Als die Vereinigten Staatenim vergangenen Frühjahr der alten Welt ihr großherziges Hilfsangebot machten, war damit ein wichtiges Prinzip verbunden: „Regierungen, politische Parteien und Gruppen, die versuchen, die menschliche Not zu verewigen, um politischen oder anderen Nutzen daraus zu ziehen, werden die Gegnerschaft der Vereinigten Staaten herausfordern“. Darüber hinaus sollte eng zur gegenseitigen Hilfe zusammengearbeitet werden. Diese Grundgedanken hat die amerikanische Regierung deutlich auch ihrer Deutschlandpolitik zugrunde gelegt, und die englische Regierung hat sich im vergangenen Jahr ebenfalls immer stärker von ihnen leiten lassen. Sie scheinen nachund nach auch in Frankreichan Kraft zu gewinnen. Als symptomstisch dafür kann die Äußerung Außenminister Bidaults angesehen werden,der unlängst davon sprach daß Frankreich Deutschlands wirtschaffliche Erholung wünsche.

Wieviel mehr die französische Politik in der Praxis jedoch noch von anderen Motiven bestimmt wird, zeigen sowohl ihre in London erhobenen Vorstellungen wegen der Frankfurter Beschlüsse als auch ihr kürzlich erneuter Vorstoß gegen eine Reihe deutscher Eisenbahnausnahmetarife. Von den – durchausbescheidenen FrankfurterReformen befürchtet Paris eine zu starke Zentralisierang, obwohl in diesem selber höchst zentralistisch organisierten Staat kein Zweifel an der Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen bestellen kann. Die schweren Nachteile der bisher übertrieben föderalistischen Praxis haben sich in der Doppelzone sowie auch im französischen Besatzungsbereich deutlich genug gezeigt.

Auch mit den Ausnahmetarifen berührt Frankreich eins der wichtigsten Probleme der innerdeutschen Wirtschaftspolitik. Wie wir aus Südwestdeutschland erfahren, handelt es sich nicht nur um Tarife für die Seehäfen sondern in erster Linie um solche fürdie Eisenindustrie. Das den angelsächsischen Militärregierungen mit einigem Nachdruck vorgetragene – und zunächst streng geheim gehaltene – französische Verlangen, droht mit der Rentabilität der westdeutschen Stahlindustrie die Erholung der Ruhrwirstchaft und damit der gesamtendeutschen Wirtschaft zu beeinträchtigen. Noch größere Bedeutung muß jedoch den Rückwirkungen auf den Export der deutschen eisenschaffenden und -verarbeitenden Industrie zugemessen werden. Die Erhöhung der Produktionskosten würde nach Stabilisierung der deutschen Wirtschaft notwendig auch zu einer Verteuerung auf dem Weltmarkt führen und damit die Wettbewerbsfähigkeit verringern. Mit dieser vorsorglichen Behinderung einer später möglichen deutschen Konkurrenz handelt die expansionistische Wirtschaftspolitik die in Paris verfolgt wird, wie bisher ganz konsequent. Während die eigene Stahlerzeugung überdimensional ausgedehnt werden soll und das Saargebiet bereits annektiert wurde, soll die Stahlproduktion in Deutschland auf einem möglichst niedrigen Niveaugehalten werden, ganz gleich, wie die Folgen für die deutsche Wirtschaft sein mögen.

Aber es sind nicht nur wirtschaftliche Gesichtspunkte,die Frankreichs Haltung zum Ruhrproblem beeinflussen. DerWunsch nach Sicherheit ist heute stärker als je zuvor. Als Reaktion auf die Erfahzungen mit dem nationalsozialistischen Deutschland ist er zweifellos ebenso begreiflich wie das scharfe Ressentiment, das offensichrlich auch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Uns bleibt nichts, als die Feindseligkeit dieser Haltung zu verzeichnen – und zu bedauern. Der Weg zur Verständigung mit Frankreich scheint noch weit und dornenvoll. J. W.