermochten jenen unheimlich glimmenden und glühenden Strindberg-Stil so zu erneuern. wie er uns einst in Bann schlug; die übrigen Darsteller, in mancherlei Abstufung nach ihm unterwegs, waren seiner als Spätergeborene nie innegeworden oder zu sehr entwöhnt; es zeigte sich, daß man ihn erst wieder lernen müßte. Soll man sich um ihn mühen? Wird die Strindberg-Wiedergeburt glücken? Die mit soviel Talent wie Eifer angepackte"Traumspiel"-Inszenierung zeigte, immerhin, welche Schwierigkeiten sich dem in den Weg stellen. Wohl hatte Kurt Halleger seine Bühnenbildvisionen .unserer eigenen Trümmerwelt, kräftig angenähert, dennoch blieb etwas Vorgestriges, ein Rest Jugendstil, nicht ganz auflösbar; vielleicht wird sich bei anderen Werken das leichter bewerkstelligen. Noch etwas stemmte sich dem vollen Erfolg entgegen: sowie der Zuschauer aus,seiner Benommenheit – durch die Pause – geweckt wird, stürzt er gleichsam vom Dach; der Bann des großen. Lamentos ist zerbrochen; der fehlende Handlungsfortgang läßt keinen neuen zu. Zuletzt aber und am gewichtigsten dürfte einer Erneuerung Strindbergs im. Weg, stehen, daß wir inzwischen, lunch so tiefes Leid, so schreckliche Abgründe haben gehen müssen, daß wir wohl seinen tiefen nenschlichen Anteil an dieser Höllenwelt begreifen und ehren? aber seine Anlässe, oft nicht mehr zureichend finden. Sie sind uns oft zu gering, zu ch-betont, und wir spüren daran, daß ihm die kräftigste Mitgift fehlt, sie zu überwinden: Humor. Dieser Humormangel ist es, der zuletzt den Bann von ehedem nicht mehr so ganz will Aufkommen lassen.

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Ehe "Die Schelme im Paradies" im MünchnerVolkstheater zur deutschen Uraufführung gelangten, hat ihnen André Obrey die Ehre erzeigt, sie für die französische Bühne zu bearbeiten. Bevor ihnen aber solches widerfahren konnte, mußte sie der Flame Gill Martens geschrieben haben,und dies, nämlich das Flandrische, schlägt denn auch durch alles durch, ich ahne nicht, was Obrey weggelassen oder hinzugefügt hat; vielleicht ist es das Auto, durch das Beule Verbuyk und sein Freund Rietje Rans überfahren werden, gerade wie sie, als Nikolaus und Nikodemus verkleidet, auf die Straße, wellen. Denn atmosphärisch kommt sozusagen ein Auto nicht vor in diesem Schabernack für erwachsene Kinder; alles hat da noch unendlich Zeit: zum Schwätzen,zum Schnapstrinken, zum Wurstvöllern. zum Necken, zum Gesichterbeschmieren, kurzum zu jener im Grunde grundlosen Heiterkeit, mit der sichFlandern schon zu Albas Zeiten gern vom Finster-Spanischen abzuheben befliß. Das Auto nun, von wem es auch stamme, bat immerhin Folgen! Der leise Verdacht zwar, der bei der ersten Wendung ins Moralisch-Belehrende auftaucht, als handle es sich um ein Lehrstück zu dem zeitnahen Text: "Drive carefully/ Death is so permanentl", dieser Verdacht wird schon dadurch widerlegt, daß der Tod weder bei dem dicken Boule noch bei dem auff- und damenfrohen Rietje "dauern" will. Sie kehren ja mit himmlischem Verlaub, auf die geliebte flandrische Erde zurück. Aber es dürfte doch das Auto gewesen sein, das die Hölle, in der die beiden zuvor, eine Stippvisite mit Kostprobe – absolvieren, zur amerikanischen Bar hat aufrücken lassen,in der ein unter inneren Feuerflammen stöhnender Nigger Coctails mixt, während, sozusagen von früher her, der Herzog von Alba noch den Majordomus spielt. Daß den beiden ihr Schwindel, sie seien wirklieh die Heiligen, die sie Vorstellen, in der Helle nichts nützt, wird niemanden verwundern. Daß er ihnen aber am Himmelstor nicht schadet, ist nur der unendlichen Nachsicht dey Muttergottes zu danken, die in zwei (trotz Höllenbrandy noch immer nicht schwindelfreien, noch immer finchfrohen) Schelmen mehr sieht als Petrus der Erzengel-Michael am Tor, vonunsZuschauern ganz zu schweigen. Wie dann die beiden Scheintoten "drunten" wieder aufwachen, machen sie natürlich auch darauseinen langatmigen Schabernack; aber es besteht Hoffnung, daß sie den gelinden höllisch-himmlischen Denkzettel nicht nur begriffen haben, sondern auch beherzigen werden. Boule wird nicht mehr fressen, Rietje nicht mehr saufen, – ohne daß ein höllischer Dämon sie nach Deutschland strafversetzt, was in Boules Fall auch wenig nützen würde; denn er ist von Beruf Schlachtermeister.

Willem Holsboer hat die flandrische Schelmerei als Inszenator auch, seinerseits bearbeitet, indem er die Ansager, die das Szenenbilderbuch umblättern, wegließ, – Überdruß an Ansagern nicht ohne Grund voraussetzend. Aber im übrigen hat er es wieder, mit Mephistos. "Du mußt es dreimal sagen?" gehalten und die selbstgenügsame Heiterkeit des Textes noch so mit (Ludwig Kusches) Musik unterwürzt, daß . wir gute dreieinhalb Stunden, als Zuschauer, des Flandrischen frönen durften, was im mehr als eine Stunde zuviel war für unsere schwachen Magen. Da indessen das Spiel aus Otto Reigberte hypermodern durchjazzten Höllenräumen jäh vor ein aufs altmodischste ausgestattetes, süßfarbiges Himmelstor mit Erzengel, Petrus und Muttergottes führte, so. ergab sich da eine ernstere Frage, zumal ja der lehrhafte Zug kein Ausweichen zuläßt. Die Frage nämlich, die Gustaf Gründgens kürzlich angerührt hat, als er seine Abneigung gegen Aufführungen ausdrückte, die nicht ihre ganz bestimmte Zuschauerschaft voraussetzen. Es ist zwar, in unserm Fall, überdeutlich zu spüren gewesen, daß der Spielleiter ein naiv-selig-mitgehendes Volkstheater-Publikum vor Augen gehabt hat, aber in der Art, wie es dies Schelmenstück verlangt – so fest im christkatholischen Glauben verankert, daß es sich getrost mit Himmel und Hölle necken kann – gibt es das auch in München höchstens noch in Vereinen. Vor ein gemiecht-fühlendes und skeptisch denkendes. Großstadtpublikum gestellt, das durch einen stark christlich getönten Theaterspielplan heuer ohnedies "nervös" gemacht wurde, wirkt derlei nichts Gutes; das Einfache erscheint als das Billige, und ein süßer. Bilderbuchhimmel wie dieser liefert durch sein Nichternstnehmen der Realitätssphären jedem fortgeschrittenen Verweser des Religiösen Einwände an! laufenden Band. In partibus inftdelium kann gerade noch mit der Hölle geschabernackt werden; denn sie behält auch darin eine gewisse Brisanz. Sogar in unseren Vorstellungen tun wir uns eben nach "unten"leichter als nach oben, nicht wahr?