Seit Monaten befinden sich 400 Millionen Inder im Aufstand, nicht mehr, wie jahrelang zuvor, gegen die englische Oberhoheit sondern gegeneinander im blutigen Bruderkrieg. Während noch vor dem Forum der UNOgewichtige Politiker vielstündige Reden für und gegen Pakistan hielten, um schließlich dann die obligate Kommission einzusetzen, deren Bericht vermutlich nach Monaten einem neuen Untersuchungsausschuß vorgelegt werden wird, ist in Indien etwas scheinbar sehr Harmloses geschehen: Gandhi, der 78jährige Greis mit dem selbstgewebten weißen Baumwolltuch um die hageren Lenden erklärte, daß er fasten werde bis die sich bekämpfenden Hindus Moslem und Sikhs das Schwert fortlegten und sich als Söhne des großen indischen Vaterlandes um eine gemeinsame Lösung bemühten. Seine in mehreren Punkten genau präzisierte Forderung wäre zur Phrase geworden, wennnicht in ganz Indien jeder Hindu und jeder Moslem gewußt hätte. daß sie erfüllbar ist, weil das Leben Gandhis der beste Beweis dafür war. Hatte er dochmit seinemGlauben an die Macht der Gewaltlosigkeit Indiens Unabhängigkeit erkämpft. An dieser barfüßigen Gestalt, die in zahllosen Abbildungen karikiert worden ist, hatte die Macht der jeweiligen Vizekönigevon Indien, jener glänzenden Reihe einflußreicher englischer Staatsmänner, ihre Begrenzung gefunden: denn es ist schwer gegen Sanftmut. Geduld und passiven Widerstand etwas auszurichten.

Wir in unserer materialistischen-abendländischen Welt sind gewöhnt, den Einfluß und die Macht einesStaatsmannes an den Divisionen oder der Kapitalkraft, die hinter ihm steht, zu ermessen und nie hat sich die ganze Hilflosigkeit dieserpolitischen Konzeption kläglicheroffenbart als gerade heute. Was sich aber in Indien noch einmal als die stärkste Macht erwiesen hat – vielleicht nur für kurz – der Glaube an die Kraft des Geistes, die Sorge um das Leben des Mahauna – der Großen Seele. So konnte es geschehen, daß nach fünf Tagen die Führer der fanatisierten Widersacher in Delhi sich verpflichteten, seine Forderungen zu erfüllen, und es mag ein für europäscheAugen seltsam rührendes Bild gewesen sein. als sich an jenem Morgen um das Läger Gandhis im Birla-House die Minister und höchsten Beamten beider Staaten versammlten, unter ihnen Pandie Nahru der Ministerpräsident von Hindustan und Zahid Hussain. der Hohe Kommissar für Pakistan. Dff.