Deutsche Besucher, die aus der Schweiz zurückkehren,erklären sich ausnahmslos überwältigt von den vollen Schaufenstern. "Dort kann man alles kaufen, von Südfrüchten bis zu Nylonstrümpfen, von Büchern. in allen Weltsprachen bis zu den neuesten Rundfunkgeräten." Doch im gleichen Atemzuge fügen sie meist hinzu: "Aber es wird gar nicht soviel gekauft! Alles ist so wahnsinnig teuer, vier- bis fünfhundert Franken kostet bereits das einfache, tägliche Leben, ohne große Sprüngel" Diese Besucher eines reichen Landes, das sich übermäßige Geldeinfuhr verbeten hat (weil Gold, im Safe ebensowenig nützt wie Geld im Strumpf), diese Besucher haben, aus Mangel an eigener Anschauung in den letzten zehn Jahren, das normale Wirken einer Bedarfs- und Marktwirtschaft vergessen. In der Schweiz kauft man heute wieder, wenn man etwas braucht und wenn man es sich leisten kann – nicht aber, weil zufällig gerade etwas angeboten ist, was man vielleicht später einmal brauchen könnte, oder weil man sein wertlos scheinendes) Geld "unterbringen" will.

Dabei sind die Schweizer selbst schon ein wenig von alten Sparsamkeitsregeln abgekommen. Man dreht nicht mehr wie früher das Zehnrappenstück, den Schweizer Groschen, um, als wäre es ein Louisdor; man zahlt bereitwilliger als vor dem Kriege die – meist verdoppelten – Preise. Amerikanische Autos mit ihren protzig geschwellten Kotflügeln werden heute wie selbstverständlich von jungen Schweizern mit reichen Eltern gefahren, die sich früher lange überlegten, ob sie sich einen gebrauchten DKW für Wochenendausflüge in die Berge leisten könnten. Aufgestauter Bedarf, für den es in den Kriegsjahren keine Deckung gab, spielt auch hier eine Rolle, zusammen mit der Ungeduld über die Verzögerung der Einkäufe durch eine inländische Industrie, die nicht schnell genug nachkommen konnte, und durch eine Einfuhr, die zunächst zwar Obst, aber keine Dauergüter liefern konnte.

Dazu trat noch ein anderer Grund: der Reichtum aus der Vollbeschäftigung schien nicht mehr so "verwendbar". Sparen im Zeichen steigender Preise ist niemals sehr beliebt gewesen. Dazu gesellten sich Anlageschwierigkeiten. Wochenendgrundstücke an einem Schweizer See kosten heute ihre 50 000 Franken – auf den Quadratmeter gerechnet mehr als früher ein Grundstück im Berliner Grunewald. Die Schweiz ist eben zum vielbenutzten Exil nicht nur fürKönige, sondern auch fürs Kapital geworden, was sich nicht nur in Grundstückspreisen, sondern in allen Anlagewerten ausdrückt. Und die früher bei den Schweizern durchaus beliebte Investition im Auslande ist heute teils riskant, teils versperrt. Zwar hat die Schweiz bisher seit Kriegsende rund 1 Mrd. Franken an eine Reihe europäischer Länder geliehen, darunter Frankreich, Italien, Belgien, Holland, England. Polen und die Tschechoslowakei, meist in der Form staatlicher Kredite zur Ausfuhrförderung. Aber nur Belgien wickelte seine Verpflichtungen fristgemäß ab, im übrigen der handelt es sich vorläufig um unfreiwillige "Stillhaltekredite". In Deutschland würde man sich gern langfristig an geeigneten Objekten beteiligen, ist jedoch trotz grundsätzlicher Klärung mit der amerikanischen Besatzungsmacht bisher noch nicht zum Zuge gekommen. So steht denn der Unlust gegenüber weiteren Außenhandelskrediten, die einzufrieren drohen, und der Rechtsunsicherheit für langfristige Auslandsanlagen eine Rückkehr von Auslandsguthaben gegenüber, die noch eine Vermehrung der Arbeitslosigkeit des Kapitals bedeuten.

Eine Arbeitslosigkeit der Menschen kennt man dagegen in der Schweiz zur Zeit kaum. Im Gegenteil man ist an ausländischen Arbeitskräften (Facharbeitern für die Maschinen-, Uhren- und chemische Industrie und Hausangestellten) durchaus interessiert, vermochte jedoch bisher nur erst 7000 Menschen aus dem Auslande heranzuziehen.Der hohe Beschäftigungsstand spiegelt sich im amtlichen Schätzungsindex, der heute bei 141 im Vergleich zu 96 im Jahre 1938 liegt,wobei 100 als "befriedigend" und 150 als "gut"; nämlich als eine optimale Vollbeschäftigung gilt.

Die Maschinenindustrie hat neben gestiegenem Inlandsbedarf mengenmäßig ihre Vorkriegsausfuhr wieder erreicht. Die Uhrenindustrie wird als "überbeschäftigt" bezeichnet, wesentlich infolge der Auslandsnachfrage. Sie ist ständig bemüht, anlernungsfähige Arbeitskräfte aus anderen Wirtschaftszweigen zu sich herüberzuziehen, was einen wesentlichen Antrieb zu den allgemeinen Lohnsteigerungen gegeben hat, die in der Regel mit der Erhöhung der Lebenshaltungskosten Schritt gehalten haben. Noch stärker als die Uhrenindustrie haben Chemie und Pharmazeutik deutsche Auslandsmärkte übernehmen können. Es werden daher ständig Erweiterungen im Produktionsprogramm und an den Anlagen vorgenommen. Die Textilindustrie konnte zunächst nach dem Kriege Inlandsabsatz und Exporte beträchtlich steigern. Während die Inlandskonjunktur noch anhält, weist die Ausfuhr Sturmzeichen auf. Schweden, das im Gegensatz zur Schweiz in den ersten beiden Nachkriegsjahren weit über seine Verhältnisse lebte und dabei seine Devisenbestände weitgehend aufzehrte, hat plötzlich das Steuer herumgeworfen und dabei auch seine Textilkäufe in der Schweiz fast völlig eingestellt. Frankreich und die. USA kaufen neuerdings beträchtlich geringere Mengen an Seiden- und Kunstseidenwaren sowie von Spitzen, die an sich eine günstige Modekonjunktur haben. Von den USA-Käufern wird übrigens auf die überholten Schweizer Preise vor allem für Spitzen hingewiesen und eine erneute Ausdehnung der Bestellungen nach Senkung der Preise angekündigt Der Ausfall Deutschlands am Weltmarkt, den die Schweizer Chemie Grund hat zu begrüßen, wird übrigens von der Schweizer Textilwirtschaft sehr beklagt. Die gleiche Klage hört man von Schweizer Buchverlegern, die zum Teil große deutschsprachige Auflagen für die Zeit nach der Kapitulation vorbereitet hatten, jetzt jedoch nicht absetzen können.

Die schnell um sich greifende Knappheit vieler Länder an harten Währungen (zu denen der Schweizer Franken umumsritten gehört) schadet der "Schweizer Schönheit" bisher am stärksten: der Fremdenverkehr, einer der wichtigsten Devisenbringer der Schweiz, hat vor allem nach dem Verbot der Auslandsreisen für Engländer rapide abgenommen, und es droht eine ähnliche empfindliche Krise des Hotelgewerbes; wie in den dreißiger Jahren mit ihren gähnend leeren Hotelhallen. Doch drei Faktoren werden vielleicht stärker als damals als "Kissen" für einen etwaigen Abfall der Schweizer Hochkonjunktur dienen können. Die öffentliche Bautätigkeit ist im Kriege und seitdem bewußt stark gedrosselt worden, damit der Wohnbaubedarf mit Vorrang befriedigt werden kann, ohne daß die Bauwirtschaft durch übermäßige Auftragsbelastung allzusehr die Spirale der Preis- und Lohnerhöhungen hinaufgetrieben werde. Ferner hat die Schweizer Landwirtschaft, durch die Not des Krieges getrieben, mit ihrem 1940 begonnenen "Anbauwerk" die eigene Ernährungsbasis verbreitert, verbunden allerdings mit einem leichten Rückgang der Vieh- und Veredlungswirtschaft. Der frühere Leiter des Anbauwerks F. T. Wahlen, konnte als das Ergebnis eine Verdoppelung der Kartoffel- und der Getreideerträge zwischen 1934 und 1944 registrieren und dazu feststellen: "Das schönste Ergebnis dieser Entwicklung ist die Tatsache, daß nun sozusagen der letzte Bergbetrieb für seinen Bedarf an Kar- – toffeln und Gemüse unabhängig vom Zukauf geworden ist. Gemüse hat man vielfach erst durch den Zwang der (inzwischen längst abgeschaffenen) Rationierung essen gelernt. Darüber hinaus wird auch in alten Gebieten wieder eigenes Brot gebauten. wo diese Kunst seit Generationen verlorengegangen war."

Schließlich ergibt sich auch für die Schweiz die Aussicht, im Rahmen des Marshall-Planes zu engeren Verbindungen mit einer stabileren europäischen Kontinentalwirtschaft zu gelangen. Wenn sich auch die Schweiz als ein "reiches Land" vorerst noch (auf der Welthandelskonferenz in Havanna) dagegen sträuben muß. daß Einfuhrristriktionen nur von devisenschwachen Nationen vorgenommen werden dürfen, so zeigt doch auch dieser Kampf, daß die Schweiz ernsthaft und realistisch mit ihrer Rolle in der Bemannung des europäischen Wirtschaftsschiffes befaßt ist. Edgar Gerwin