In der Antwort auf die Umfrage des „Tagesspiegel“, Berlin, nach dem größten Eindruck des Jahres 1947 auf geistigem Gebiet nannte. Peter de Mendelssohn – im negativen Sinne – den Versuch der Entlastung Veit Harlans. des Regisseurs des „Jud-Süß“-Films, und – im positiven Sinne das Erscheinen des Romans „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, den er sogar über Goethes „Wilhelm Meister“ stellt.

Der Bermann Fischer-Verlag in Stockholm hat der Öffentlichkeit Thomas Manns letztes Werk.übergeben: Ein Spät- und Alterswerk soll dieser Roman „Doktor Faustus“ sein, der so bis zum Rand mit Leben erfüllt ist und der so garnichts mild Verklärtes an sich hat? Er ist es, und zwar nicht nur im tatsächlichen Sinn, sondern auch insofern, als er eine Zusammenfassung Hier geistigen und gestalterischen Kräfte darstellt, über die Thomas Mann gebietet, Er ist. darüber hinaus ein großartiger Versuch, der Epoche, die der Dichter, selbst bewußt und mit dem Spürsinn eines Seismographen erlebte, ihr tiefstes Geheimnis abzulauschen. Und wieder sie durchschaute, diese Epoche, die auf so unheimliche Weise „mit Enthusiasmus symbolische Handlungen“ wiederholt, „die etwas Finsteres und dem Geiste der Neuzeit ins Gesicht schlagendes“ in sich hat „wie Bücherverbrennung gen und anderes, woran ich lieber mit Worten nicht rühren will“! (Um mit Thomas Manns eigenen Worten zu sagen.) Die Lebensgeschichte des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn (einer als Individuum offensichtlich durchaus erfundenen Person, als Typus jedoch unheimlich lebensnah), die Thomas Mann in diesem riesenhaften Roman schreibt, stellt nichts anderes dar als die Versinnbildlichung dieses plötzlichen Rückfalls unserer Zeit ins Irrationale, Dämonische. Nur so betrachtet, wird man das rechte Verständnis dafür aufbringen, daß der Dichter Romanhelden mit dem Teufel paktieren läßt, einem sehr aufgeklärten, durch und durch vitalistischen Teufel nota bene, der dem kalten Skeptiker, dem kühlen Intellektuellen, dem es an der schöpferischen Naivität gebricht, dem Weltscheuen und Liebelosen auf recht verteufelte und moderne Art den Generalmarsch schlägt; „Deine Neigung, Freund, dem Objektiven, der sogenannten Wahrheit nachzufragen, das Subjektive, das reine Erlebnie, als unwert zu verdächtigen, ist wahrlich spießbürgerlich und überwindensweart“, so heizt dieser modische Teufel dem bereits, in Fesseln Geschlagenen ein. „Was dich erhöht, was dein Gefühl von Kraft und Macht und Herrschaft vermehrt, zum Teufel, das ist die Wahrheit –, und war es unterm – tugendlichen Winkel gesehen zehnmal eine Lüge ...“ Thomas Mann müßte seinen Leser nicht wieder daran erinnern, von welch dämonischem geschichtlichem Hintergrund sich das Leben dieses deutschen Komponisten abhebt, um in ihm nicht den Gedanken zu wecken; es werde hier das Schicksal eines einzelnen mit dem Schicksal eines, ganzen Volkes in Parallele gesetzt, Und wenn der Dichterauch von vornherein vom Verdacht freigesprochen werden darf, in platten Symbolismus zu verfallen, sowird man doch deutlich genug erkennen, daß ihm darum ging, ein durch und durch deutsches Schicksal zu zeichnen. Oder könnte man etwa übersehen, daß dieses Adrian Leverkühns Geschick demjenigen Friedrich Nietzsches gleicht, dessen urdeutsches Wesen Thomas Mann jüngst erst so scharf hervorgehoben hat? Das Undeutsche, um nicht zu sagen das Faustische, manifestiert sich im „Doktor Faustus“ überall, nicht nur in der Zeichnung des Helden, sondern ebenso stark im Sprachlichen. Denn die entscheidenden Partien des Romans sind im kraftvollen, urtümlichen Deutsch der Lutherzeit geschrieben, jene Partiennämlich, in denen von Adrian Leverkühns schicksalhafter Berührung mit dem Geist des Geschlechts und, von hier aus, mit der Sphäre des Dämonischen die Rede ist.

Versucht man, den innersten Kern des Romans, gewahr zu werden, so muß man dazu neigen, in ihm so etwas wie den Abgesang der Epoche zu erblicken, die unter dem Zeichen des Humanismus stand. Als eine Zurücknahme von Beethovens glaubensstarker „Neunter Symphonie“ bezeichnet der Musiker Adrian Leverkühn sein letztes Werk, dem er den bezeichnenden Titel „Doktor Fausti Weheklag“ gibt, und in seiner Abschiedsrede, aus der der Wahnsinn bereite so unheimlich spricht, bekennt er. daß auf „fromme, nüchterne Weis, mit rechten Dingen, kein Werk mehr zu tun“ sei, daß es vielmehr der „Teufelshilf und höllisch Feuer unter dem Kessel“ bedürfe, heute noch etwas zuwege zu bringen. Diese Faust-Kantate selbst wird als ein Werk beschrieben, das in seiner Trauer, Verzweiflung und Schmerzlichkeitgleichsam das letzte Substrat unserer Epoche bildet: ihr einziger Trost liegt darin, „daß der Kreatur für ihr Weh überhaupt eine Stimme gegeben ist“. Doch die Frage wird immerhin gestellt, Ob es in dieser tiefsten Verzweiflung und Heillosigkeit nicht vielleicht doch eine schwache Hoffnung auf einen neuen Beginn gebe. Kein Engelschor läßt sich am Schlüsse dieses menschlich-dämonischen Dramas vernehmen zur Gnadenverkündung, wohl aber ist es die Stimme einermütterlichen Freundin des in Wahnsinnsnacht Gestürzten, die das abschließende Erlösungswort spricht: „Ein menschliches Verständnis, glaubt’s mir, des reicht für alles.“

Man möge verzeihen, wenn hier versucht worden ist, den Kerngedanken des Romans herauszuschälen und wenn darob versäumt wurde, dem Gang der Handlung, dem Erzählwerk also, die nötige Aufmerksamkeiten schenken. Es geschah nicht ohne Absicht. Denn erscheint es noch als möglich, die Grundgedanken des Werks zu erspüren, so ist jeder Versuch, auf knappem Raum vom riesenhaften Aufbau der Handlung, ihren tausendfachen Verästelungen und ihrem tragischen Schluß eine Vorstellung zu geben, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Thomas Mann gibt nichts weniger als eine Chronik Deutschlands vom Ende desletzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart, und steht auch die Gestalt: des Tonsetzers Leverkühn im Mittelpunkt der Handlung, so erhält sie doch erst/ihr scharfes Profil dadurch, daß sie sich heraushebt aus einer großen Zahl begleitender Figuren, die alle ihre schicksalhaft bestimmte Bahn im Gravitationsfeld des großen Gestirns ziehen, das sie überstrahlt.

Das Wort, so schrieb Thomas Mann an einer Stelle des Romans, sei nur geschaffen für Lob und Preis. Es sei dem Menschen verliehen, zu erstaunen, zu bewundern, zu segnen und die Erscheinung durch das Gefühl zu kennzeichnen, das sie errege, nicht aber, sie zu beschwören und wiederzugeben, so sei es auch uns gestattet, auf den Wunsch zu verzichten, die Welt wiederzugeben, die der Dichter in seinem Roman aufbaut, und uns auf „Lob und Preis“ zu beschränken. Denn beides gebührt diesem wundervollen Alterswerk, aus dem bei aller Dämonie, die darin spukt, doch so viel Güte und Menschlichkeit spricht. Denn auch die Ironie und Parodie, deren sich der Dichter so gern bedient, vermögen die Tatsache nicht zu überdecken, daß Thomas Mann sich dieser scheinbar kühlen und distanzierenden Mittel. nur bedient, um hinter ihnen seine innere Bewegtheit und seine leidenschaftliche Hoffnung verstecken zu können; daß aus den Höllentiefen, in die nicht nur sein Volk, sondern die Menschheit als Ganzes gesunken ist, sich ein Weg in eine bessere Zukunft öffne.