Von Richard A. Braun, Hollywood

Wenn man am Silbersee entlangfährt, dem großen, hügelumkränzten Binnengewässer in Los Angeles, fällt einem plötzlich ein interessantes, modernes Wohnhaus auf, das – unter hohen Bäumen verborgen – in seltsamem Gegensatz zu den Villen der Umgebung steht Dies ist das Wohnhaus eines der modernsten Architekten Amerikas, Richard J. Neutras, dessen Ruf über die ganze Welt geht.

Ein Wohnhaus? Eigentlich mehr als das, nämlich das Experimentierhaus in dem Neutra Material und – Ideen ausprobiert, die er danach in seiner großen Bauten verwenden will. Hier findet man nicht nur neue Typen von Sitzmöbeln, nicht nur moderne Soffittenbeleuchtungen, Heizungsanlagen, Küchenausstattungen, sondern auch fundamentale Neuerungen der Konstruktion und Technik. Ganze Gruppen von Besuchern klopfen an die Tür und wollen durch das Haus gführt werden, um sich einen Begriff zu machen, was neues Bauen und Wohnen heßt. Dann sehen sie ein Heim mit großen, schartigen, Terrassen, mit schönen Ausblicken, so daß man sich plötzlich an den Züricher See versetzt glaubt, mit einem blumenreichen Innenhof, in dem man lange, schöne Abende verplaudern und bei Musik verträumen könnte, und mit einem Kinderzimmer, in dem wohl jeder seine Kindheitverbracht haben möchte, so sorglos und sonnig wie die Neutra-Kinder.

Neutra ist im Jahr, 1923 von Berlin aus nach Amerika gekommen In der deutschen Reichshauptstadt hatte er mit Mendelsohn gemeinsam den Neubaudes „Berliner Tageblattes“ entworfen, einen Bau der damals ein Symbol moderner Architektur für Geschäftshäuser war. In Amerika kam er in Verbindung mit Louis Sallivan, der als der Vater der modernen Architektur angesehen wird, und mit Frank Lloyd Wright, der damals, wie auch heute noch, wohl die gewagtesten Bauexperimente in den VereinigtenStaaten machte. Nach gründlichen Studien hat Neutra schließlich das Buch „Wie baut Amerika?“ geschrieben, ein höchst anregendes bis zum heutigen Tage den besten Aufschluß über die amerikanischen Baumethoden, insbesondere über die praktische Verwendung von Stahl und Zement, darstellt. Neurra hat mitgeholfen. den neuen Weltstil in der Architektur zu schaffen. Ein Ideologe unter den Baumeistern? Keineswegs! Wenn er die allgemeingültige Idealsiedlung anstrebt, so gilt ihm dennoch die Praxis mehr als die Theorie: Und wenn er kühn in seinen Ideen, so gilt ihm dabei. das Allgemeingültige mehr als die Originalität einzelner Entwürfe. „Was wir, auch immer heutzutage entwerfen“, schrieb er einmal; „all die vielen technischen Einzelheiten, die wir planen haben nur dann wirklich zeitgemäße Bedeutung, wenn sie nicht auf spezielle Einmaligkeit ausgehen, sondern auf Verwendbarkeit in Serienfabrikation.“ Mit solchen Grundgedankengelang es Neutra wirklich, nicht nur Häuser, Räume und Möbel zu schaffen, wie sie das. Leben von heute verlangt, sondern auch die praktischen Möglichkeiten, sie den Massen zugänglichzu machen. Das ist eine besondere Bedeutung für unsere Zeit und für die Zukunft.

Schon seit 1926 lebt Neutra in Kalifornien, und zumal in Los Angeles und in der Umgebung dieser Stadt sind viele seiner Bauten – Villen, Etagenhäuser, Geschäftsgebäude und moderne Schulen – Fassaden, mit ihrer einzigartigen Verwendung von Stahl und Sperrholz. Aluminium und Glas haben Aufsehen erregt. Lob und Tadel und auch – billigeNachahmer gefunden, die ihm die Äußerlichkeiten abguckten und dabei vergaßen, daß die äußere Erscheinung der Wohnhäuser Neutras vor den Proportionen im Innern, abhängig ist. Ein Wohnhaus, wie Neutra es will, soll „ein Maximum an Lebensmöglichkeiten“ gewähren. Aber neben der gefährlichen Nachfolgeschaftder Pseudomodernen,die einen wohlfundierten Stil in oberflächliche Spielerei verfälschen, hat Neutra auch eine ernsthafte, Anhängerschaft von jungen Architekten aller Länder gefunden, die bei ihm arbeiteten oder sich seine Prinzipien zu eigen machten. Dieser Bahnbrecher ist zugleich Lehrer. Und das Wort des Weitgereisten der nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in Süd- und Mittelamerika, in Europa und Asien die Lebensbedingungen und Wohnverhältnisse studierte, gilt ebensoviel in der Fachwelt wie sein Beispiel.Welches Aufsehen, als Neutra während des Krieges eine der größten kalifornischen Siedlungen in der Nähe von San Pedro baute! Sie heißt Channel Heights,eine Siedlung, die sich in schlichter Natürlichkeit an das Hügelgelände anschmiegt. Geplante Regelmäßigkeit der Straßenzüge und der Anlage der Häuser – und doch wirkt diese Wohngemeinde nirgendwo monoton und langweilig. Überall Luftund Raum und genug Freiheit, daß jeder sein eigenes Leben führen kann. Dank der methodischen Planung aber sind diese Häuser außerordentlich billig, obwohl an Komfort und technischen Hilfsmitteln, eingebauten Möbeln und Schränken nicht gespart wurde. Jedes Haus hat einen weiten Garten, einen Parkplatz fürdas Familienauto und eine offene Veranda. Die Gemeinde selbst, besitztihr eigenes Verwaltungsgebäude mit einem großen Versammlungs- und Theatersaal, ein modernes Ladenzentrum und einen Kindergarten. Und ein eigenes Gartenbauzentrum ist dazu da, den Siedlern in allen Gartenfragen zu helfen.

Wer Channel Heights sah wundert sich nicht mehr, daß Neutras Aufgaben „zu immer größeren Dimensionen wuchsen. Er ist ein guter Organisator seiner Vorhaben. Wenn er die Baupläne entwirft, überläßt er die Ausführung oft einem seiner Schüler. Er hat ein einzigartiges Zeichensystem erfunden, das den Facharbeitern das Ablesen der Pläne erleichtert: Das neueste und größte Projekt, das er in Arbeit hat, ist ein geradezu gigantischer Bauplan fürPuerto Rico, für den die amerikanische Regierung 50 Millionen Dollar angesetzt hat. Fünf große Krankenhäuser, 128 Landlazarette und 150 Schulen sollen dort gebaut werden. Eine verwilderte und vernachlässigte tropische Insel wird ein neues Gesicht bekommen.

Ist es verwunderlich, daß Neutras Gedanken häufig um die Erfordernissedes Wiederaufbaus in Europa kreisen? Er weist darauf hin, daß für viele Städte Europasder Zeitpunkt gekommen sei, zu entscheiden, ob sie nur die alten, ungeplanten, zufällig entstandenen Häuser-Dschungel wiederaufbauen oder ob sie die Gelegenheit benutzen wollen, systematisch etwas Neues, zu schaffen,was den Lebensbedingungen und Sehnsuchten unseres Jahrhunderte entspricht. Neutra schlägt vor, eine internationale Kommission von Architekten, Technikernund Ingenieuren zu schaffen, die nicht nur Pläne ent-, wirft, sondern sich auch eine der zerstörten großen Städte für ein erstes Experiment in Planung und Organisation wählt, damit einmal an Ort und Stelle alle Praktiken bis ins Detail ausprobiert werden. Danach müßte dann die Massenherstellung in die Wege geleitet werden. Neutra plädiert für das fabrikfertige, zusammensetzbare Haus, für das er schon viele Vorarbeiten gemacht hat. Je gründlicher aber die allgemeinen Vorarbeiten seien, desto schneller werde später der Neuaufbau vor sich gehen und aus Schutt und Trümmern ein Europa entstehen, das ein neues Weltzentrum modernen Wohnens und Lebens und damit auch modernen Denkens sein kann.