Von Walter Abendroth

Zweifellos war es der Geist eines neuen Zeitalters der durch den Mund Napoleons I. sprach, als dieser den Begriff des Schicksals spöttisch verwarf und feststellte: „Die Politik ist das Schicksal.“ Seit damals jedenfalls hat sich diese Macht – nach Goethes Wort „dir unfruchtbarste aller Dämonen“ – in- immer wachsendem Maße zum Herrn des Schicksals aufgeschwungen; und heute gibt es kein Gebiet des Lebens mehr, nicht einmal des geistigen Lebens, das sich jener Macht nicht hätte unterwerfen müssen. Nicht überall tritt das mit gleicher Deutlichkeit zutage, aber ein unbestechliches Auge wird Anzeichen dafür allerorten entdecken. ein unabhängiger Geist wird die drohende Einengung unbedingt fühlen und spüren, wie sie ihn von allen Seiten allmählich zu umklammern strebt. Längst hat der geistige Mensch aufgehört, sich als eine souveräne Instanz gegenüber dem Treiben der Welt zu empfinden. Erlaubt er sich einmal einen Rückfall in dieses Gefühl, so wird ihm bald und nachdrücklich bedeutet werden, daß er sich in einem verhängnisvollen Irrtum befinde.

Wie war es früher; etwa im Zeitalter der Renaissance? Die großen Künstler arbeiteten im Solde vieler Herren; Herren, die einander haßten, befehdeten, sich gern gegenseitig umgebracht hätten und es bisweilen auch taten. Die Künstler wechselten nach Laune und Bedürfnis zwischen diesen Auftraggebern, gingen oft genug von einem zu dessen Todfeind über (und auch wieder zurück). Manchmal – verhältnismäßig selten – bekamen sie dann Tyrannenzorn zu spüren; aber nur aus Eifersucht, nicht wegen der Politik. Öfter aber geschah ihnen gar nichts. Die Fürsten waren das gewohnt, sie respektierten den schöpferischen Menschen, freuten sich, wenn sie ihn wieder hatten, erkannten ihm eine gewisse Souveränität zu; wenigstens ein Sonderrecht – das Recht auf politische Indifferenz. Einem Meister dasHandwerk zu verbieten, weil er es zuvor mit dem Gegner gehalten hatte – darauf wäre keiner verfallen. (Wie arm müßte sonst der künstlerische Nachlaß jener Epoche sein) Darin eben aber hat sich der größte Wandel vollzogen: der Primat des Geistes wird nicht mehr anerkannt. Daß der Künstler gar nichts anderes will als arbeiten, seinem Werke dienen und sich im übrigen, der Segenhaftigkeit seines selbstsüchtig-selbstlosen Wirkens bewußt, nur so verhalten, wie es jeweils seinem Werke dienlich erscheint – das würde heute kein Mächtiger und keiner aus der großen Menge gelten lassen. Das wird als bare Frivolität, als Lästerung der göttlichen Ordnung gewertet. Denn die Politik ist an diehöchste Stelle in der Rangordnung der menschheitlichen Anliegen gerückt. Damit aber ist der Geist automatisch seiner Souveränität entkleidet und subaltern, geworden, Versuche doch einmal, jemand in allem Ernst das Gegenteil zu beweisen (Nicht mit Worten und Begriffen, sondern in der Tat.)

Stärker als anderswo zeigt sich die Subalternisierung des Geistes in den „totalitären“ Staaten. Wir haben das in Deutschland in niederdrückendsten Weise erlebt. Welche absurden Situationen sich damals ergaben für Menschen, die immer noch im Glauben an die Souveränität des Geistes und an die Integrität der überragenden Persönlichkeit, gar an die Autorität der großen Leistung standen und vermeinten, von diesem Standort aus einen heilsamen Einfluß – üben zu können – davon ahnt keiner etwas, der diese Jahre außerhalb unserer Grenzen verbrachte. Wir wissen es, weil wir an dieser Tragik mitgetragen haben. Am heftigsten aber mußte es einer empfinden, der etwa in der Lage war, abwechselnd die schwüle Stickluft unseres Landes und die frischere, freiere der Außenwelt zu atmen. In dieser Lage befand sich seit ihrer erzwungenen Emigration 1935 Dr. Berta Geißmar die ehemalige Sekretärin Wilhelm Furtwänglers, getreue Kameradin und großartige Reisemarschaltin der Berliner Philharmoniker und dann Sekretärin des englischen Meisterdirigenten Sir Thomas Beecham, in dessen Auftrag oder Begleitung sie – jetzt offiziell höchst respektiert! – noch mehrere Male das hitlerische Deutschlandzu bereisen hatte. Eine Frau von außerordentlichen Talenten umfassender Bildung und Weltkenntnis, durch ihre Tätigkeit bekannt und befreundet mit fast allen bedeutenden Musikern beider Kontinente. Unter dem Titel „The Baron and the Jackboot“ veröffentlichte sie 1944 in London ihre Memoiren; ergänzt erschienen sie 1945 auch in deutscher Sprache im Atlantis-Verlag Zürich unter dem Titel „Musik im Schatten der Politik“.

Der Leser findet in diesem Buch einen erregend interessanten Überblick über etwa dreißig Jahre Musik insbesondere Konzert- und Operngeschichte aus der Perspektive des Künstlerzimmers. Dazu eine Fülle fesselnder Persönlichkeitsporträts, geistvoller Beobachtungen, scharfsinniger Bemerkungen. Vor allem aber: ein erschütterndes Tatsachenmaterial zur Illustration des deutschen Titels „ ... im Schatten der Politik“. Auch dem ausländischen Leser muß durch diese Dokumente die tragische Rolle Furtwänglers klarwerden – eines jener Gläubigen an die Souveränität desGeistes, und die reinigende Macht der nur der Sache der Kunst verpflichteten großen Individualität. Man wundert sich im Ausland oft darüber, daßsolche Menschen immer noch an die Möglichkeit ihres guten Einflusses glaubten, als der Diktator längst seine hemmungslosen Gewalttaten deutlich ausgesprochen, seine teuflischen Absichten zynischaufgedeckt hatte, wenn sie auch noch nicht im angekündigten Maße verwirklicht waren. Aber was ist begreiflicher, als daß gerade von den ernstesten Menschen diese Drohungen nicht ernst genommen wurden, eben weil sie so prahlerisch im voraus ausposaunt wurden!War es nicht bislang stets so gewesen, daß jemand, der im Ernst auf Schandtaten sann, sich hütete davon vorher zu sprechen? Als aber ersichtlich ward, wie ernst diese Prahlereien zu nehmen waren – auch das Ausland merkte es zu spät –, da gab es für die Desillusionierten kein Entrinnen mehr. Ganz wenige blieben freilich auch da noch gläubig an den Sinn und die langsame Gegenwirkung ihres besseren Wollens. So auch Furtwängler. Und so – im Schatten der Politik – verzerrte sich sein Bild zu scheinbarer Zweideutigkeit, und er bekam die Priorität der politischen Aspekte doppelt: zu spüren: damals und nachmals.

Der politische Schatten überdeckte die Kunst auch in der übrigen Welt. In England war es Sir Thomas, der, auf seiner Konzertfahrt durch Deutschland und bei seinen Besuchen in Bayreuth genügsam über das Wesen der Subalternisierung des Geistes belehrt, echter Vertreter künstlerischer Souveränität jenen Schatten zu bannen versuchte, indem er vielen vertriebenen Künstlern ein neues Wirkungsfeld bereitete. Selbst als im Kriege der Schatten sich zum Gewölk verdichtete und im vernichtenden Gewitter entlud, verstand man drüben noch, die Integrität des Geistes weitgehend zu wahren, die Kunst durch dieTotalitätsansprüche der Politik hindurchzuretten, für uns jedoch ist, nachdem wir jenen Ansprüchen einmal so völlig erlegen sind und nach wie vor unter dem Gesetz der zum Schicksal erhobenen Politik stehen, das Ringen, um die reine Selbstverantwortlichkeit des geistigen Menschen im Glauben wie im Irrtum, in der Erkenntnis und im Schaffen wie im Zweifel, noch lange nichtabgeschlossen, nochlange nicht entschieden. Um so weniger; als dieses Ringen keineswegs auf unser Gebiet beschränkt und überhaupt kein lokales Problem mehr ist, sondern eine Weltangelegenheit.

Diese letzten Gedanken stehen nicht in dem Buche: wenigstens nicht in den Zeilen. Sie stellen sich aber bei der Lektüre ein, sie drängen sich auf. Das macht Bertha Geißmars Erinnerungen –so sehr sie auch nur zu unterhalten vermögen, wenn den einzelnen Leser das Historische und Anekdotische an sich weniger berühren sollte – zu einer wahrhaft produktiven Schöpfung. Sie sind eines der seltenen Bücher, die noch mehr anregen als sie geben. Dies Buch ist aber außerdem ein Zeugnis ebenso überlegener wie warmherziger Menschlichkeit. Schon darum wird es Aktualität behalten, auch wenn einmal sein dokumentarischer Wert verblaßt, die große Warnung, die es enthält, überholt sein sollte.