Auch eine Rezension

Von Karl N. Nicolaus Das Stück, das zur Debatte steht, ist an sich nicht wert, einen Satz, einen Nebensatz, ja, eine Interpunktion darauf zu verschwenden. Es sind die Hintergründe, die eine Erörterung nötig machen; wesentliche Hintergründe, die geeignet sind, dem Materialmangel, an dem alle Bühnen leiden, schlagartig ein Ende zu bereiten. Wer in dieser Hinsicht Sorgen hat und lernen will – auf nach Lübeck! Lübeck ist eine mit Uraufführungen nicht besonders gesegnete Stadt. Mit um so größerer Erwartung ging man deshalb in die angekündigte Uraufführung des Schauspiels „Suter“ von Hellmuth Michaud: das war ein historischer Bilderbogen für das Niveau von Fünfzehnjährigen, im Mittelpunkt jener kalifornische Kolonisator, dessen tragisches Schicksal von jeher die Konversationslexika ziert. Ein Dutzend Bilder, eins undramatischer als das andere, eine lückenlose Aneinanderreihung von Gemeinplätzen. Nicht doch: es kamen auch einige dichterische Sätze vor. aber sie stammten aus der Apokalypse Johannis. Was also konnte den Dramaturgen bewogen haben, eine solche Uraufführung zu empfehlen? „Was konnte die Intendanz des angesehenen Stadttheaters einer angesehenen Stadt veranlaßt haben, diese Kontrollversammlung falscher Töne aus der Brust eines Sonutagsdichters, der einer unglücklichen Liebe zum Theater (und zur Offenbarung des Johannes) zum Opfer fiel, aus der Taufe zu heben? Die Antwort auf diese bangen Fragen gab das – Bühnenbild: ein Zaubergebilde, geboren und gestaltet aus einer geradezu phantastischen Verschwendung von Latten jeder Länge. Da also lag des Rätsels Lösung! Da also lag der Knüppel beim Hund beziehungsweise die Latte bei der Katz‘! Und richtig: in der Pause erfuhr der Rezensent, daß sich unter dem Pseudonym Michaud ein Mann verbirgt, der Mitinhaber einer großen und angesehenen Holzfirma in Lübeck ist. Daher versäumte der Rezensent es nicht, sich ehrfurchtsvoll, vor den zahlreich auf der Bühne erschienenen, unverkleideten Latten zu verneigen. Und während Suter auf der Bühne im Schweiße seines Angesichts mit dem Fluch des Goldes rang, grübelte der Rezensent über den Fluch des Holzes, welchselbjger in dessen Knappheit begründet liegt. Er grübelte, und sein Gemüt verdüsterte sich, als-, er sich vorstellte, daß es vielleicht andere, jüngere, begabtere Dramatiker gibt, deren Stücke nicht gespielt werden, weil sie den sträflichen Leichtsinn begingen, im Hauptberuf nicht Holzhändler zu sein. Während dieser Meditationen trieb das Stück auf der Bühne unter Harmoniumbegleitung und weiterer, üppiger Verschwendung von Latten seinem gräßlichen Ende zu; Um so erstaunlicher war es, daß am Schluß Beifall geklatscht wurde. Diese. Zusammenhänge freilich vermag der Rezensent nicht zu übersehen. Er weiß nicht, ob so viele Leute, wie in ein Stadttheater hineingehen, von einer einzelnen Firma mit Holz beliefert werden können oder ob es sich um eine geschlossene Beifallskundgebung des Holzhandels handelte. –

Auf Jeden Fall ist eines klar: es braucht hinfort keinen Materialmangel mehr auf deutschen Bühnen zu geben. Allein dieser Aütor hat dem Vernehmen nach, zwei Stücke. sofort griffbereit: eins heißt „Renate, oder die Mondscheinsonate“, und das andere ist schlicht „Bürger“ betitelt und behandelt das Liebestein des deutschen Dichters gleichen Namen. Wieviel Holz mag an diesen Titeln hängen Und welche Möglichkeiten, der permanenten Materialnot des Theaters wirksam zu begegnen, stehen noch offen, wenn es gelingt, auch in den -Fabrikanten von Farben, Geschirr, Möbeln, Spinnstoffen literarischen Ehrgeiz zu erzeugen; die Glühlampenhändler nicht zu vergessen, denn auch Glühbirnen sind sehr rar! Den Theatern aber die

bei der -Spielgestaltung auch ein wenig auf das. Publikum Rücksicht nehmen müssen, schlägt der Rezensent als Mischungsverhältnis, vor: eins zu zwei. Das heißt auf einen Teil „Lieferantenlkeratur“ zwei Teile echte Dichtung. Es ist hart, aber die Zeit verlangt eben Opfer auch von den Schauspielern und dem Theaterpublikum,

Da wir im Zeitalter der Dementis leben, seen sie an dieser Stelle, gleich. vorweggenommen.– Die präsumtive Berichtigung des in der Rezension letroffenen Stadttheaters mag lauten: Die Annahne des Dramas „Suter“. durch unser Institut hat mit der Fabrikation von Sperrholz und Latten nichts zu tun. Wir sind als Lübecker Theater glücklich, in den Mauern unserer Stadt einen Dichter entdeckt zu haben der dem hansischen Unternehmungsgeist, wie er im artverwandten Menschen Suter lebte, da dramatisches Denkmal setzte. Wir können nichts dafür, daß Dichter wie Giraudoux, Anouilh und Wilder, die sich anderwärts zu Uraufführungen eignen, nicht in Lübeck geboren wurden. Im übrigen weisen wir darauf hin, daß Kompensationen jeder Art durch Verordnung der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung in Anlehnung an einen Befehl der Militärregierung verboten sind. Wir betonen, daß wir die schlechte Laune Ihres Rezensenten am Tage der Premiere, so wenige Stunden nach Bekanntgabe der neuen, gekürzten Rationssätze, durchaus verstehen! Wir halten es aber für eine Disziplinlosigkeit sondergleichen daß er diese seine durchaus berechtigte, schlechte Laune an uns ausläßt...

Die präsumptive Berichtigung des „Dichtes“ könnte so aussehen: Aus dieser Rezension übermein Stück spricht der Neid des erfolglosen Schreiberlings gegen den nunmehr endgültig anerkannten Dichter, Ich schreibe meine Werke mit Herzbut auf garantiert holzfreiem Papier. Bevor, ich sie der Öffentlichkeit übergebe, pflege ich sie stets zahllosen Gästen meines Hauses vorzulesen, die alle regelmäßig begeistert sind. Den Vorwurf, es seien Kompensationen mit Holz im Spiele, weise, ich mit Entrüstung zurück, da meine alte, in der ganzen Handelswelt bekannte Firma derlei Manipulationen – nicht einmal dem Namen nach kennt. Ich setze denMachenschaften – eines entwurzelten, landfremden Literaten den Stolz und Aufbauwillen des hansischen, königlichenKaufmannes entgegen. im übrigen habe ich die Handelskammer meines Bezirks darauf aufmerksam gemacht daß in der fraglichen Rezension der Handel als solcher in seinerBerufsehre herabgesetzt wird.

Letztes Nachwort des Kritikers: Im Wandel der Zeiten bleibt eine Parole: „Schlagt ihn tot er ist ein Rezensent!“ Er ist von selbst gerichtet, denn er hat nichts zu kompensieren!