Von Karl N. Nicolaus Früher, als wir Studenten waren, gingen wir, wenn wir von zärtlichen Anwandlungen theoretischer Art heimgesucht wurden, zu einem Kumpel, pardon, zu einem Kommilitonen, und besahen uns bei ihm die berühmt-berüchtigte Sittengeschichte von Fuchs. Heute bin ich bescheidener geworden: heute müssen mir die Reklamebilder in den großen, amerikanischen Moden-Zeitschriften genügen, die man gelegentlich in Demokratischen Lesehallen erwischen kann. Dort also sah ich, daß die Mode das Korsett wieder auf den Thron erhoben hat, das olle, ehrliche Korsett. Sein Zweck? Nun, das weiß man doch. Es gilt, eine Wespentaille zu erzeugen. Ja, eine Wespentaille ist eine atemraubende Einrichtung, nicht nur für die Person, die sie trägt, sondern auch für die Zuschauer. Und wieviel liebe Jugenderinnerungen hängen daran!

Meine Eltern leisteten es sich in der kleinen Stadt meiner Jugend einmal im Jahr, auf ein "Vergnügen" zu gehen. So nannte man damals, washeute "Ball" oder "Party" heißt. Es war ein Ereignis dessen Vorbereitungen unser Haus völlig auf den Kopf stellte. Und welch Gipfel der Vorfreude, wenn gegen Abend mein Vater unter Hilfestellung einiger anderen Familienmitglieder meiner Mutter, beim Anlegen der "Kriegsausrüstung" behilflich war! Unter Fluchen und Zähneknirschen setzte mein Vater meiner Mutter das Knie in das Kreuz und begann, an verschiedenen Fäden und Zügen zu ziehen, wodurch sich der Panzer, in den meine Mutter gezwängt war, immer weiterzusammenzog Schon damals erschien mir diese Prozedur wie ein Symbol für die Weisheit: "Er soll dein Herr sein!" Ich selbst stand mit einer Schüssel Wasser bereit, meine gute Mutter zu besprengen, falls sie infolge Luftmangels in eine Ohnmacht fiele. Schon damals, erhielt ich einen tiefen Einblick in jene Strapazen, in die die Mode die Menschen zu stürzen vermag.

Nicht nur das! Auch meine frühe historische Bildung hing mit einem Korsett zusammen. In meiner Vaterstadt gab es einen originellen Mann: der hatte ein schönes "Museum" eingerichtet. Dort gab es neben dem Rachen des Walfisches, der den Propheten Jona verschlang, auch den berühmten Zahn der Zeit", es gab einen "Balken von der Arche Noah", aber auch das "Korsett der Königin Draga" deren Ermordung fern in Serbien damals die Gemüter so sehr bewegt hatte. Dieses Königin-Korsett – ein von Dolchstichen zerfetztes, blutiges Gestänge – war für uns Kinder die erste, sichtbare Demonstration für den Umstand, daß die sogenannte Geschichte manchmal eine blutige Veranstaltung ist. Aber auch aus anderen Gründen habe ich jenen Korsetts von damals eine dankbare Erinnerung bewahrt. Alte Korsetts erregten nämlich stets unsere kindliche Aufmerksamkeit, weil wir die Fischbeinstangen in Verbindung mit den Metallsprossen aus alten Regenschirmen zu Flitzbogen zu verarbeiten wußten. Man sage also nicht, die Mode sei immer nur töricht und zu gar nichts nütze.

Daher ist es nur begrüßenswert, daß die allmächtige Mode endlich wieder auf einen Apparat zuröckkommt. der bewirkt, daß den Leuten die Luft wegbleibt. Ich meine den Leuten, die sonst keine Sorgen haben. Und praktisch gesehen, finde ich es erstaunlich, daß es so lange gedauerthat, bis das Korsett wiederkam. Denn heute, da die Verpackung von Zigaretten, Dosenmilch, Bonbons, Schokolade und Feueranzündern so große Fortschritte gemacht hat, war es doch eigentlich naheliegend, auch auf die Verpackung von Frauen und Mädchen mehr Sorgfalt zu verwenden und sie insbesondere etwas zu kartonieren, damit es nicht nur ein Aufsehen, sondern auch eine Haltung gibt. Nichts fehlt uns so sehr wie Haltung. Wird dies nicht von den verschiedensten Seiten in allen Tonarten verkündet? So wird das Korsett wenigstens dem weiblichen Teil der Belegschaft zumindestens in den Abendstunden jenes Rückgrat geben, das den wahrhaften Charakter ausmacht. Es kommt der Wespentaille dabei also eine gewisse, weltanschauliche Bedeutung zu.

Leider höre ich die Gelehrten und Freunde der Menschlichkeit bereits wieder ihre Stimmen wetzen für die Ermahnungen, wie gesundheitsschädlich diese Korsetts sind. Die unermüdlichen Toren! Seit Jahrtausenden werden weise Leute nicht müde, dem Menschen vorzuhalten, wie gesundheitsschädlich das gesamte Leben, wie es sich die Menschen auch immer einzurichten belieben, ist, und der Erfolg war gleich Null. Wovon jedermann sich durch einen Blick aus dem Fenster leicht überzeugen kann...

Wie die Wespentaille ästhetisch wirkt? Nun wunderbar! Im Modenjournal wenigstens wirkt alles wunderbar. Wie es allerdings aussieht wenn die – ich weiß nicht aus welchen Gründen immer noch dralle Anna von nebenan ihre Üppigkeit in ein Etui mit vierzig Zentimeter Taillenweite füllt, wage ich mir lieber nicht vorzustellen. Die Macht der Mode gründet sich überhaupt auf der Illusion, daß die Frauen, wenn sie die Modenregeln befolgen, jenen Göttinnen gleichwerden, wie sie als Mannequins verkleidet, in den Modenzeitschriften residieren.

Wenn ich ganz ehrlich bin, so hatte ich bei Betrachtung jener Göttinnen mit den grandiosen Meisterkorsetts aus Gummi und dergleichen in jenen fremden Modenjournalen nicht nur Jugenderinnerungen. Mir fiel auch ein, daß ich seit der Entlassung von den Soldaten einen Bezugsschein in der Tasche hatte auf ein Paar Sockenhalter. Man verzeihe mir, daß ich so ein profanes Ding wie einen Sockenhalter in Beziehung bringe zu einem so erhabenen Gegenstand, wie es ein Korsett ist. Ich weiß auch, daß ein Kavalier in jenen fernen Ländern keine Sockenhalter trägt. Und es ist natürlich sträflich, daß ich überlegte, wie viele Sockenhalter man aus dem Gummi der pompösen Korsetts hätte machen können. Der Wurm sitzt eben immer in einem selbst: man gönnt es den anderen nicht, man beneidet die anderen um ihre Korsetts. Aber ich habe zu lange ein Paar Sockenhalter zu erwerben versucht, ohne es zu finden. Da hat man natürlich Ressentiments, auch wenn ich weiß, daß es nichts Wichtigeres gibt als Haltung.

Endlich wird Haltung in die Menschen kommen – wenigstens in die Frauen. Andere werden sagen: die Lage versteift sich. Nicht nur, was die Mode betrifft. Und darin kann man ihnen eigentlich nicht viel entgegnen. Leider, leider!