Es war in der Stresemannstraße. Sie ist so oft umbenannt, daß es besser ist, man beschreibt sie: vom Potsdamer Platz geht sie aus, an der in sie einmündenden bösen Albrechtstraße vorbei, durch Trümmer links, durch Trümmer rechts, am Anhalter Bahnhof vorbei, dem gegenüber einst das "Excelsior" lag. Europas größter Hotel-Palast, wie auf seinen Prospekten stand, durch Trümmer links, durch Trümmer rechts. Dann gibt es ein Haus, das steht; es steht unversehrt, mit ein paar zarten Bombenspritzern, "Hebbel-Theater" heißt es. Erst war es russisch lizenziert, weil die andere Straßenseite schon ins östliche mündet, und danach lizenzierten es, nachdem es schon ein paar Monate gespielt hatte, die Herren dieser Straße, die Amerikaner. An dem Abend, den ich meine, waren die zu Fuß gekommenen Besucher in diesem Pompeji der Innenstadt in der Minderheit, Zweihundertfünfzig Wagen – so hatten die Fahrer gezählt – vom Anhalter Bahnhof bis zum Halleschen Tor, und deutsche Autos gab es auch darunter. Ein Neujahreball des Kontrollrats hat nicht stattgefunden, aber zur Premiere von Sartre "Fliegen" und zum großartigen Come back Jürgen Fehlings waren sie alle da: die Russen, die Amerikaner, die Engländer und die Franzosen. Und man sah Wilhelm Pieck lächeln und den russischen Oberst Dymschitz die Stirn runzeln und die Engländer unentwegt verbindlich bleiben, und keiner wußte recht, warum die mit dem Existentialismus gefährlicher sein sollte als das handfeste Pathos der inzwischen im "Deutschen Theater" abgesetzten "Russischen Frage" oder die hemdsärmelige politische Lektion des edelmütigen russischen "Oberst Kusmin".

Ein großer, mächtig aufwühlender Abend – das war es wohl, und ausnahmsweise musterte diesmal keiner von den Herren, die sich in der Garderobe ihre Uniformmantel reichen ließen, seinen Nebenmann mit dem neugierigen Argwohn, wie dies sonst in diesem Foyer Berlins üblich ist. In den Pausen wurde nicht einmal von Berlin gesprochen. Allein von Sartre und Fehling und dem Existentialismus. Aber am anderen Morgen stand in den Schlagzeilen der Berliner Zeitungen westlich des Brandenburger Tors: "Sie bleiben in Berlin." Das alte Gesprächsthema, das Sartre nur einen Abend lang hatte unterbrechen können: Wer bleibt in Berlin? Die westlichen Alliierten natürlich! Und so steht es täglich in den Zeitungen der drei Westsektoren, mal in schärferer; mal in blasserer Formulierung, mal sagen es auch die Franzosen. Die russisch lizenzierten Zeitungen lassen es jedoch manchmal weg, sind wohl müde, dasselbe immer wieder zu sagen. "Nervenkrieg" – so tun es die Informierten souverän ab.

Insel im russischen Ozean

"Was wollen sie denn machet? Gucken Sie sich doch die Karte an: Das bißchen Berlin in der Mitte und ringsumher der russische Ozean", sagen die "Realisten", die nicht "Pessimisten" genannt werden wollen.

"Ja, aber Berlin aufgeben? – Das kann sich doch der Westen nicht leisten. Dieser ungeheure Prestigeverlust." Mein Gegenüber in der überfüllten S-Bahn lacht bitter: "Prestige? Schaun Sie mal nach Osteuropa, was da alles schon für Prestige in die Binsen gegangen. ist."

Aber Berlin! Ich bitte Sie: das heißt Europa anfgeben."

"Ja, ja, das steht im Katechismus der Demokratien, und ich habe es auch immer geglaubt. Aber in der Realpolitik von heute gibt es Mittel, sehr viele kleine Mittelchen, die den besten Absichten die Nerven nehmen."