Erzählung von Askan Klee Gobert

Die Uhr auf dem Pferdestall schlug fünf. Abgehackte Schläge, die erschrocken über sich selbst verstummten. Peter blinzelte zum Fenster. Ein seidigblauer Stoff war hinter dem Rahmen ausgespannt: es wurde ein schöner Tag.

Heute war das Gartenfest, mit Gesellschaft, Musik und Lampions im Park. Leider würde er beim Essen mit Anneliseam Katzentisch sitzen. Die Erwachsenen nahmen, nur für ihresgleichen, wer ihre Bewegungen und Redensarten mitmachte. Wie lächerlich sie wirkten mit ihren Verbeugungen, mit ihrem Händeküssen und ewigem Gelächter über sinnloseWitze. „Kleiner Mann“, drohten sie scherzhaft,heuchelten maßloses Erstaunen, daß Peter wieder ein Stück gewachsen war, oder deklinierten „mensa, mensae“.Man müßte sie eigentlich einmal ebenso anreden: „Hallo, großer Mann, was macht die Kunst? Die Baumwolle, der Baumwolle ... und wie dick Sie wieder geworden sind!“

Nur John war nicht so. Den „Onkel“ hätte er sich am ersten Tage verbeten. „Onkel heißen die Brüder deines Vaters, Pit“ – er nannte ihn Pit zum Ärger von Tante Harriet – „ich habe nicht die Ehre, diesem erlauchten Stamm unseres Geschlechts anzugehören. Nennen wir uns doch beim Vornamen, wie vernünftige Männer.“John war überhaupt ganz anders als die übrigen Familienmitglieder; vielleicht, weil er in China lebte. Er trug nie einen Hut, zugeknöpfte Anzüge und Stiefel, sondern kurze, weiße Hosen, bunte Pullover und wildlederne Schuhe. Er war braungebrannt, sah wundervoll aus, konnte laufen und pfeifen wie ein Junge und ritt wie ein Cowboy. Ja. sie waren Freunde geworden. Mit Wilhelm, dem Kutscher, mit der dicken Köchin Bertha, überhaupt mit dem Gesinde bis zu dem kleinen Küchenmädchen Tina mit den lustigen Zigeuneraugen vertrugen sie sich herrlich. Sie alle lachten mit John und Peter, wo sie zusammentrafen. Und dann natürlich mit Ingeborg. – Ingeborg war „aus ihremStall“, wie John das nannte. Aber Tante Harrietund Tante Olly mißtrauten sie grundsätzlich. Erzogen die Tanten gewohnheitsmäßig den ganzen Tag. in ihm, Peter, herum, so nörgelten sie auch mit John, wo sie konnten. Auch Großpapa ging man lieber aus dem Wege. Er war zwar gut und, gerecht, aber doch ein wenig zu genau und Respekt heischend. John nannte ihn den „Governor“.

Ach wie er John liebte! Was hatte ihm dieser erzählt von fremdenLändern und Meeren, von Schiffen und Flugzeugen. Die ganze Welt kannte er, sogar Kap Horn, die Savannen und den „old man river“, und er wohnte, in einem chinesischen. Hausund hatte eine Unzahl Boys in Pits Alter zur Bedienung. John war großartig. Nur um Tante Harriet zu ärgern, hielt er Peter täglich nach Tisch sein Zigarettenetui entgegen, und sobald sieschalt: „Laß doch den Unsinn. John!“ antwortete er ganz ernst: „Ach ja, ich vergaß, daß Master Pit nur Zigarren raucht.“ Einmal hatten John und Peter den Tanten Brausepulver in gewisse Gefäße geschüttet. Da beklagten sie sich beim Großvater und John kam mit einem roten Kopf aus dem Jagdzimmer vom Governor. – Ja. John würde sicherlich heute ein Feuerwerk abbrennen: eigentlich hatte er es schon versprochen.

Mit diesem beruhigenden Gedanken war Peter wieder eingeschlummert. Als er erwachte, wares fast neun Uhr. Er fand das Haus in Unruhe. Man beabsichtigte, die Tafel auf dem Rasen vor dem Hause aufzuschlagen. Knechte vom Hofh und Mägde liefen mit Möbelstücken nach Tante Harriets Anweisung herum. „Iß dein Frühstück in der Küche“, rief sie ihm zu, „und nimm Annelise mit auf den Hof, sie steht hier nur im Wege!“ In der Küche war das Durcheinander noch größer. Ein Koch mit hoher Mütze hatte Bertha entthront, die mit rotem Gesicht und aufgekrempelten Ärmeln nach seinen Weisungen hantierte. Fleisch, riesige Hechte, Gemüse und Früchte bildeten ein buntes Stilleben. Große Bleche mit Pflaumenkuchen wurden aus dem Backofen geschoben. Man gab ihm ein Glas Milch und ein Stück Kuchen und schob ihn zur Tür hinaus. Er suchte Annelise, konnte sie aber nirgends entdecken. Vermutlich lief sie in den leergeräumten Zimmern herum. Als er über den Hof ging, wusch Wilhelm den Wagen. Die Pferde waren außen an der Stallmauer angetrenst. „Warst du schon fort?“ fragte er nach der Begrüßung. Wilhelm sah verwundert auf: „Ich habe doch Herrn John zur Bahn gefahren“, murmelte er. „Ach“, sagte Peter, „ist John zur Stadt?“ Und dann durchzuckte ihn der Gedanke: er besorgt das Feuerwerk! – „Wann holst du ihn wieder ab?“, und er erwartete eine Aufforderung zur Mitfahrt, Wilhelm richtete sich nun ganz auf. „Aber er ist doch abgereist. Weißt du denn das nicht?“

Wilhelms freundlich schwitzendes Gesicht wurde zur Fratze. Der Wagen drehte sich im Kreise, es. drehten sich die Pferde, der Stall und der Hof. John: war fort! Ohne Abschied! Vor dem Fest! – Ganz langsam wandte er sich um und steuerte der großen Scheune zu. Dort hatte er ein Versteck auf dem Kornboden, nur John bekannt, und er mußte nachdenken. Verstört kletterte er in dem Dämmer des Raumes eine Leiter empor und schwang sich auf das Gebälk. Nicht der Kummer über die Entfernung des Kameraden hatte ihn erfaßt, sondern das Gefühl, von dem besten Freund verraten zu sein.Dabei hatten; sie doch erst gestern die beste Anbringung der Lampions erörtert!