Von Hanns Bräun

In München wurde Jean Anouilhs neue Komödie "Einladung aufs Schloß" in deutscher Fassung urauf geführt, ein unmoralisches dramatisiertes Märchen für, die vielen Armen und die wenigen Reihen, die es, in der Welt gibt. Und von ihnen handelt es auch. Da gibt es ein männliches Zwillingspaar, von denen Horace nüchtern und hart, Frederic liebenswürdig und versonnen ist. Die Einladung eines anmutigen jungen Mädchens in das Schloß durch Horace bewirkt die Enthüllung von vielerlei Emotionen und führt den Reichen zu dem Entschluß, arm werden zu wollen. Anouilh jedoch läßt geschehen, daß der Reiche durch doppelten Reichtum gestraft wird.

Picasso, der Maler, ist ein großer Könner, aber offenbar ein kleiner Müsser; denn er kann immer "auch anders". Höchstwahrscheinlich ein Symptom dieser Zeit: daß die Könner nicht müssen, was sie können, und die Müsser nicht können, was sie können sollten. Noch bei Richard Wagner war’s anders. Er hat auch einmal was leichtes, Gefälliges, Erfolgversprechendes schreiben wollen. Es sind dann die "Meistersinger" daraus geworden. "Auch-anders-können" scheint Vielseitigkeit, Reichtum anzudeuten. Aber ist es nicht bloß eine Lesart der Verzweiflung, nämlich formgewordener Zynismus?

Anouilh, der Dramatiker, hat die tiefsten tragischen Themen der Antike durchgepflügt, modernisiert, existenzialisiert. Das war unter anderem die ^Klugheit eines Fachkenners, der Weiß, daß es gar nicht sehr viele große Themen gibt. Aber soll es nun nichts als diese Klugheit gewesen sein? Kein "Müssen" dahinter? Schon im "Passagier ohne Gepäck" war zu spüren, was nun die "Einladung aufs Schloß" evident macht; daß Anouilh auch anders kann. Er kann tief. Er kann auch seicht, Plötzlich ist ihm die Gesellschaft, eine Ballnacht mit einer mondänen Intrige, kein zweifelhaftes Vergnügen. Fällt da nicht ein Verdacht auf die Tiefen seiner Antigone und Eurydike, um so mehr, als es beunruhigende, letztlich undurchlichtete, ja absichtlich versäumte Tiefen gewesen sind?

Wie denn? Soll einer nicht tief-ernst und heiter zugleich sein dürfen, auch als Dramatiker? Das hieße ja Shakespeare in die Ecke stellen. Was also verstimmt an diesem neuesten Anouilh, der doch so sehr gekonnt ist? Sind wir Etikettieren die einen; Autor festlegen möchten zu unserer Bequemlichkeit, auf Themen,-auf Formen? Festlegen müssen wir ihn allerdings. Aber nur so wie jedermann: auf die Wahrheit! Verschiedenartige Aussagen erleichtern nicht gerade, an sie zu glauben. Auch nicht in der Kunst. Anouilh, das bleibt wahr, hat auch in dieser Schloßintrige nicht aufgehört, klug zu sein; denn er. bindet sie ans alte Motiv der verwechselbaren Zwillinge. Auch weiß er, als Franzose, daß ein Dialog zu Brillantfeuerwerk und eine Gesellschaftskomödie zu putzigen Figuren verpflichtet. Aber reichen seine nihilistisch aromatisierten Beizen diesmal aus, uns an die Satire glauben zu lassen, zu der ihn seine Ansprüche bei solcher Themenwahl verpflichteten? Ist’s nicht verräterisch, wie er aus dem Gegensatz Reich-Arm, Gesellschaft-Emporkömmling Emotionen zu keltern sucht und es nicht kann? Das macht: sein Stück ist technik-gezeugt. Ein Virtuosenkunststück: wie Behling ich die Zwillingsintrige so, daß ich die zwei von einem-einzigen kann spielen lassen. Bezeichnend, daß und wie die Schlußpointe diesen technischen Effekt ausspielt! Gekonnt? Ohne Zweifel, Aber gemußt?Nicht im letzten. Und darum im letzten, im Menschlichen, uns bei aller Brillanz nichts angehend.

Fritz Peter Buch hat im Münchner "Theater am Brunnenhof" (Staatstheater) eine in vieler Hinsicht fitte, amüsant-ansehnliche Aufführung herausgebracht; unterstützt von Mark Lothars Musik und einem Bühnenbild von Irmgard Becker, das den Ball als Schattenspiel sichtbar nahehielt, ohne uns durch Auftreten von Gesellschaftsstatisterie in Verlegenheit zu bringen. (Audi ihre Kostüme konnten sich sehen lassen.) Die Doppelrolle des Horace/Frederic spielte Wolfgang Wolff. Aber schauspielerisch am reizvollsten waren die Nebenfiguren, Otto . Wernicke als weise gedämpfter Börsianer und Rudolf Vogel als Musterbild eines Haushofmeisters. Eva Vaitl hatte zugunsten eines Charakteristischen, nämlich des Emporkömmlingshaften, sogar ihre Schönheit in den Schatten gestellt: sie sah, was man so sagt, "toll aus", toll und böse. – Der Schlußbeifall blieb, wie öfters beisolcher Gelegenheit, dem Angeregtsein, der Zuschauer nicht gemäß; er fiel ab. Ein Achtungserfolg für etwas, das, lange während, dennoch nicht "gut" hat werden wollen.