„Wird es Krieg geben“,sagte Churchill in der Unterhausdebatte, die an die große Rede von Außenminister Bevin anschloß, „wird es Krieg geben, so werde ich oft gefragt, und dies ist eine Frage; die ich mir selber häufig stelle“.Als das jetzige Parlament zum erstenmal zusammengetreten sei, habe er darauf hingewiesen; daß man dem Besitz des Herstellungsgeheimnisses für Atombomben eine Atempause von drei bis vier Jahren verdanke. Zwei dieser kostbaren Jahre seien bereits verstrichen. Man könne die Dinge nicht weiter treiben lassen, man müsse sie zur Entscheidung bringen, und die demokratischen Regierungen sollten mit den Sowjets streng formale diplomatische Verhandlungen aufnehmen: man solle versuchen, mit eindringlichem Ernst und den Mitteln der Geheimdiplomatie zu einem dauernden Übereinkommen mit der russischen Regierung zu gelangen. Auch diese Methode könne keine Garantie dafür sein, daß kein Krieg kommen werde, aber sie sei die beste Möglichkeit ihn zu verhindern, und sie gewähre die beste Chance, ihn zu überleben, wenn er doch kommen sollte. Mit anderenWorten: Churchill schlug vor, die Propaganda des Nervenkriegs durch eine Rückkehr zu geheimen Verhandlungen auszuschalten und auf diese Weise einen letzten Versuch zu machen den großen Weltkonflikt friedlich zu lösen.

Es seiso glaube er, nicht gut, erwiderte ihm Premierminister Attlee,von Krieg zu sprechen, doch andererseits sei es auch nicht gut, die Augen zu schließen vor Dingen, die kommen könnten. Nun, von Krieg ist viel gesprochen worden in dieser sehr ernsten und bedeutsamen Sitzung des englischen Unterhauses – meist in Erinnerung an vergangene Zeiten – und wenn auch niemand außer Churchill diese „abstoßende und böse Frage“ offen stellte, so bildete sie doch den Unterton aller Reden, die im Parlament gehalten wurden. Soweit er sich erinnern könne, sagte der frühere Außenminister Eden würde es schwer sein, eine außenpolitische Debatte im Unterhaus anzuführen, bei der die Bedeutung der angeschnittenen Gesichtspunkte und vor allem die Bedeutung der nationalen Politik, die sich aus ihnen ergeben werde, größer gewesen sei als dieses Mal. Er sehe die internationale Lage so, daß es nicht leicht sei, ihren Ernst zu übertreiben. Damit drückte er die Meinung des ganzen Hauses aus. Vielleicht zu keiner Zeit in den letzten Jahren, schreibt die Times, außer damals, als das Land im Krieg war und selbst dann nicht immer hat in der Außenpolitik der beiden großen englischen Parteien eine solche Übereinstimmung geherrscht.

Soweit hat es die Weisheit der Molotow, Schdanow, Beria und Malenkow gebracht, daß das friedliebende englische Volk der Möglichkeit eines Krieges entschlossen ins Auge sieht. Es ist ein großer Nachteil, für die augenblickliche russische Außenpolitik, daß die Welt mit den Methoden totalitärer Staaten seit Hitler und Mussolini gut vertraut ist. Das Unsicherheitsmoment das diesen beiden noch zugutekam, ist heute nicht mehr vorhanden. Man kennt inzwischen das ach so simple Rezept von Propaganda, Einschüchterungen, offenem Terror und Aktionen von Quislmg-Parteien, das regelmäßig angewandt zu werden pflegt, wenn totalitäre Staaten Grenzpfähle verrücken wollen. Es besteht eine große. Gefahr, so sagte Bevin von den Nachbarstaaten Griechenlands, daß sie und ihre Sowjetratgeber einen gewaltigen Fehler begehen werden. Solche Provokationen fahren leicht zu ernsthaften Entwicklungen, die wir und wie ich hoffe, auch sie gern vermeiden wollen. Es ist gefährlich, so fuhr er fort, in internationalen Angelegenheiten mit dem Feuer zu spielen.

Nicht immer hat man nach dem Kriege die Politik der Sowjets bei den westlichen Alliierten so klar erkannt. In seinem Rückblick auf die Jahre seit Potsdam wies Bevin daraufhin, wie er stets von neuem sich bemüht habe, einen Weg der Versöhnung mit Rußland zu finden, auch dann noch, als Molotow wie Bevin berichtet, nach dem Fehlschlag der ersten Pariser Besprechungen über den Marshall-Plan, drohend gesagt hat, eine Fortsetzung dieser Politik werde England und Frankreich, insbesondere Frankreich, schlecht bekommen. Dann sei sehr schnell die Kominform ins Leben gerufen worden, deren offen zugegebenes Ziel in der Bekämpfung des Marshall-Plans bestände, und die politischen Streiks in Frankreich seien ein Zeichen ihrer Aktivität. Die Londoner Konferenz endlich habe die Geduld der Alliierten erschöpft.

Man habe ursprünglich gehofft, Europa unter dem Schirm der Großen Vier friedlich wieder aufbauen zu können, aber wenn einer von ihnen, ganz gleich durch welche Mittel, direkt oder indirekt, versuche, ganz Europa zu beherrschen, so sei man – um freimütig zu sprechen – zu dem Schluß gezwungen, daß ein neuer Weltkrieg entstehen werde.

Die Methoden des Polizeistaats, die Hitler und Mussolini entwickelt hätten, seien leider in Europa wieder ein Instrument sehr gefährlicher Art geworden. Als man seinerzeit erkannt habe, was eigentlich die Gestapo bedeutete, da sei zum erstenmal England empört gewesen und wachsam geworden. Man habe nicht erwartet, daß sich dies wiederholen werde. Durch die Folgen, die sich aus den Verhandlungen über das Marshall-Programm ergeben hätten, sei der Gegensatz endlich auf die Spitze getrieben und das Problem der künftigen Organisation Westeuropas aufgeworfen worden. So sei die Lage jetzt gründlich verändert.

Bevor Bevin diese Anklage gegen Rußland erhob, gab er – und dies scheint uns von besonderem Interesse zu sein – eine Erklärung ab über die Grundsätze, die die englische Politik in Europa seit dem Krieg bestimmt hatten, Der erste Grundsatz sei gewesen, daß keine Nation Europa beherrschen solle; der zweite, daß die altmodische Idee des balance of power, des Gleichgewichts der Mächte wenn möglich als politisches Mittel beiseite gelassen werden sollte; der dritte endlich, daß jedem Staat Europas die Zusammenarbeit und Unterstützung der Großen Vier zur Verfügung gestellt werden, müsse, um ihn instand zu setzen, sich frei, jeder in seiner Weise, zu entwickeln. Diese Aufzählung ist deshalb so interessant, weil ja die Politik des balance of power auch nur den Sinn gehabt hatte, keine Macht in Europa so mächtig werden zu lassen, daß sie die Vorherrschaft erlangen konnte, und zu dieser Politik gehörte es ebenfalls, die Freiheit anderer Staaten zu verteidigen und sie zu unterstützen. Dies war die traditionelle englische Europapolitik seit den Tagen Heinrichs VII. Sie also sollte nach Ansicht Bevins aufgegeben werden zugunsten eben der Ziele, um derentwillen, sie bisher verfolgt wurde.