Die russischen Zeitungen in Berlin und die Blätter der SED, zwischen denen, dem Inhalt nach, kein Unterschied besteht, haben einen Nervenkrieg begonnen, mit dem Ziel der Berliner Bevölkerung baldigen Abzug der Westurüchte als unvermeidhinzustellen. Sie zeigen sich dabei als gelehrige Schüler des früheren Reichspressechefs Dietrich, dessen Methoden in der Anklageschrift zu dem jüngsten Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß so gekennzeichnet worden sind: "Durch die Verfälschung, Verzerrung und Verdrehung von Nachrichten und die ausgedehnte Anwendung von Hetzpropaganda beeinflußte und täuschte er das deutsche Volk".Die Russen sind darüber hinaus auch zu effektiven Drohungen übergegangen, Arbeiter und Angestellte vom Betrieben der russischen Militärregierung, sind aufgefordert worden, in dem sowjetischen Sektor der Stadt Wohnung zu nehmen. Wer dem nicht nachkam, hat seine Kündigung erhalten. So wird der Anschein erweckt, als ob eine völlige Isolierung der Westsektoren beabsichtigt sei, die alle anderen Besatzungstruppen zum Abzug zwingen werde. Die-englischen und amerikanischen Befehlshaber sowie Lord Pakenham und der amerikanische Unterstaatssekretär Lovett haben, alle Gerüchte über einebeabsichtigte Räumung kategorisch dementiert. Die Engländer haben kühl bekanntgegeben, daß 80 englische Familien in Berlin eintreffen und dort Wohnung nehmen werden. Das Königreich Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika sind sehr mächtige und sehr siegreiche Länder. So gilt für sie der Satz, von Hamlet: "Wahrhaft groß sein, heißt nichtohne großen Gegenstand sich regen / doch einen Strohhalm seiher groß, verfechten / wenn Ehre auf dem Spiel." Damit mögen sich die Berliner trösten. –I