Von Walter Henkels

Pappeln bilden die Allee, lateinisch Populus, zur Familie der Salikazeen gehörig. Es sindkanadische Pappeln, ‚große, riesenhafte Säulen, lange Kerls, wenn es erlaubt ist, dies zu sagen, Sie erheben sich, herbe und streng, fabelhaft hochhinaus: Im Kurprospekt spielt die Allee eine wichtige Rolle. Schon auf dem Titelblatt. Die Allee ist die repräsentative Visitenkarte des Städtchens. Ein raffinierter Photograph hat sie schräg von unten photographiert, und es sieht ein Wenig nach Gotik aus, obwohl die Pappeln kanadisch sind. In den Rüstern der kanadischen Pappeln singt, summt, säuselt, webt und streicht der Wind. Siestehen da in der Landschaft wie eine aus dem Modellierbogen geschnittene Dekoration.

Im Winter ist die Allee zum Versagen langweilig. Um einen Begriff von der Langeweile zu vermitteln, muß gesagt werden, das morgens nur ein paar namenlose Personen über sie eilen. Rucksäcke verraten, daß sie sich im Kampf ums Dasein befinden. Das Milchauto, ein Dreirad, und der Wagen des Herrn Landrats fahren regelmäßig durch die Allee. – Wenn der Herr Landrat vorbeisaust,gehen die langen Kerls in Grundstellung und\ nehmen Blickwendung. Denn der Herr Landrat ist, da es sich um eine Kreisstraße handelt, der Bäume Vorgesetzter. Im Brennholzbeschaffungsprogramm spielten die Pappeln schon einmal eine Rolle. Für die Bäume ging es positiv aus.

Indem die Bäume also die Visitenkarte sind, dienen sie einer Sache: und indem sie dort In corpore stehen, jahraus, jahrein, überzeugt und überzeugend, dienen sie der Verschönerung des Ortsbildes. Der Krieg, obwohl Panzer und Trosse durch die Allee zogen, hat ihnen nichts anhaben können. Etwas Lyrik war ihnen gelegentlich bekömmlich. Ein Dichter, der im Städtchen wohnt, hat neuerdings der Allee ein zartes Sonett gewidmet.

Man sieht ihn. Zuweilen, den Dichter, der eine Baskenmütze trägt, durch die Allee wandern, die Hände auf dem Rücken, den Blick frei geradeaus, gerichtet. Etwas Schnee liegt auf den angrenzenden Feldern, weiß mit einem Schuß ins Violette.

Zwei junge Menschen gehen durch die Allee. Es ist die Liebe ihrer jungen Jahre, die sie hier gehenläßt, die große Liebe, die geradenwegs in den Himmel oder ins Verderben führt. Wunderbar,wie sie, daherschreiten in ihrem Glück, man kann es von weitem sehen. Aber die Wissenden wissen, daß es nicht gut ausgehen wird mit den beiden, daß die Sache scheitern wird. Er wird sie eines Tages verlassen wie Lohengrin Elsa verließ, ohne Frage.

Die Himmlischen haben an diesem frühen Nachmittag ein kleines Quantum Sonne geschickt. Der violette Schnee erhält dadurch einen imaginärblauen Schein." Die Natur lodert ein wenig. Zwei Elstern erzählen sich etwas, vielleicht über Volksdemokratie, die Haager Landkriegsordnung oder Existentialismus, es könnte ja sein.