Im Prozeß gegen die Wilhelmstraße, der vor dem Nürnberger Amerikanischen Militärgericht als „Fall. Nr. 11“ geführt wird, stehen 21 Angeklagte vor dem Tribunal. Von ihnen gehören acht dem Auswärtigen Amt an, die übrigen verschiedenen Reichsbehörden und Wirtschaftsunternehmungen. In der Gerichtssprache wird der Prozeß darum auch „Omnibusprozeß“ genannt. Ob nur Etatsfragen des Nürnberger Gerichtshofes dafür verantwortlich sind, daß man Angeklagte in eineim Verfahren gemeinsam auf treten läßt, obgleich die Sachgebiete, die sie vertreten, völlig verschieden und ohne Zusammenhang sind, das bleibe dahingestellt. Auch dann noch wäre die Auswahl der Angeklagten im „Fall Nr. 11“ rätselhaft. Einige, wie etwa die Reichsminister Darré, Lammers, Schwerin von Krosigk und Meißner, hätten der Bedeutung ihres Amtes wegen zweifellos in den großen IMT-Prozeß gehört. Ebenso wird man, es schwer begreiflich finden, daß in jenem Hauptverfahren der Leiter der Rundfunkabteilung in Promi, Fritzsche, zitiert wurde, während der einstige Reichspressechef Dietrich erst im jetzigen Prozeß in Erscheinung tritt. Von den 42 Gauleitern ist im „Fall Nr. 11“ der Leiter der AO, Bohle, anwesend, während gegen die Mehrzahl seiner Kollegen in Nürnbergnicht verhandelt worden ist und, da neue Prozesse nicht mehr stattfinden sollen, auch in Zukunft nicht verhandelt werden wird.

Die Frage, nach welchen Gesichtspunkten der Staatsanwalt die Angeklagten ausgesucht hat, läßt sich noch schwerer beantworten, wenn man nur die acht vor Gericht stehenden Angehörigen des Auswärtigen Amtes ansieht. Um Berufsdiplomaten handelt es sich hier nur bei Weizsäcker, Woermann, Ritter und Erdmannsdorf. Keppler, Steengracht, Bohle und Veesenmeyer waren Parteidiplomaten in dem Sinne, daß sie durch ihre politischen Beziehungen zum Regime; und nicht erwa auf Grund ihrer Vorbildung oder Eignung ins Auswärtige Amt übernommen worden waren. Nur eine Minderzahl dieser Gruppe kann als enge Mitarbeiter Ribbentrops angesprochen werden, während der Einfluß der übrigen, auch wenn sie nominell hohe Stellungen innehatten, gleich Null war. Dagegen vermißt man unter den Angeklagten. einen so intimen Mitarbeiter des letzten Reichsaußenministers wie den Unterstaatssekretär Gauß. Ob Gauß – wie Gerüchte besagen – als Belastungszeuge der Anklage auftreten wird, bleibt abzuwarten.

Machtfülle der Berufsdiplomaten

Anklageschrift und Eröffnungsplädoyer suchen mit diesem Prozeß die Wilhelmstraße, also das Auswärtige Amt und die deutsche Berufsdiplomatie, als Hauptverantwortliche für die Hitlersche Außenpolitik zutreffen. So heißt es, daß „die grauen Eminenzen der Wilhelmstraße nach 1933 eine Machtfülle wie nie zuvor“ bekommen hätten, daß sie „vor der geschichtlichen Entscheidung standen, ob sie die frevelhaften „Pläne des abenteuernden Anstreichers unterstützen oder sich für rechtmäßige, vernünftige und friedliche staatspolitische Maßnahmen einsetzen sollten“. Es wird behauptet, daß ohne ihre Mithilfe „kein Hitler und kein Göring Angriffskriege planen und führen, kein Himmler sechs Millionen Juden vernichten konnte“. Es wird gesagt, daß ihre „Namen zuoberst stehen, auf der diplomatischen Tafel der Unehre“, daß ihre Politik ‚Ruf‘ und Aufgabe der Diplomatie derart verderbt und verfälscht habe, daß deutsche Diplomaten noch Jahrzehntelang unter einer Belastung mit Verdacht und Mißtrauen arbeiten werden“.

Daß mit diesen Behauptungen nicht etwa die Bohle, Keppler und so weiter, sondern gerade die Weizsäcker, Woermann und die anderen gemeint sind, erläutert folgende Feststellung: „Ribbentrop war indessen nicht allzu vertraut mit den Schwierigkeiten des diplomatischen Dienstes und stützte sich deshalb stark auf jene Berufsdiplomaten, die sich rückhaltlos den nationalsozialistischen Plänen der Welteroberung verschrieben.“ Denn, so bemerkt ein anderer Passus: „Die Reihen der NSDAP brachten keine Leute hervor, die in außenpolitischen Angelegenheiten und den feinen Verwicklungen der Diplomatie genügend bewandert gewesen wären, um diplomatische Posten zu bekleiden. Weiterhin glaubten jene nationalsozialistischen Führer, sie könnten den Verdacht, daß die neue deutsche Außenpolitik aggressive Ziele verfolge, im Auslande am besten durch Beibehaltung der alten vertrauten Gesichter einschläfern.“ Dabei sollte doch nicht vergessen werden, daß in jedem Zweig der Verwaltung ein großer Teil der alten Beamten beibehalten worden ist. Auch hat bisher die Nürnberger Anklagebehörde in Prozessen gegen Parteibeamte gerade das Gegenteil erklärt, daß nämlich die Hauptschuld die Parteibeamten treffe, die die Berufsbeamten erpreßt und unterdrückt hätten.

Als der Prototyp dieses „auf Weltherrschaft versessenen“ deutschen Berufsdiplomaten wird Weizsäcker geschildert, der „gut vorgebildet und ausgestattet für eine solche Aufgabe war“. Nach Auffassung der Anklage erreichte er den „Gipfel der Heuchelei“, als er am 15. März 1939 die deutschen Auslandsmissionen davon in Kenntnis setzte, daß die Tschechoslowakei mit ihrem eignen Einverständnis sich unter deutschen Schutz gestellt habe. Weizsäcker „kannte alle Kunstgriffe des diplomatischen Handwerks“. In der polnischen Krise „gab er seinem Meisterstück den letzten Schliff, indem er die deutschen Auslandsmissionen unterrichtete, daß dies kein Krieg, sondern bloße, von den Polen begonnene Feindseligkeiten seien“.–

Die eigentliche Anklage umfaßt acht Teile: Planung und Vorbereitung von Angriffskriegen, den „gemeinsamen Plan und die Verschwörung“, Kriegsverbrechen und zwar Ermordung und Mißhandlung von Kriegsteilnehmern und Kriegsgefangenen, Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung, Raub und Plünderung, Zwangsarbeit – endlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft bei verbrecherischen Organisationen.