Von Egon Vietta

Das Christentum kennt die objektive Schuld wir beim einzelnen Helden, nicht beim einzelnen Christen. Der Heide, der vom Evangelium nichts weiß, ist nicht verantwortet für seinen Unglauben, Der Christ allem ist verantwortlich er ist sündig. Kein Christ ist ohne Schuld, weil keiner ohne Süßigkeit ist. Nur dafür, daß er sündig ist, ist er nicht verantwortlich, Die Erbsünde war subjektive Schuld Adams Und Euas, für die Menschheit ist sie objektive Schuld, von der sie durch den Kreuzestod Christi erlöst ist, – Wo das Evangelium nicht mehr geglaubt wird, tritt, mit voller Wucht, objektive Schuld wieder in die Welt. Das möchten die modernen Philosophen gern verwischen. Sie möchten den Menschen einreden, daß das Christentum ihnen die Erlösung vererbt hat. Sie möchten, daß die Menschen ein gutes Gewissen haben, sobald sie sich von subjektiver Schuld frei fühlen. Sie lehren Schuldlosigkeit als möglich. – Der "Existentialismus" macht diese Verwischung nicht mit. Heidegger ist der erste europäische Philosoph gewesen, der Schuld als "fundamental-onologische", als zugleich subjektive und objektive Erfahrung wiederentdeckt hat, als diejenige Erfahrung, in der der Mensch, der von Gott nichts weiß, seines In-der-Welt-Seins inne wird. Aus der Berliner Tageszeitung. "Der Kurier"

Der Schwarzwald sammelt sich um die späte – – Mittagstunde wie ein weithin wogendes Hügelfeld ins Licht. Die Herden waten in späten Sonnenstrahlen, von ihren Hunden eingekreist, und entfalten, sich in malerischen Gruppen auf der Halde. Es ist kühl. Denn Todtnauberg zu Füßen des Feldberge ist der Witterung stärker ausgesetzt als die milde Rheinebene. Die grünen Tannen stehen wie kleine Pelzkappen auf den abgeflachten Kuppen und wechseln in violettes Schwarz, als die Dämmerung einbricht. Die Kühle aber scheucht uns auf aus der Ruhe unseres philosophischen Gesprächs, – und wir wandern rascher am Hang entlang. – Jean Beaufret, der junge französische Philosoph, steht. Martin Heidegger an Gedrungenheit kaum nach. Beide sind stämmig und untersetzt. Beidewirken bäurisch, einfach und auf den ersten Blick so unscheinbar, daß niemand, der ihnen hier, auf der einsamen Schwarzwaldhöhe, begegnete, aus ihrem. Munde tiefe philosophische Erörterungen vermutet hätte. Dieses Gespräch auf dem weltabgeschiedenen Gebirgsgipfel aber dreht sich um Fragen, die gegenwärtig alle europäischen Denker bewegen: Sind Ethik und Humanismus noch Realitäten oder nur bloße Schatten abendländischer Überlieferung? Übrigens, wer erinnerte sich nicht, daß schon einmal ein Philosoph – Friedrich Nietzsche in Site Maria – unterm Wetterleuchten großer Gipfelgrate einen ähnlichen Dialog mit dem Dämon in seiner eigenen Brust geführt hat? Es ist jener Monolog Zarathustras daraus geworden, den Europa für seine eben überwundene Tyrannis verantwortlich machen will Und heute, ein halbes Jahrhundert später, ringt Heidegger im Gespräch mit Beaufret, dem Repräsentanten einer französischen Elite, die literarisch immer das Humane verfochten hat, um Klärung. Ja, hat diese Elite nicht sogar die Philosophie Martin Heideggers selbst in der brillanten französischen Diktion zur Weltgeltung erhoben?

Es ist ein Denken, das in großen geistigenHöhen ausgefochten wird. Und man sollte solch philosophisches Bemühen nicht am Pegel der politischen Tagesfragen messen. Denn hier muß oft der zeitliche Richterspruch versagen. Was hat beispielsweise der politische Irrtum Platons, sein Abenteuer Syrakus, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte, der durch Jahrhunderte währenden Geltung seiner Philosophie angehabt? Gar nichts! – Wir aber sollten einen Denker wie Martin Heidegger, weil er in Gitteren Tageswirklichkeiten irrte, aus unserem geistigen Gespräch ausschalten? –

Die primitive Berghütte, in der Heidegger völlig seiner Arbeit lebt, bezeugt, daß die wahren geistigen Entscheidungen fern von Sphäre des Ehrgeitzes getroffen werden. Auch Autorenehrgeiz plagt Heidegger nicht. Er hat nach der Veröffentlichung seines entscheidenden Buches "Sein und Zeit" (1927) und seiner Schrift "Kant und das Problem der Metaphysik" (1929) keine größere zusammenfassende Publikation mehr herausgegeben. Nicht etwa, weder seither nichts mehr geschrieben hätte! Heidegger hat in’seinen Vorlesungen die gesamte europäische Philosophie von den Vorsokratikern bis zu den letzten großen Denkern unserer Epoche abgehandelt. Sein letztes war ein Nietzsche-Kolleg, in dem er die geistige Überwindung dieses Denkens philosophisch untermauerte. Er hat sich persönlich zurückgehalten, er, der schon früher die Berufung auf den angesehensten philosophischen Lehrstuhl der Weimarer Demokratie ausschlug. Seine Gedanken aber – als existentialistisch heiß umstritten – sind zum Gespräch der gesamten philosophischen Welt geworden. Er selbst griff erst vor kurzem – und dies auf die dringliche Frage Beaufrets – in einem Brief über den "Humanismus" in dieses Gespräch ein. Dieser an Beaufret. gerichtete Brief ist inzwischen gemeinsam mit einem Vortrag Heideggens über "Platons Lehre von der Wahrheit" in der Schriftenreihe, die Ernesto Grassi unter dem Titel "Überlieferung und -Auftrag" (Verlag A. Francke A. G., Bern, Schweiz) herausgibt, erschienen. Und darin nimmt Heidegger Stellung zu seiner gesamten Philosophie.

Man weiß, daß viele die begriffliche Sprache von "Sein und Zeit", Heideggers philosophischem Haupt-. werk, für kaum verständlich halten. Aber ganz abgesehen davon, daß auch andere philosophische Werke, etwa Hegels "Phänomenologie des Geistes", nicht weniger schwer zu lesen sind, ist es wohl selbstverständlich, daß sich Tatbestände, die zuvor niemals erkannt worden sind, überhaupt nicht in einer allen geläufigen Sprache ausdrücken lassen. Entscheidend ist allein, ob die Begriffe, die ein Philosoph verwendet, sachhaltig sind und fest stehen. Und das ist bei Heidegger der Fall. Nicht einer dieser Begriffe hat sich seit "Sein und Zeit" erschien, gewandelt, ja, in den Schriften Heideggers läßt sich wie in einer zuverlässigen, den Formulierungen Kants keineswegs nahestehenden Begriffe tabulatur lesen. Freilich, je mehr sich diese Tabulatur den letzten und schwierigsten Fragen nähert, desto problematischer wird der sprachliche Ausdruck. Aber hat nicht Paul Valéry einmal ausgesprochen! daß die Schärfe des Denkens es in jedem Falle nur erreichen könne. das Unerklärbare immer wieder hinauszurücken? Das Unerklärbare also bleibt. In diesem Sinne durchherrscht es auch das Philosophieren Martin Heideggers. Dennoch zeichnet sich in dieser Philosophie die Wende ab, die das späte Denken des Abendlandes beschreibt: Wir haben, grob gesagt, die logistisch gelenkten, in der Technik gipfelnden Errungenschaften des Abendlandes gedanklich schon überwunden. Dies und nichts anderes ist der Sinn der neuen Seins-Auslegung Heideggers. Wir haben Neuland gewonnen, ein Neuland jenseits des alten Humanismus Der Inhalt unserer Ethik hat sich geändert, auch "wenn wir die Bindungen, die das Menschenwesen noch so notdürftig und im bloß Heutigen zusammenhalten, schonen und sichern müssen." (Heidegger) – Die wichtigsten Thesen aus Heideggers Brief an Jean Beaufret seien hier zitiert.

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