Von Peter Bamm

Der Verfasser der "Kleinen Weltlaterne" und des "l-Punktes" und mancher geistvoll-philosophischer Plaudereien läßt feinen berühmtgewordenen Betrachtungen ein Bändchen folgen, das der Mölick-Verlag, Hamburg, herausbringt. "Ex Ovo" nennt der Autor, der Arzt ist, seine "Essays über die Medizin". Wir zunehmen dem Bändchen die nachstehenden, ebenso klugen wie witzigen Beobachtungen.

Es erscheint ganz selbstverständlich, daß es ein Gewinn sei eine Krankheit zu heilen. Ärzte und Patienten sind sich darin – in einer Art von Verschwörung – vollkommen einig. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht. Läßt sich doch nicht beugnen, da es zum Exempel Krankheiten gibt, die ganz ausgezeichnet zu den Leuten, welche sie haben, passen.

Das Bild eines Staatsministers a. D. wird durch eine Gicht ebenso harmonisch abgerundet wie durch das Prädikat Exzellenz. Den Staatsminister a. D. von seiner Gicht zu heilen, ist zwar für einen Arzt so befriedigend wie für ihn selbst. Nicht aber; für uns! Würde "doch dadurch die Welt ein wenig ungeteilter werden. Denn zweifellos liegt eine – gewisse Gerechtigkeit darin, daß die vielen guten Diners, die Seine Exzellenz im Dienste des Vaterlandes mit soviel gutem Burgunder hinunterspülte, mit gewissen Beschwerden im großen Zeh bezahlt werden, müssen. Schließlich müßte die Medizin, wenn sie einige philosophische. Dignität beanspruchen will, doch zumindest das Prinzip nennen könten, unterwelchem die Heilung eines Staatsministers a. D. von der Gicht unter allen Umständen berechtigt wäre.

Wie mag dieses Prinzip wohl aussehen?

Auch muß man doch eigentlich zugeben, daß ein Rheuma gut zu einer Waschfrau paßt. Worüber sollte sie denn nachmittags beim Kaffee mit der Portersfrau klagen Ihr Sohn schließlich ist gut geraten. Und da doch geklagt sein muß klagt sich’s jedenfalls besser über die Schmerzen in der Schulter und die Unzulänglichkeit von Bienengift als über die Lieblosigkeit des Sohnes und die Schwierigkeiten des vierten Gebotes. In diesem Falle mag, vom philosophischen Standpunkt aus, ein gewisser Trost darin liegen, daß das Rheuma der Waschfrauen im Grunde nicht heilbar ist.

Auch kommt für jeden klugen Arzt einmal der verbüßende Moment, in welchem er entdeckt, daß er mit einem großartigen Aufwände – etwa der schwierigen Differentialdiagnose eines durchgebrochenen, rechtsseitigen Nierensteines, einer schlaflosen Nacht und einem glänzenden chirurgischen Eingriff – einen ganz besonders widerlichen Kerl einen Wucherer zum Beispiel; dem Leben wiedergeschenkt hat, Wäre der Wucherer gestörten, seine Klienten wären gerettet gewesen, darunter einer vom Selbstmord. So aber wird er nun aus seinen Wucherzinsen pünktlich das Honorar zahlen an den großen Chirurgen, den Wohltäter der Menschheit, der mit seiner Wohltat die Existenz von ein paar Dutzend kleinen Leuten und das Dasein eines armen Mannes endgültig ruiniert hat.