Er ist 1940 auf diese schlecht regierte Welt gekommen,hat noch nie eine Banane gesehen, noch nie bewußt eine Apfelsinegegessen. Aber man frage ihn mal nach Autotypen – er kennt sie alle. Und er weiß einigermaßen über Zuteilungen und Kartenabschnitte Bescheid. Sein Schuhzeug ist. fragwürdig, Pantoffeln besitzt er überhaupt nicht, und so kann man ihn mitunter im Winter barfüßig über kalte Fliesen tappen sehen, wenn er sich waschen geht; er ist bei Gött abgehärtet und gewöhnt, der Kälte in einem abgetragenen Lodenmäntelchen zu begegnen, in demer sich wohlfühlt, weil es nicht so darauf ankommt, ob er dreckig wird. Dem neuen Mantel, der ihn irgendwann einmal erwartet, steht er deswegen noch skeptisch gegenüber. Er schläft ja einem Zimmer, dessen eine Wand vom Luftdruck einer Bombe völlig zerstört und nur notdürftig mit Brettern und Drahtglas geflickt worden ist. Daß der Wind überall hindurdweht, mimmt er als eine Unabänderlichkeit hin, ohne sich darüber viel Gedanken zu machen. Viel der macht er sich Gedanken über das Benehmen von Erwachsenen, die ihn beim Schlangestehen übertölpeln oder in der Trambahn brutal zu Verdrängen versuchen. (Ich-möchte, potabene, die überfüllte Trambahn sehen, in die er nicht hineinkäme) Die Urteile, die er darüber abgibt, könnten hinwiederum den Mächtigen dieser Welt einiges zu denken geben, hätten sie die Zeit, sie zu hören. Sie gehen einem manchmal durch Mark und Bein.

Daß er seiner wie alle Hausfrauen dieser Zeit, überlasteten Mutter – ihr hohes Lied ist hoch nicht gesungen, sie sind die wahren Helden dieser Epoche – hilft, wie und wo er kann, wenn auch mitunter mit leise abwehrendem Gebrumm, ist ihm ebenfalls Selbstverständlich. Manchmal kommt er von den Einkäufen, die man ihm schon anvertrauen muß, beladen wie ein Packesel nach Hause. Seine Schularbeiten macht er mit Bleistiften, die entweder hart sind wie Eisen oder unentwegt abbrechenund, auf einem Papier, dessen Qualität in umgekehrtem Verhältnis zu der Üppigkeit der Plakate auf den Anschlagsäulen steht. Kein alter Briefumschlag, kein Fetzen, der sich noch irgendwie bemalen oder beschreiben ließe, ist im Papierkorb vor ihm sicher; kein Ast kein Stück verlorener Kohle, keine Kastanie, die sich zum Heizen nützen läßt, kein Pferdeapfel, der als Düngung für den unter Trümmern angelegten Garten wichtig ist, entgeht seinen wachsamen Blicken. Die Schuttruinen der zerstörten Straße sind seine Jagdgründe. Hier zieht er mit einem vierräderigen Wägelchen, seinem Haupt- und Lieblingsspielzeug, auf Entdeckungen aus, ein kleiner Schatzsucher, der den Wert jedes alten Blechtopfes wohl zu schätzen weiß, und es ist gut. daß seine vielgeflickte., alte Trainingshose – ein Erbstück, wie fast alles, was er trägt – die Strapazen seiner Unternehmungen bis jetzt noch so ziemlich ausgehalten hat.

Was uns, die wir die sogenannter besseren Zeiten erlebt haben, Beschwer macht, bedeutet ihm keine Last. Er ist mit allem zufrieden, was auf den Tisch kommt, und wird ihm etwa mal ein Apfel oder ein Stuck Süßigkeit geschenkt, so strahlt er, wie wir um 1910 kaum über eine blanke Kürassieruniform gestrahlt haben. Als er neulich einmal einen vereiterten Finger, geschnitten bekommen mußte und, während er noch etwas weiß um die Nase von dem Blutverlust und den lokalen Betäubungsinjektionen dasaß, gefragt wurde, was er von der Sache halte, meinte er nach einigem Nachdenken, für zwei Bonbons habe sie sich gelohnt. Der Kinderhimmel seinersieben Jahre ist ihm immer offen, die Phantasie seiner Spiele bringt ihm täglich so viel Freude ein, daß ein Abglanz davon noch wie ein holder Engelsschatten über dem Schläfer ruht Ja, es gibt manches von ihm zu lernen, auch für Erwachsene, besonders aus den Bemerkungen, deren Einleitung lautet: "Wenn aber mal frieden ist. dann..." Hans Bütow