Von Lovis H. Lorenz

Esgibt, wenn auch in beschränktem Maße, schon wieder Papier, Pappe, Leim und Bindfaden und demzufolge Bücher. Sind wir undankbar und töricht, wenn sich dennoch kein freundliches, eher ein beklommenes Gefühl einstellt? Wir haben schon einmal den Kehraus eines Weltkrieges erlebt – wie war es damals?

Damals war allerdings das Wörtchen „tota“noch ungebräuchlich, es sei denn bei den „Totalausverkaufen der-Warenhäuser, und auch dann war es nur eine liebenswürdige Renommisterei. In der Politik stand die Sozialdemokratische Partei als Auflang bereit für die kopflosen Energien des zerstörten Kaiserreichs. Entsprechend gab es im Wald der deutschen Literatur schon kräftiges Unterholz, das nun, nach der Auslichtung. stolz emporschoß. Was eben noch zu einem Sonderlingsdasein in kleinen Zirkeln verurteilt schien (und dort geduldet worden, war); gewann plötzlich das, Ohr der ganzen Nation. Es zeigte sich, daß die im Schweizer Exil erschienenen „Weißen Blätter“ nicht eine Sache: abgenabelter Emigration, sondern ein Zentrum der deutschen Literatur Waren. Der Titel eines inzwischen vergessenen Bändchens von Ludwig Rubinen enthielt das Programm: Der Mensch in der Mitte... Jetzt erst wirkte die Auseinandersetzung mit Dostojewskij, Strindberg, Wedekind und Sternheim in die Breite. Die bis dahin gebrauchte Sprache reichte nicht aus für die neuen Inhalte. Das Ringen um neuen Stil blieb nicht auf die hohe Literatur beschrankt, und die Revolutionierung des sprachlichen Ausdrucks wurde allgemein als so natürlich empfunden, daß selbst die Textverfasser von Anzeigen und Plakaten wahre Salto mortale in ihren Ansprachen riskieren konnten, ohne das Geschäftzu gefährdend.

Heutezwei Jahre nach der Katastrophe, in der der Begriff „total“ wie ein Hammer auf die Kopfe niederschlug – heute weist die Buchproduktion tatsächlich schon recht beachtliche Zahlen auf, die die Statistiken verschönern. Aber der Mensch lebt nicht von Statistiken allein, und die – „Statistik in der Mitte“ bedeutet eine beklagenswerte Verschiebung. Der diesmal total abgeholzte? Wald hinterließ eine kahle Lichtung, geheimes Werden war nicht darin; und für das, was nicht Vorhanden, kann kein neuer Ausdruck gesucht werden.

Sehen wie zu, was vorliegt. Da sind die Dokumente zur jüngsten Vergangenheit und die Ursachenforschung; eine unerläßliche Aufgabe zur moralisch-politischen Zurechtrückung der entsetzlich; verwirrten Gemüter; Zwischen, solchen Marksteinen wie Kogons „Der SS-Staat“ und Pliviers „Stalingrad“ tummelt sich leider auch lahmes Mittelmaß. Dann sind da die „Reprisen“, das Wiederzubelebende, von einst; Allzulange haben uns Druck von oben. Krieg und Notstand um vieles gebracht, auf das wir nicht verzichten möchten. Nur zeugt es nicht gerade von Fülle der Vitalität oder von verständiger Absprache, wenn siebzehn Verlage gleichzeitig Heines „Buch der Lieder“ auflegen oder zwölf als ihrer Weisheit letzten Schluß uns mit Eichendorffs „Taugenichts“ beglücken. Was schließlich erscheint, um den allgemeinen Lesehunger zu befriedigen, will offenbar den Leser in solche. Traumländer führen wo die Städte heil, die Lebensumstände erfreulich sind und jeder, seines Glückes Schmied ist. Man fühlt sich an die Soldaten im Osten erinnert, die Gefahr und Mühsal langer Wege auf sich nahmen, um andächtig einen törichten Film anzusehen, nur weil er richtige Wohnungen, Männer, in Zivil – und hübsch angezogene Frauen zeigte.

In diesen Leerlauf mitten hinein stößt Alfred Döblin mit seiner kleinen/aber gehaltvollen Schrift „Die literarische Situation“ (erschienen im P. Keppler-Verlag, Baden-Baden). Er war Mitwirkender, und gründlicher Kenner des deutschen geistigen Lebens vor 1933; aus dem Exil beobachtete er scharf Taktik und Erfolge des „ausrichtenden“ Nazisystems und greift heute wieder fördernd und lenkend in das literarische Bemühen ein:Grundgenug, ein prinzipielles Wort zu sagen. Als Deutscher, der in Frankreich eine zweite Heimat gewann, als Jude, den das katholische Christentum erleuchtete, als Arzt, der von der Heilung des einzelnen den Weg zur geistigen. Wirkung in die Breite beschritt aus diesem hochfrequenten Kraftfeld heraus vertieft Döblin sein Thema und läßt die erwarteten Ratschlage an Autoren, Verleger und Leser weit hinter sich.