Von Herbert Fritsche

Achtzig Jahre wäre Gustav Meyrink,der unvergeßliche Vergessene, jetzt alt. Am 19. Januar 1868 wurde er in Wien geboren. als Sohn der Schauspielerin Marie Meyer und des württembergischen Staatsministars Carl Freiherr von Varnbühler, des "schönen Varnbühler", wie man ihn in Diplomatenkreisen nennt. Die Mutter, selbst Künstlerkind, aus Schlesien stammend, ist Naive und Liebhaberin am Hoftheater Ludwigs. II. in München. Aus dem Blut des klugen Aristokraten und der quecksilbrigen Komödiantin wächst ein Kind auf, dem es Lebenselement ist, allenthalben hinter den Vorhang zu schauen. Man läßt dem Jüngling in Hamburg eine höhere Kaufmannsbildung zuteil werden, als dann geht er nach Prag und wird Bankier: "Erstes christliches Bankgeschäft Meyer & Morgenstern" in der Jungmannsgasse. Der Bankier Meyer gibt sich extravagant, ist anerkannter Dandy, glänzt mit Sportrekorden im Rudern- und Pistolenschießen und will eines Tages, einer Liebesenttäuschung wegen, die Pistole gegen die eigene Schläfe richten: da wird vom Postboten ein Bücherprospekt durch den Briefschlitz der Tür gesteckt. Der Selbstmordkandidat erfährt von Werke, die das Leben hinter dem Schleier behandeln, nicht nur Spiritismus. Theosophie und parapsychische Wissenschaft tauchen in seinem Bewußtsein auf, auch von der Existenz eines Weges ins Unverwesliche erfährt er, vom indischen Yoga. Die Pistole fliegt zur Seite, aus dem Leser öckulter Literatur wird ein fanatischer Exerzitant. Meyrink unternimmt in der von Annie Besantgeleiteten "Esoterischen Schule" innerhalb der Theosophischen Gesellschaft die planvoll geleitete Reise zum "innersten Osten", zum "Land der leuchtenden". Das barocke Dämmern Prags – jenes Prag, aus dem Rilke, Franz Kafka, Max Brod und der die Wunder von Lourdes verkündende Franz Werfel stammen – breitet sich über die stille Arbeit der Übenden an der "Loge zum blauen Stern", wo man in die Mysterien der Kabbalah, in die Praktiken der Magie, in die Yoga-Erkenntnis des Übersinnlichen eindringt; Der bei Tage sein Bankgeschäft verwaltende Gustav Meyer erfährt zum Abend das Wunder "Ibbur", das er in seinem Roman "Der Golem" schildert: die Seelenschwängerung, wenn zum eigenen Seelenwesen ein innerer Führer hinzutritt, ein im "innersten Osten" legal Beheimateter, Allerlei Wissende gehören zum Freundeskreis des sonderbaren Kaufherrn, der Tscheche Karel Weinfurter. dessen Buch "Der brennende Busch" auch im deutschen Okkultismus eine große Rolle spielt, ferner der Musikmäzen und Erfinder Friedlich Eckstein, ein Universalgenie, dem – wie er in seiner Selbstbiographie berichtet – auch Rudolf Steiner die ersten theosopbischen Anregungen verdankte, ferner der im Halbdunkel bleibende Rosenkreuzer Prestel –: es glimmert und gärt in Prag von heimlicher Alchymie und unheimlichem Zauberwesen, als sei Kaiser Rudolf II. wieder unter den Lebenden, der Habsburger, der Gold kochen konnte, den ersten Spiritisten John Dee an seinen Hof zog und mit dem Rabbi Jehuda Löw die Geheimwissenschaft der Hebräer studierte.

Die selbstgerechte Außenwelt des k. u. k.-Prag jener Ära weiß nichts von alledem, ihr ist der Bankier Meyer lediglich ein provokanter Bastard. Als dieser Fremdling eines Tages jedoch eine junge Dame der besten Prager Gesellschaft zu heiraten beabsichtigt – es wurde eine Liebe und Ehe der tiefsten Erfülltheit bis zu seinem Tode –, da macht Prag mobil. Der Bruder des Fräuleins Philomena, Bernt, Offizier im österreichischen Heer, beleidigt den nicht standesgemäßen Bewerber, seine Korpskameraden stimmen mit ein, Gustav Meyer aber antwortet mit Pistolenduell-Forderungen im ganzen Kreise rings. Große Verlegenheit: man hat nicht bedacht, welch hervorragender Pistolenschütze dieser kleine Bankier ist. Was tun? Der Chef der Prager Polizei, Hofrat Olie, weiß Rat – den in solchen und ähnlichen Fällen: immer wieder erprobten Rat: Verhaften! Unter dem Vorwand, Meyer könne "auf spiritistischen Wegen" seine Bankkunden zu Spekulationen veranlaßt haben, bringt man ihn ins Untersuchungsgefängnis, schleppt die Angelegenheit drei Monate hin und entläßt, da das Verfahren nichts ergibt,einen Kranken und – nicht mehr Satisfaktionsfähigen.

In Dr. Lehmanns Sanatorium auf dem Weißen Hirsch bei Dresden sucht. Meyer zunächst Heilung. An der Patiententafel erzählt er des Abends seine Prager Erlebnisse, witzig, giftig, grotesk zugespitzt, voller unheimlicher Phantasie. Ein Zuhörer spricht ihn an: der Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz, der Schwagerdes Zwielicht-Künders Alfred Kubin. Schmitz fordert den genialen Erzählerauf, all dies – genau in der Form der mündlichen Berichte – niederzuschreiben und an ein paar Blätter zu schicken. Unter dem Namen Gustav Meyrink tauchen diese Grotesken im "Simplizissimus" und in Hardens "Zukunft" auf, erregen Sensation. Meyrink ist alsbald Redakteur des "Simplizissimus", zieht – nachdem er in London geheiratet hat – nach München, wird als tödlich treffsicherer Humorist, der vor allem Prag, den Militarismus und das medlokre Pharisäertum aufs Korn nimmt, schnell zur literarischen Berühmtheit. Im Sammelband "Des deutschen Spießers Wunderhorn" finden sich all die Grotesken jener Jahre, deren bittere Berechtigung später durch denselben Hitler erwiesen wurde, der sofort das Verbot sämtlicher Werke Meyrinks als erste Kulturtat nach seinem Regierungsantritt vollstrecken ließ.

Jedoch der"Simplizissimus"-Redakteur Meyrink bleibt – mag er in Haßliebe sein Prag noch so schonungslos dem Gelächter preisgeben – dennoch der "Stadt mit dem heimlichen Herzschlag" in tiefster Tiefe verbunden. Er schreibt, ohne daß außer der Gattin und dem Freunde Roda Roda sowie dem als Illustrator vorgesehenen Alfred Kubin irgendwer etwas davon ahnt, das Prager Epos "Der Golem", den einzigen okkulten Roman von Weltgeltung, den die deutsche Dichtung hervorgebracht hat, das Lehrbuch der hohen Magie in den Brokat einer Dichtersprache von unvergleichlicher Geheimnisträchtigkeit gefüllt. Alfred Kubin, der schon Zeichnungen angefertigt hat, kann die langsame, Entwicklung des Werkes nicht abwarten: um seine Graphiken herum schreibt er inzwischen einen eigenen Roman, "Die andere Seite", worin gar viel aus Ernst Jüngers "Marmorklippen" vorweggenomwen ist. "Der Golem" ist zu Beginn des Weltkrieges der größte deutsche Bucherfolg seit vielen Jahrzehnten Bis heute lebt und wirkt die Geschichte vom Gemmenschneider Athanasius Pernath, der im Getto Prags haust undseine Vergangenheit vergessen hat, auf doppelte Weise fort: als Roman, den man nicht vergessen kann, als rembrandtdunkles Liebeslied auf Prag, als Rätselspiel zwischen Tag und Traum– aber auch als Einweihungs-Unterweisung, als symboldurchwobene Lehrschrift, "hüben und drüben ein lebendiger Mensch" zu werden.

Mit dem "Grünen Gesicht" bleibt Meyrink, wie im "Golem", dem kabbalistischen Weltgeheimnis nah, mit der "Walpurgisnacht" wendet er sich – und wieder ist Prag der Boden des Geschehens – weiter nach Osten hin, zum Himalaya und in die unbekannten Weiten der Gobi-Wüste, über der das Ackerland Shamballa schimmert, das Grals-Gelände der Asiaten. Die Romane "Der weiße Dominickaner" und Engel vom westlichen Fenster" – die große Warnung vor dem Offenbarungsspiritismus – schließen sich an. Inzwischen ist der Dichter alt geworden. Am Starnberger See bewohnt er das "Haus zur letzter? Latern", nach einemEinweihungswinkel in Prag benannt. Sein Leben verläuft ganz als das eines Yogi: dem Orden der Sat Bhai, der sieben mystischen Vögel, zugehörig, baut er in täglich achtstündigem Üben am Auferstehungsleib – der "unverwesliche Doppelgänger" ist sein Lebensziel. Im Spätherbst 1932 erfährt er – in die indischen Mysterien, in die Methodik der Adepten Asiens eingedrungen wie keiner sonst – daß derlebendige Christus auch der Herr des "innersten Ostens" ist. Nun kann er als ein Weiser aus dem Morgenland zu ihm gehen und ihm Gold, Weihrauch,und Myrrhen bringen.

In den Morgenstunden des 4. Dezember 1932 verabschiedet er sich – nachdem er kurz zuvor den einzigen Sohnauf tragische Weiseverlorenhat – wach und klar von seiner Lebensgefährtin und zelebriert, das Antlitz gen Osten gekehrt, den Hingang des meisterlichen Menschen. Wenige Wochen später beginnt in Deutschland die "Walpurgisnacht", vor der er so dringlichwarnte, und "des deutschen Spießers Wunderhorn" hebt an, durch alle Welt zu gellen. Inzwischen ist das abgeklungen. der Einsame aus dem "Hause zur letzten Latern" will wieder bei uns sein!