Von Hanns Braun

das ein Kontrollratsbeschluß ist, ob er auch. in andern Zonen statthat, ahne ich nicht. Bei uns. in der amerikanischen jedenfalls ist seit einiger Zeit der „General“, verschwunden – abgeschafft, rundherausgesagt. Der „General“ nämlich in: Generalmusikdirektor, Generalintendant, Generaldirektor. Schon im Frühjahr hörte man davon, daß die Militärregierung darauf bestehe. Jetzt aber, wo es Winter ist. merkte ich zum erstenmal an einerhübschen Einladung der bayrischen Staatsopen daß dem Verlangen stattgegeben worden ist; denn der eine der beiden Einladenden, bisher als Generaldirektor bezeichnet, hatte sich auf seine persönliche Siegfriedlinie, nämlich den Ministerialrat und Dr. juris zurückgezogen, während bei dem ändern gar ein neuer, mir wenigstens bislang unbekannter Titel „Staatsintendant“ Platz gegriffen hatte. Aha, dachte ich, General gilt für gefährlich, Staats aber trotz zwölf, nein vierzehn Jahren Staatsvergottung noch immer nicht; das wird sich nicht halten. Aber wozu der Umerziehung Numero fünf unter die Arme greifen, während Nr. zwei und drei noch in den Windeln liegen, naß und unbehaglich?

Bleiben wir also vorerst beim General. Daß er hat verschwinden müssen, beruht, selbstredend – das ist fast das Hübscheste dabei – auf einem Mißverständnis. Denn weder der Herr Generalintendant noch der Generaldirektor noch, gar der Herr Generalmusikdirektor, hatten etwas mit jenem General zu tun, der ein Artverwandter des Admirals ist und veranlassen kann, daß auf festem Boden oder auch in der Luft völkerrechtlich erlaubte (manchmal auch, zweifelhafte) „Feindseligkeiten“ begangen werden. Wenn der Generalmusikdirektor Felix Mottl um 1910 herum die Meistersinger dirigierte, dachte keiner dabei an Militarismus; es war ein auszeichnender Titel, damals überdies selten. Und auch der „Generaldirektor“ meinte bei uns immer nur, daß einer mehrere und ansehnliche Unternehmungen leitete; nichts weiter. Daß aus ihm von der ersten Inflation an eine ’„Type“, wurde, ein Witzblattklischee beruht zum Teil darauf, daß diese Titel selber ihre Inflation bekamen: „Kapellmeister“ tat’s nicht mehr, und bloßer Direktor wollre einer weder beim – Theater noch in der Industrie mehr sein. So kam es, daß die Generalmusikdirektoren und die Generalintendanten, einst nur in Hofnähe gedeihend, plötzlich wie Löwenzahn, in deutscher Kunstwiese aufgingen. Vollends Generaldirektoren! So windig konnte ein Unternehmen gar nicht dastehn. daß es sich nicht durch einen solchen, wenn schon durch sonst nichts, ausgezeichnet hätte; wer auf sich hielt, durfte da nicht zurückbleiben.

Nun, das ist der Lauf der Dinge, und nicht nur bei uns; in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle wollen die Menschen gern wenigstens, nach außen glänzen; so mußte, von jenem ersten paradiesischen Feigenblatte an. der Verschleiß an immer größeren, immer glänzenderen Feigenblättern enorm steigen. Es ist jedoch nicht ohne Humor, daß gerade, in der Sphäre, die jene Titelrestriktion mit zu treffen meint, nämlich in der militärischen, letzthin der „General“ bei uns schon nicht mehr, ganz vorne lag. Wenn ich mich zivilistisch erfreche es zu Sagen, so lag er nur mehr auf Direktor-Höhe – wie klar daraus hervorgeht, daß ein gewisser Jemand stracks Feldmarschälle-im-Dutzend herstellte und sogleich wieder durch den Reichsmarschall übergipfelte, worauf der (nie völlig erlahmte) Volkswitz bekanntlich den Welt- (und Halbwelt) Marschall im voraus für den „Endsieg“ in Aussicht stellte. –

Je nun, die Entwicklung ist ein wenig anders gelaufen, und es wäre noch nicht das Ärgste, wenn wir uns bloß den Generaldirektor aller Schattierungen abgewöhnen müßten. Weder Ware noch Musik noch Mensch, müßten darob an Qualität verlieren. Aber das Allerhübscheste an dieser umerzieherischen Direktive, die von einem Mißverständnis ausgeht, ist nicht dieses Mißverständnis; sondern die Tatsache, daß sie wohl schließlich von – Generälen ist angeordnet worden so daß wir wieder einmal, mit heiter-resigniertem Seitenblick auf Faust, sagen dürften: „Den General sind wir los. – Die Generäle sind geblieben.“