Im G runde kann man heute nicht von einer deutschen Textilproduktion im Sinne einer volkswirtschaftlichen Einheit mit charakteristischem Ablauf sprechen. Es handelt sich vielmehr um die Summe von Erzeugnissen in einem völlig zerrissenen Gebilde. Obendreinist dieses Gebilde ein Torso, den der Krieg hinterließ und dem die Demontagen besonders in der sowjetischen und französischen Zone weiteren Abbruch taten, vom Schicksal des schlesischen Textilzweiges vorerst zu schweigen. Immerhin sind einige Merkmale, wenn auch durchweg negativer Art, für die deutsche Textilindustrie kennzeichnend: 1. der Mangel einer gleichartigen Produktions- und Verteilungspolitik, 2. der Mangel einer charakteristischen Produktionsentwicklung, 3. die heute ganz ungewöhnlich bedeutende Rolle der Standortlage eines Textilwerkes zu Zonengrenzen, Rohstoff-, Halbstoff- und Hilfsstofflieferanten, zu Kohlenbergbau und Seehäfen (die Schwierigkeiten, des kümmerlichen Interzonenverkehrs und die Transportprobleme rühren bisweilen an Existenzgrundlagen); 4. die Knappheit an feineren Textilrohstoffen fast jeder Art, ein Zustand, der die Ausfuhr nie fördern kann, 5. der Mangel an guten Fachkräften, 6. der aufreibende Kampf gegen die zahllosen Engpässe im großen und kleinen, die fast überall einen unerhörten Leerlauf und eine gedrückte Kapazitätsausnutzungverursachen, 7. dies zermürbende Tauziehen mit der Bürokratie, die den Mangel an Spinnstofferzeugnissen mit einem riesenhaften Aufwand an kostbarem Papier "ausgleicht".

Die textilwirtschaftliche Bedeutung der Ostzone, vorzüglich von Sachsen und Thüringen getragen, ist trotz erheblicher Kapazitätsverluste durch Krieg und Demontagen nach wie vor unbestritten. Ein paar Zahlen und Ziffern mögen das andeuten: der Anteil der Spinnstoffindustrie des sowjetischen Besatzungsgebietes wird auf immer noch 40 v. H. der deutschen geschätzt, in der Leinenspinnerei auf 50 v. H., in der Kammgarnspinnerei auf über 50 v. H., in der Wollweberei, Hanf- und. Hartfaserindustrie auf 60 v. H. Die Baumwollindustrie, die entscheidend ist für den Massenverbrauch zählt immerhin 2 Mill. Spindeln und mehr als 50 000 Webstühle (20–25 v. H.). Eine ganze Reihe Kunstseiden- und Zellwollbetriebe stehen in Premnitz, Elsterberg, Wolfen, Plauen, Glauchau, Pirna, Wittenberge, Schwarza zur Verfügung. Von den verarbeitenden Zweigen und letzten Verfeinerungsindustrien genießen etwa Lausitzer Tuche, Gera-Greizer Kleiderstoffe, Glauchau-Meeraner Gewebe, Apoldaer Wirk- und Strickwaren, Plauener Spitzen, erzgebirgische Posamenten einen altüberkommenen Ruf. Doch mangelt es hier an Rohstoffen, die meist die Besatzungsmacht liefert, dort an Garnen oder Zwirnen, anderswo wieder an Hilfsstoffen. Der guten Kapazität in Kammgarnen fehlt die nötige Entsprechung in Kammstühlen, die in der britischen Zone stehen. Sachsen/Thüringen kann den Westen und Süden niemals entbehren. Forst und Guben (Tuche und Hüte) wurden durch die Oder-Neiße-Linie mitten durchschnitten. Die einstmals bedeutende sächsische Strumpfindustrie (früher rund 90 v. H.) arbeitet nach Abbau der bekanntesten Unternehmen fast durchweg für Reparationen. Überhaupt istes das Kennzeichen der Textilwirtschaft der sowjetischen Zone, daß die Auflagen der Besatzungsmacht, ob für Eigenverbrauch oder Reparationen, einen ansehnlichen Teil der laufenden Erzeugung beanspruchen. Selbst mit allen einsatzbereiten Maschinen laufende Textilzweige konnten für den reinen Privatbedarf erst verhältnismäßig wenig zur Verfügung stellen; doch ist ein steigender Anteil zugesagt worden.

Das anglo-amerikanische Besatzungsgebiet hat vielleicht den Vorzug der größten Ausgeglichenheit der textilindustriellen Ausrüstung, aber sie bedarf dennoch der Ergänzung durch die Ostzone. Der Westen besitzt die überragende Kapazität der Baumwollspinnereien (besonders in Westfalen und Bayern), das Übergewicht der Wollkämmerei (fast das Vierfache der Stühle der Ostzone), das Schwergewicht der Kunstfaserindustrie, die vorzüglich im Rheinland mit den Werken in Wuppertal, Hilden, Köln, Dormagen, Krefeld, Oberbruch, Siegburg maßgeblich vertreten ist und in den mittel- und süddeutschen Betrieben in Kassel, Obernburg, Kelsterbach. Kelheim, Bobingen, München wertvolle Ergänzungen besitzt – freilich mit der Sorge um den Zellstoff ein schweres Gepäck auf den Schultern trägt. Auch die Juteindustrie (besonders in Westfalen und den Hansestädten) sieht weitaus im Vorrang vor den übrigen Zonen, während die rheinische Tuchindustrie, die Bielefelder Leinenindustrie, die Barmer Artikel, die Krefelder Seidenindustrie, die württembergische Strickereiindustrie, die AugsburgerTextilveredelungsindustrie, die süddeutsche und rheinische Nähfadenindustrie, die oberbayrische Hanfindustrie Beispiele "repräsentativer" Textilzweige sind. Die Neuansiedlung ehemals sudetendeutscher Fertigwaren, vor allem in Bayern (z. B. handgeklöppelte Spitzen, Taschentücher, Kunstblumen) und die in Württemberg-Baden gegründete "Arbeitsgemeinschaft der Hersteller geschnittener Strümpfe" deuten die Verstärkung wertvoller Exportkapazitäten und die Ausfüllung klaffender Produktionslücken an. Entscheidend ist heute in den Westzonen die "Ausrichtung" fast der gesamten Textilindustrie auf das Bergarbeiterpunktsystem, auf technischen Sonderbedarf und auf den Export, während für den ‚,Normalverbrauch" meist nur spärliche Anteile abgezweigt werden. Von der Ausbalancierung der Gewichte zwischen dem britischen und amerikanischen Besatzungsgebiet; d. h. von ihrer wirklichen Vereinigung, Angleichung und Zuordnung untereinander, erhofft man die Beseitigung mancher Engpässe und Mangelerscheinungen, die in den selbständigen Zonen unmöglich war. Voraussetzung ist freilich der laufende Zufluß von Rohstoffen.

Schließlich das französische Besatzungsgebiet. Esteilt mit dem benachbarten amerikanischen das Schicksal, die Zonengrenze mitten durch die württembergische Strickereiindustrie gezogen zu sehen, deren südlicher Teil des Anschlusses an Vor- und Hilfsindustrien, (Veredelungsbetriebe, Kunstseidenfabriken, Maschinenindustrie) beraubt wurde. Jedoch besitzt auch die französische Zone eine namhafte Kunstfaserindustrie mit Werken vor allem in Freiburg, Säckingen und Rottweil, deren Ausrüstung mit Chemikalien und Zellstoff auf eigenem Gebiet möglich erscheint. In Phantasiewirkwaren und Trikotgewirken besitzt der Südwesten Spezialzweige, die im übrigen Deutschland fehlen; leidet fielen die modernsten Maschinen der Demontage zum Opfer. Daneben ist die südbadisie Nähmittelindustrie weit über die Grenzen bekannt, hat die Baumwollweberei einen Ruf, sind die alten engen Veredelungsbeziehungen mit dem Elsaß und der Schweiz wieder angeknüpft worden. Insgesamt aber ist die französische Zone in den meisten Spinnstoffwaren von den übrigen deutschen Textilbezirken so abhängig. daß ohne regen Austausch eine allmähliche Verkümmerung eintreten niüßte. Schon die Rohstoffversorgung der ansässigen Zweige ist ein Problem. H. A. N.