Uraufführung in Göttingen

Als Heinz Dietrich Kenter für die Eröffnung des Göttinger Schauspiel-Studios Fred Dengers "Bikini" wählte, war er sich nach-seinem eigenen. Eingeständnis bewußt, daß die jungen deutschen Dramatiker nach dem Kriege noch nichts Vollkommenes hervorgebracht hätten, daß jedoch auch das Unvollkommene zuweilen wert sei, zur Diskussion gestellt zu werden. So solle das Göttinger Studio mehr die Bemühung als die Vollendung, mehr den Weg ab das Ziel zeigen. Was aber ist dieses Ziel des heutigen Theaters? Das verlorene Abbild des Menschen wiederzugewinnen!

Es fragt sich, ob Fred Denger in "Bikini" diesem, Ziel nahekam. Das Thema Seiner 31 Szenen – er bezeichnet sie als "filmisches Theater" – ist: Angst. Und zwar versinnbildlicht er sein Thema in der Besatzung, des Flaggschiffs Mount MacKinley, das im Mai 1946 am Rande einer Sperrzone im Pazifischen Ozean den Abwurf der Atombombe auf die Versuchsschiffe bei den Bikini-Inseln beobachtete. Aber das Sinnbild ist nicht glücklich gewählt. Das Spannungsmoment fällt von vornherein weg; denn der Zuschauer weiß, daß das Experiment glücklich ausging und die Angst der-Passagiere unbegründet ist. Was hier gezeigt wird,-ist daher nicht Weltangst, metaphysische Angst, sondern nur der augenblickliche Schock, das kreatürliche Erzittern vor der momentanen Todesgefahr. Sie formt nicht, verwandelt nicht das Menschenbild, sondern sie verzerrt es. Denger will aber zur Besinnung aufrufen. Und da ihm dies nicht glückt in der indirekten Form dichterischer Gestaltung, läßt er seine Figuren plötzlich von der Bühne herab dozieren über den Mißbrauch der Atomkraft und die Bedrohung des Weltfriedens. Sogar in gebundener Rede! Sogar in fünffüßigen Jamben! Immerhin – schon in seinem Erstlingswerk "Wir heißen euch hoffen", das 1945 unter der verwahrlosten Jugend in den Ruinen von Berlin spielt, hat – Denger gezeigt, daß er feine Fühler hat für die Fragen, Süchte und Gefahren unserer Zeit. Er ist daran noch kein Dichter. Aber er besitzt gewisse Fähigkeiten. ohne die man kein Dichter sein kann.

Die Göttinger Aufführung verdankte ihren Erfolg vor allem der außerordentlichen Regie von Hein Dietrich (Center. Unterstützt von den suggestiv andeutenden Schwarzweiß-Bühnenbildern Hans Plochs und der unheimlichen Geräuschkulisse der stampfenden Maschine und der heulenden Schiffssirene wußte er die Atmosphäre so zu verdichten, daß sich trotz aller inneren Einwände Beklemmung auf die Brust des Zuschauers legte und am Ende doch etwas fühlbar wurde von dem, was der Autor fühlbar machen wollte: der tödlichen Bedrohung, unter der wir alle. leben.

"Gertrud Runge