Dies ist die Situation des dritten Nachkriegsjahres im demokratischen Westdeutschland offizielle Kartoffelzuteilungen, die von 25 kg bis zu 100 kg pro Kopf variieren, eine Fettzuteilung, die von 150 g pro Person und Zuteilungsperiode auf 75 g und schließlich auf null g gekürzt werden soll, Selbstversorger, die 4000 Kalorien pro Tag verzehren und Normalverbraucher, die bei 1300 Kalorien verhungern. Schiebertum und Schwarzmarktlokale auf der einen Seite, 400 000 festgestellt" Tb-Erkrankungen allein in der britischen Zone, um Proteststreiks der hungernden Arbeitermassen auf der anderen. Nach dem Motto "Haltet den Dieb" versucht jetzt jeder festzustellen, daß der andere schuld ist: die Alliierten machen geltend, daß sie den errechneten Fehlbetrag zwischen. der deutschen Eigenproduktion und dem derzeitigen deutschen .Bedarf angeliefert haben und daß, wenn es jetzt nicht reicht, die Deutschen selber die Verantwortung trügen. Die Deutschen wiederum erheben untereinander mannigfache Beschuldigungen: die Städter klagen den Egoismus der Bauern an, die Gewerkschaften geben den Erfassungsbehörden und Länder, Verwaltungen die Schuld, der befehlsgewohnt" Bürger beschuldigt das Zentralamt für Ernährung, und der Leiter dieses Amtes sieht die Ursache in der mangelnden Exekutivgewalt der Zentrale.

Wie sieht es nun eigentlich wirklich aus? Deutschland hat den vierten Teil seiner landwirtschaftlichen Produktionsgebiete verloren, es ist so verstümmelt und übervölkert, daß es lebensunfähig ist. Physischer Hunger und psychische Hoffnungslosigkeit, die beide während der letzten drei Jahre, zu- und nicht abgenommen haben, sind die Folge. Heute spricht niemand mehr von einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, alles blickt nur noch gebannt auf die sogenannte Erfassung es geht ums Letzte, um die Verteilung des "Noch-Vorhandenen". Jeder weiß, daß es nicht reichen kann; selbst, wenn die gesamte Produktion bis aufs letzte Gramm verfaßt und gerecht verteilt würde, könnte doch niemand wirklich satt werden und-eben, weil die Situation im ganzen, nicht zu meistern. ist, denkt jeder nur an seine eigene Existenz in brutalem, skrupellosem Egoismus: "überleben ist alles". Das Gesetz des Dschungel regiert die Stunde.

Wenn ein Schiff auf höher See zu sinken beginnt und die Rettungsboote nicht ausreichen, ist es schwer zu verhindern, daß nicht die Nächststehenden sich als erste und vielleicht einzige rettend Gewiß, es mag genügend Beispiele geben, die davon berichten, daß auch in solcher Situation mit Disziplin, Verantwortungsgefühl und Hilfsbereitsicher unter Umständen doch die gesamte Besatzung gerettet wurde. Aber dafür, ist eines notwendig: Vertrauen und der Glaube an eine fähige Führung und eine gemeinsame Sache, für die Opfer zu bringen es sich lohnt. In Deutschland gibt es dies alles nicht; Wir haben keinen Staat mehr, keine Regierung, kaum ein Vaterland. Es gibt vier Zonen und diese zerfallen in einzelne partikularistische Länder und diese wiederum in Kreise, die sofern sie dazu in der Lage sind, im liebsten jeder für sich eine Autarkie bilden würden. Bei dieser Atomisierung der Gemeinschaft bleibt schließlich nur das Individuum mit seinem Egoismus übrig: "Mäste sich wer kann, nach uns die Sintflut".

Sollte es daran liegen, daß der Deutsche eine falsche Konzeption vom Staat hat und wir die Segnungen, der Demokratie noch nicht begriffen haben? Das Parteisystem, auf dem diese formale Demokratie aufgebaut ist, genießt kein Vertrauen in der Bevölkerung und die Minister haben Angst davor, in ihrem Länderbereich unpopuläre Maßnahmen, womöglich noch zugunsten anderer Länder oder gar Zonen. – zu ergreifen und führen därum die Anordnungen der Zentrale nicht aus. Wenn Nazideutschland an dem Fehlen jeglicher demokratischer Kontrolle zugrundegegangen ist, so leidet das neue Verwaltungssystem dagegen an dem Mangel an vernünftiger Führung und Exekutivgewalt. Ganz abgesehen aber von der Fehlkonstruktion als solcher – bei der man auch-heute noch nicht weiß, ob eigentlich die Alliierten oder die Deutschen letztendlich verantwortlich sind – läßt auch die praktische Handhabung der Agrar- und Ernährungspolitik nicht auf eine besondere Befähigung der Führung schließen. Die Stickstoffversorgung, von allen als das Kernproblem angesehen, hat 1947 wieder nur 47 v. H. des Normalbedarf? gedeckt und die Produktion an Traktoren ist noch immer nicht angelaufen. Die Bizone braucht bei einer Ration von 150 g Fett, pro Zuteilungsperiode 16 000 t Fett, produziert im Durchschnitt aber nur 6000 t. Die Höhe dieses laufenden Fehlbetrages ist seit langem bekannt und war auch die Ursache für die Zusage der Alliierten im vorigen Jahr 40 000 t Fett einzuführen, von denen bisher allerdings nur 14 000 t geliefert worden sind. Für eine dauerhafte Schließung dieser ständigen Lücke liegt aber einstweilen noch kein Plan vor.

Solange ferner im Bereich der Industrie der sogenannte graue Markt geduldet wird, ist der schwarze Markt in landwirtschaftlichen Produkten die unausbleibliche Folge, denn für den Bauern sind jene Erzeugnisse ebenso lebenswichtig wie für den Städter das Brot. Solange im übrigen ständig von einer unmittelbar bevorstehenden Währungsreform, die dann doch nicht kommt, gesprochen wird, ist es kein Wunder, daß jeder Betrieb, der ländliche sowohl wie der städtische, seine Produkte zurückhält, zumal der Bauer gewärtigen muß. daß er sonst bis zur neuen Ernte ohne Betriebskapital bleibt, Solange schließlich die Steuergesetze so beschaffen sind, daß ein Betrieb, die nicht mehr abzugsfähig", Vermögenssteuer nur aus der Substanz zahlen kann, wird er bestrebt sein, sich zusätzliche schwarze Einkommensquellen zu verschaffen.

Jeder Mensch und jedes Volk wird zur Mutlosigkeit, Gleichgültigkeit und schließlich Demoralisierung getrieben, wenn ihm Aufgaben gestellt werden, die bei noch so großer Anstrengung nicht bewältigt werden können. Dies ist eine Tatsache, der gegenüber die Frage, wer letztendlich dafür verantwortlich ist, der der die unsinnige Aufgabe stellt oder der, der sie nicht zu lösen, vermag, belanglos ist, Marian Gräfin Dönhoff