Die Italiener sind uns weit voraus. Man erinnere sich nur an den ersten "Eisernen Vorhang", damals Limes genannt, der sich vor 2000 Jahren aber durch das Römische Reich zog. Und heute besitzt die italienische Republik eine Verfassung, einen Präsidenten, eine Regierung, das Wohlwollen Amerikas, ein Aufnahmegesuch bei der UNO und – ja, und eine ausgezeichnete, freie Presse.

Da veröffentlichte dieser Tage die liberale römische Zeitung "Risorgimento. Liberale" im Zusammenhang mit einer von Jugoslawien geforderten Auslieferung mehrerer hoher italienischer Regierungsbeamter wegen angeblicher Kriegsverbrechen eine Artikelserie, die sich mit den Grausamkeiten beschäftigt, die die jugoslawischen Partisanen Titos nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 an italienischen Soldaten begangen hätten. Hierfür sei – wie das so üblich ist – der Oberbefehlshaber der betreffenden Truppe verantwortlich. Kurz und gut, die "Risorgimento Liberale" verlangt, daß Marschall Tito wegen Begehens Von Kriegsverbrechen durch einen Gerichtshof der Vereinten: Nationen abgeurteilt werde. Welche. Aussichten! füllung ihrer Forderung hat sicher selbst die "Risorgimento Liberale" nicht geglaubt. Sie wollte auf etwas hinweisen, was ihr – und nicht nur ihr – gefährlich und ungerecht erscheint. Und aus eben diesem Motiv heraus dürfte auch das Stück geschrieben worden sein, das im vergangenen Jahr die Herzen der Römer bewegte und für Wochen den Schlager der Theatersaison darstellte. Da sah man – auf der Bühne amerikanische Generale italienischen Unteroffizieren die Stiefel putzen und die Stube kehren. Italien hatte nämlich den Krieg – gewonnen, und die amerikanischen "Militaristen" waren "entnazifiziert" worden und froh, einen Job gefunden zu haben. Italienische Miliz hielt die Vereinigten Staaten besetzt; ein schwungvoller, nicht enden wollender Schwarzhandel mit (italienischen!) Zigaretten gefährdete das amerikanische Wirtschaftssystem, und in dem Weißen Haus lümweiten Bersaglieri ihre Füße auf die Schreibtische. Rom wollte sich totlachen. War das ein Erfolg. Noch gelungener als die Neuauflage der Biographie Mussolinis, die gerade zu der Zeit in fast allen Buchläden an bevorzugter Stelle auslag und reißend Abnehmer fand ...

Das war vor einem Jahr. Außer dieser – wie Trevor Roper es nannte – "genialischen Indifferenz", die die Italiener befähige, ihrer Vergangenheit und Gegenwart fertig zu werden, klingt heute aber in dem Artikel des römischen Blattes noch ein anderer,, bedeutungsvollerer Ton mit: Ironie, daß es ausgerechnet ein Satellit des Kremls ist, der die Auslieferung von "Kriegsverbrechern", beantragt und Bitterkeit, daß drei Jahre nach Kriegsende immer noch, zweierlei Recht in der Welt herrscht, C. J.