Als am 25. März 1947 zwischen Holländern und Indonesiern das Abkommen von Linggadjati unterzeichnet wurde, war die Freude in Djokjakarta. der Hauptstadt der „Republik Indonesien“, keineswegs vollkommen. Sicherlich war viel erreicht. Die Aussicht auf den größeren Zusammenschluß in den „Vereinigten Staaten von Indonesien“, auf die gleichberechtigte Partnerschaft in einer holländischindonesischen Union konnte zwar auch für den Javanen als Gewähr dafür erscheinen, daß er an der großen Zeitenwende für die Kolonialvölker seinen Anteil haben werde. Aber eben diese holländische Partnerschaft hatte selbst für die. die bedachten, daß auch Rom nicht an einem Tage erbaut worden ist und die ihrem nationalen Ehrgeiz Zügel anzulegen bereit waren, ein beunruhigendes Moment. Jahrhundertelange Erfahrungen mit Europäern bereiteten den Männern von Djokjakarta im Augenblick ihres Triumphes von Linggadjati eine Seelen-Verfassung, die etwa am ehesten der klassischen Formel entsprach: quidquid in m. timeo Danaos et dona ferentes (Was es auch immer sei. ich mißtraue den Danaern. auch wenn sie Geschenke bringen).

Nun, die „Danaer“ sind sich gleich geblieben, und die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens, das die Regierung von Djokjakarta am 17. Januar 1948 Hat unterzeichnen müssen widerlegen nicht die geheimen indonesischen Befürchtungen. Praktisch sieht die Republik Indonesien, die noch in Linggadjati als Herrin über ganz Java, Sumatra und Madura gedacht war, sich in ihrer Regierungsgewalt auf einen kleinen Teil Mitteljavas um Djokjakarta und auf das Hochland In Mittelsumatra beschränkt. Man hat die Demarkationslinien der holländischen Proklamation vom 29. August jetzt anerkennen müssen, so daß die Holländer die volle Kontrolleüber alle Gebiete behalten, die sie im Zuge der am 31. Juli 1947 begonnenen „Polizeiaktion gewonnen haben. Darüber, hinaus gab de Beel am 30. Dezember bekannt, daß eine vorläufige Bundesregierung, der Vereinigten Staaten von Indonesien gebildet worden sei und daß er auf Mitarbeit der Indonesischen Republik hoffe, Die Holländer sind in den von ihnen kontrollierten Gebieten in den Monaten des Kampfes nicht untätig geblieben. Die in Westjava seinerzeit begonnene föderativ“ Entwicklung hatte im Laufe des vergangenen Jahres, unter offensichtlich wohlwollender Duldung der Holländer, zu autonomen oderhalbautonomen Gebilden auch auf Sumatra und Madura geführt, wo sich-, unter der indonesischen Intelligenz Männer fanden, die zur Übernähme von Verwaltungsposten in Zusammenarbeit mit den Holländern bereit waren. Daß diese Entwicklung im Augenblick ‚ des Kampfes einsetzte und daß sie sichgerade auf die von den Holländern besetzten Gebiete-beschränkte, machte sie den Indonesiern von Djokjakarta verdächtig. Zudem war man sich in Djokjakarta wahrscheinlich sehr wohl der Tatsache bewußt, daß die Holländer allerdings in manchen Gegenden, Indonesiens mit einet echten Ablehnung alles dessen rechnen konnten, was nach einer Wiederaufrichtung der alten, in der historischen Überlieferung nicht immer gut beleumundeten Vorherrschaft von Djokjakarta aussah.

Das Waffenstillstandsabkommen vom 17. Januar 1948 sieht nun vor, daß spätestens ein Jahr, frühestens aber sechs Monate nach Abschluß dieses Abkommens die Bevölkerung von Java. Madura und Sumatra in freier Volksabstimmung darüber entscheiden soll, ob sie zur Indonesischen Republik oder, zu einem anderen Staat der Vereinigten Staaten von Indonesien gehören will. De jure hat sich Holland damit auf die Basis von Linggadjati zurückbegeben. De facto allerdings verbleiben dem diplomatischen und propagandistischen Geschick der Holländer noch weite Möglichkeiten, die jedenfalls vor der Polizeiaktion noch nicht bestanden. In der Veränderung der Ausgangsbasis für die kommende Gestaltung haben sich die erbitterten Kämpfe des letzten Jahres, für die Indonesier nicht bezahlt gemacht.– Demgegenüber bleibt allerdings zu berücksichtigen, daß jahrzehntelange Kenntnis Indonesiens eine Reihe von Beobachtern recht skeptisch sein läßt hinsichtlich der Echtheit der Befriedung die die Holländer sich so erkauft haben. Solangenoch, wie es kürzlich in der Nähe von Soerabaya einem Holländer und einem Engländer geschah, die Wiederaufnahme des normalen Plantagendienstes durch einen Europäer damit endet. daß er vierzehn Tage-später mit einem Messer zwischen den Rippen tot aufgefunden wird, bleibt dasvulkanische Grollen des Untergrundkampfes noch vernehmbar. Der Hinweis, daß etwas auch früher auf Plantagen geschehen ist, entkräftet nichts, denn auch früher war dies kein Zeichen der Befriedung.

H. A. v. Dewitz