Die Bemühungen der Spitzenstellen der deutschen Konsumgenossenschaften, nämlich des „Zentralverbandes“ Und der GEG (Großeinkaufsgesellschaft) – beide in Hamburg –, ihre alte Bedeutung wiederzuerlangen, stoßen noch immer auf erhebliche Schwierigkeiten, zumal jede der vier Besatzungmächte eigene Wege geht. In den drei Westzonen bahnt sich, wenn auch nur sehr langsam, immerhin eine Vereinheitlichung an, während die von Zeit zu Zeit’stattfindenden Besprechungen zwischen Vertretern der Hamburger Zentralen und der Konsumgenossenschaften der Ostzone, so kürzlich in Hamburg, wenig erfolgreich sind, so daß die Gefahr einer endgültigen, Trennung immer größer wird.

Rekapitulieren wir zunächst kurz die Tatbestände. Nach 1933 wurden viele Konsumvereine; insbesondere die sanierungsbedürftigen, wie der Berliner Verein, liquidiert und in Privathände übergeführt, während die anderen Vereine und die GEG im Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront zusammengeschlossen wurden. Nach der Kapitulation bemühten sich überall Konsumgenossenschaftler um die Wiederherstellung des alten Zustandes. Die GEG nahm unter Leitung ihrer früheren Geschäftsführer die Tätigkeit sehr bald wieder auf. In der Ostzone wurden Ende 1945 diese Bestrebungen legalisiert und gefördert durch den Befehl Mr. 176 der Militärbehörde, der das einstige genossenschaftliche Vermögen des Gemeinschaftwerkes wieder in den Besitz der alten Konsumgenossenschaften brachte. In der amerikanisches und in der britischen Zone wird dies Eigentum des Gemeinschaftswerkes von den neu entstandenen Genossenschaftsorganisationen treuhänderisch verwaltet. Man erwartet in relativ naher Zukunft die Rückübertragung an Konsumvereine und GEG. In der britischen Zone wirken 104 Konsumgenossenschaften treuhänderisch. In der französischen Zone soll das Genossenschaftseigentum über die Landesregierungen an die alten Organe zurückgegeben werden, was aber noch nicht geschehen ist. Die GEG ist als Großhandelsorganisation und Leiterin der Eigenbetriebe in den drei Westzonen tätig, in der französischen Zone etwas begrenzt Sie erzielte1946 einen Umsatz von 115 Mill. RM. Der Zentralverband möchte wieder seine alten Funktionen aufnehmen, ist aber vorläufig nur als „in Planung, befindlich“ anerkannt. Unter- und Revisionsverbände sind im Westen nur in der amerikanischen Zone in Funktion. Die britische und die französische Militärregierung wollen die so wichtigen Revisionsaufgaben den allgemeinenWirtschaftsprüfern überlassen.

In der Ostzone ist der konsumgenossenschaftliche Aufbau,wesentlich weiter vorangekommen. Die Vereine arbeiten Wieder wie früher, meistens unter der alten Leitung, und zahlen die aus grundsätzlichen und propagandistischen Erwägungen so wichtige Rückvergütung in Höhe von 3–5 v. H., während die Konsumgenossenschaften des Westens als Treuhänder ihre Überschüsse an das Gemeinschaftswerk weiterleiten müssen. Das vorliegende Zahlenmaterial läßt für des Osten einen starken Aufstieg erkennen. Die Zahl der Konsumvereine ging zwar, gegenüber Ende 1932, von 349 (infolge Konzentration) auf 252 am 30. September 1946 – zurück, aber die Zahl der Verteilungsstellen stieg von 3556 auf 6644 Mitte 1947, die Mitgliederzahl von knapp 1 Mill. auf 1,6 Mill. am gleichen Datum und der Umsatz sogar, von 19,3 auf 79,4 Mill. RM am 30. September 1946.

Sehr unterschiedlich ist das Geodät der Genossenschaftsbewegung im Westen und Osten. Der alte Grundsatz der politischen Neutralität wird im Westen stärker gewahrt als Im Osten und als vor 1933. Vor 1933 waren nämlich die führenden Leute des Zentralverbandes und der GEG sozialdemokratisch tätig, und es gab neben dem „Zentralverband“ den katholischen „Reichsverband“ mit Sitz in Köln. Der nach 1933 zwangsweise erfolgte Zusammenschluß beider Bewegungen wirf heute als ein Pius. beibehalten. Vorsitzender. des Aufsichtsrates der Großeinkaufsgesellschaft ist z. B. Schlack, CDU-Abgeordneter im Wirtschaftsrat während die drei Geschäftsführer Everling. Bodden und Borgner der SPD nahestehen. In der Ostzone sind wohl alle maßgeblichen Genossenschaftler in der SED, wobei in den Vereinen die von der SPD Kommenden überwiegen‚ in den Verbänden aber die von der KPD Kommenden. Der Osten betont sehr stark politische Aufgaben im Rahmen derantifaschistischen Front, der Westen hält sich von der Politik fern; im Osten können frühere Pgs keine Funktionen übernehmen, während im Westen nominell Parteimitgliedschaft nicht allzu schwer wiegt.

Bei einem Zusammenschluß der Konsumgenossenschaften der Ostzone und der Westzone können diese politischen Unterschiede leicht zu empfindlichen Gegensätzen führen, wobei Wohl der Westen sich als stärker erweisen würde. Im Osten hegt man entsprechende Befürchtungen und will deswegen den Schwerpunkt im Gegensatz zu vor 1933 mehr in die regionalen Verbände legen. Diese werden zielbewußt ausgebaut, Sie bestehenfür Berlin und die fünf Provinzen mit Sitz in Berlin, Dresden Halle, Potsdam, Schwerin und Erfurt. Sie gliedert sich in besondere Abteilungen für Großhandel und Revision. Ein Hauptsekretariat mitje drei Vertretern jedes Verbandes bildet einen losen Zusammenschluß. Im Westen Will man dagegen dem „Zentralverband“ und der GEG ihre alte zentrale Bedeutung wiedergeben und kritisiert vor allein, daß bei den Verbänden im Osten die Aufgaben des Großhandels und der Revision nicht genügend scharf getrennt wurden.

Der Osten stellt weitgehende Forderungen bei dem Neuaufbau, weil die Genossenschaftsbewegung sich hier in die Breite entwickelt hat. Im Westen breitet mandiesen Aufstieg nicht ab, aber man bezweifelt die gesunde Basis: der Umsatz beruhe fast zur Hälfte auf einer monopolartigen Stellung beim Verkaufe von Schnaps. Auch sonst seien die Genossenschaften der Ostzone von der öffentlichen Hand zu sehr gefördert worden, so daß sie kaum als typische Genossenschaften angesehen werden könnten. Man spricht sogar im Westen Von staatlichen Konsumvereinen – des Ostens und stellt diesem die Bemühungen um einen rein genossenschaftlichen Aufbau im Westen gegenüber.

Entscheidend sind vor allem materielle Gesichtspunkte. Die GEG will ihre alten Betriebe zurückhaben. Die einstigen Fabriken der GEG in der Ostzone wurden, aber zusammen mit vielen anderen enteigneten Betrieben den Verbänden der Ostzone übergeben. Die Vereine der Ostzone lehnen es ab, diese Betriebe vor einer Einigung über den zentralen Zusammenschluß an die Großeinkaufsgesellschaft zurückzugeben, und wollen über die Rückgabe erst verhandeln, wenn alle Konsumgenossenschaften wieder in einer Organisation zusammengefaßt sind. Sie lassen dabei wissen, daß die im Osten geschaffene verbandsmäßige Organisation der Eigenproduktion sich sosehr bewährt habe, daß sie hieran am liebsten festhalten möchten.