Von Jan Molitor

Jubiläumsbesuch? Freilich, derzwanzigtausendste Volkswagen seit Kriegsende war fällig. Grund genug, dem Ereignis ein Ansehen zu geben! Der Zwanzigtausendste war demzufolge kohlrabenschwarz auf Hochglanz poliert.Dies ließ den kleinen Wagen viel stattlicher erscheinen als seine Artgenossen, die grau-grünlich uniformt vor ihm und hinter ihm auf dem „laufenden Bande“ am Ende derriesigen Montagehalle standen. Es ist also gebührlich, seine Entstehung kurz zu schildern...

Das „Fließband“ tut seine Schuldigkeit: es fließt Dort, wo es an der Rückwand der Halle beginnt, legt, man den Stahlrahmen auf das Band: der schwimmt nun im Schneckentempo davon. „Kam ein Bach geschwommen, hat mich mitgenommen“, könnte, der Rahmen sagen. Doch es wäre leere Wortspielerei, – dieses Bild aus dem Märchentext etwa anzuspinnen und sich womöglich dazu hinreißen zulassen, die Männer, die rechts und links stehen, mit Anglern, am Ufer zu vergleichen. Es sind die Werkleute, gebückte, gehetzte, hungrige Arbeiter. Sie haben Schraubenschlüssel und Hammer in den Händen und geben dem Stahlrahmen. Räder. Und das Fließband fließt. Jetzt wird der Motor montiert. (Die Motoren – aufgehängt wieSchinken zu Friedenszeiten in der Metzgerei – kommen in Manneshöhe angeschwankt, gefesselt an ein fließendes Rinnsal, das in den Fließ-Bach mündet.) Baldhat sichauch der Moment genähert, die Karosserie – die glänzend polierte – überzustülpen. Bündelweise werden Leitungen gezogen. Und das Fließband fließt. Selbst für Laienaugen wäre das „Jubiläumskind“jetzt schön als Auto erkenntlich. Sein Motor im Innern schnauft kurz und beginnt sich im Leerlauf zu drehen. Und hört nur jetzt kann‘s polierte Kindl auch schon hupen – der erste Schrei. Aber die riesige Halle ist keine stimmungsvolle Wochenstube. Es sind alles Zangen-, Hammer- und Schrauben-Geburten. Und es herrscht so viel Lärm, daß man kaum die Stimme des Mannes versteht, der am Ende des „Laufenden Bandes“; just im Moment, da der Schwarzlackierte seine ersten.-Schritte tun soll eine, Jubiläumsrede hält. Übrigens ist dort, wo dasFließband mündet, auch eine Ehrenpforte angebracht mit der Inschrift, daß dies der Zwanzigtausendste sei. Heil ihm!

Nun ja, was soll der Mann zu Füßen der Pforte – was soll er schon reden? Das übliche, natürlich, das Übliche.Aber wie er an die Stelle kommt, wo er allen dankt, die „dieses große Werk ermöglicht haben“ (so ungefähr drückte er sich aus), da sieht man, wie die Werkleute einander zublinzeln und mit den Ellenbogen anstoßen. Das kommt, weil es gar nicht einfach ist, im Volkswagenwerk bei Fallersleben, wo einst ungezählte hohle Phrasen erklangen, eine Rede zu halten! Wer dieses Werk ermöglicht hat? Da denkt man unwillkürlich, daß dies derselbe ist, derdie Trümmer in allen Städten ermöglichte. (Auch das Volkswagenwerk, so vortrefflich erhalten seine kilometerlange Fassade längs des Mittellandkanals aussieht, ist im Innern etwa zur Hälfte zerstört.) Oder war mit dem Ausdruck „Werk“ bloß, dieses schwarzlackierte Auto und seine grün-grauen Vorlänger gemeint? Diese hättedann die Besatzungbehörde ermöglicht, die schließlich auch diese ganze Produktion bis auf wenige Ausnahmen für sich vereinnahmt hat. Aber Dank?

Ach, vielJubiläumsstimmung war es nicht, die man hier spüren konnte. Einige Arbeiter – obwohl darauf aufmerksam gemacht, daß sich gleich etwas ereignen werde – machten keinen Schritt auf die Ehrenpforte zu. Sie sagten: „Keinen Schritt! Da ist kein Blumentopf zu gewinnen, und nach Festtagsbraten riecht’s auch nicht gerade!“ Sie benutzten die kurze, festlich gemeinte Arbeitspause dazu, die Arme ein wenig zu verschränken. Und da sie nicht lauschten, hörten sie auch nicht, wie der Festredner sagte: Bisher seien die Arbeitskollegen im Volkswagenwerk ruhig gewesen und hätten ihre Pflicht getan; aber bei dieser Ernährungslage stünde es nicht dafür, daß sie noch lange ruhig blieben und still weiterarbeiteten wie zuvor...Dann rollte der Jubiläumswagen mit derZahl „20 000“ auf dem Nummernschild von Fließband. Der Menschenknäuel an der Ehrenpforte löste sich auf. Die Maschinen kreischten, hämmerten, fauchten – wild entschlossen, die nächsten 20 000 Volkswagen in Angriff zu nehmen Keine Trompete hatte geschmettert, kein Tusch war ertönt...

„Besser so“, sagten die Arbeiter, „so ohne Sang und Klang!“ Es waren noch einige vorhanden, die die große Feier im Mai 1938 mitgemacht hatten, als der Grundstein zu dieser größten Autofabrik-Europas gelegt wurde. Sie erinnern sich, wie damals hier geschmettert, getönt, kommandiert, gepriesen und gelogen wurde. Denn er, der „Führer“, war persönlich gekommen, der jedem Arbeiter ein eigenes Autoversprach. Die Arbeiter waren „eine geschlossene marschierende Gemeinschaft“, und richtig: als die Zeitgekommen, daß es dem „Führer“ beliebte, Polen zu überfallen, durften sie geschlossen in den Krieg marschieren. Und als für das Volksauto die Zeit gekommen, fuhr es hinterdrein. Wißt ihr noch; Kameraden der Faust und der Flinte? Und viele Arbeiter hatten tausend Mark bezahlt. 280 000 Sparer, die in „Schnell-“ und „Langsam-Sparer“ unterschiedenwurden, hatten 280 000 000 Mark auf dem Konto der „Bank der Deutschen Arbeit“ zusammengetragen – eine Summe, die heute zwar noch vorhanden, aber beschlagnahmt ist, wie das Gesetz 52 es befahl. „Das Geld?“, sagte ein, Arbeiter, „Perdü! Entwertet! Undwetten! Die Restewerden bei der Währungsreform am Boden zerstört! Meinen Sie etwa nicht?“ – „Der Volkswagen?“, sagendie Arbeiter. „Der Wagen fährt, und das Volk guckt zu...“

„Aber der Wagen ist doch gut oder...“