Wenn man die Berichte aus Washington über die Beratung des Marshall-Plans verfolgt, erhält man mehr und mehr den Eindruck, daß heute in Amerika kaum jemand vonden maßgebenden Politikern an der Notwendigkeit einer wirklichen Hilfe für Europa zweifelt, Nach den Äußerungen, die der außenpolitische Sachverständige der Republikanischen Partei, John Foster Dulles, vor dem Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten gemacht hat, bedeutet die Gesundung Europas durch den Marshall-Plan einen Schritt vorwärts zum Frieden. Die freien Staaten Europas seien zur Zeit dabei, sich von den Kriegswunden zu erholen. Die Sowjetunion aber „tut alles, bis an die Grenze eines neuen Krieges, damit diese Wunden sich als tödlich erweisen“. Die sowjetischen Führer würdendamit Erfolg haben, falls die USA den europäischen Ländern bei der Wiedergesundung nicht zur Seite stünden. Die Sowjets seien der Überzeugung, daß die freiheitlichen Einrichtungen Europas ins Wanken geraten seien. Die Kommunisten hofften durch einige wenige, zur rechten Zeit versetzte Schläge, sie zu Fall zu bringen. Und die Kommunisten .seien bereit, diese Schläge auszuteilen. Eine westeuropäische Zoll- und Währungsunion aber, der auch Deutschland angehören müsse, würde, nach Dulles Meinung, eine solide Abwehrfront gegen jeden Angriff darstellen.

Auch der ehemalige Ratgeber Roosevelts, Bernard, Baruch, forderte vor dem gleichen Forum eine wirtschaftliche und politische Union der europäischen Nationen. Baruch schlug vor, alle Mitgliederstaaten der „Europäischen Union“ sollten sich im Falle eines Angriffs gegenseitig Beistand leisten! Die Vereinigten Staaten ihrerseitssollten ihnen versprechen, zum Krieg zu schreiten, falls ein eurer päisches Land angegriffen würde. Der Marshall-Plan müsse einen Hauptbestandteil der amerikanischen Innen- und. Außenpolitik, werden. Es müßten Stützpunkte als Teil des Systems der gegenseitigen Unterstützung von den USA im Verhandlungswege sichergestellt werden.

Ganz anderer Meinung, ist der bekannte PublizistWalter Lippmann. Die Evolution der amerikanischenAußenpolitik, schreibt er in der New YorkHerald Tribune, habe eine neue Phase erreicht. Sie sei das Ergebnis einer verantwortlichen Untersuchung des Problems des europäischen Wiederaufbaus durch den Marshall-Plan, der politischen Lage in Europaund der amerikanischen militärischen Strategie. Das Resultat dieser Untersuchung ergäbe, daß es weder möglich noch wünschenswert oder notwendig sei,Westeuropa und Westdeutschland als eine militärische Festung. gegen die Expansion der sowjetischen Macht zu betrachten. Es sei nicht möglich, weil man sich auf die Deutschen nicht wie; auf Verkündete verlassen könne. Es sei nicht wünschenswert, Westdeutschland als ein militärisches Arsenal – wiederaufzubauen, weil es im Falle eines Krieges auf dem Kontinent der Roten Armee leicht in die Hände fallen würde. Endlich sei es nicht notwendig, weil das wirksame Mittel, die Expansion der Sowjetmacht zu verhindern, nicht der Widerstand auf dem europäischen Festland, Sondern die Verwendung von See- und Luftstreitkräften sei, um das Herz von Rußland selber zu treffen. Daraus folge, daß die amerikanische Politik nicht notwendigerweise auf die Organisierung einer anti-sowjetischen Koalition basiert sein müsse. weiche mit amerikanischen Geldern und amerikanischen Truppen unterstützt werde. Im Gegenteil, die amerikanische Politik müsse der revolutionären Entwicklung der Luftmacht beruhen, welche aus großer Entfernung, unter Umgehung der Peripherie einen – Schlag im Zentrum zu versetzen in der Lage wäre. Dies ändere radikal die Beziehungen Amerikas zu den europäischen Staaten. Um es grob zu sagen, ihre Verteidigung gegen die Rote Armee seien nicht Befestigungen und amerikanischen Truppen, sondern die Macht der Vereinigten Staaten. Rußland von Stützpunkten außerhalb Europas schwere Schläge zu versetzen.Da im Falle eines Krieges die Rolle Westeuropas nicht die eines Brückenkopfes,oder die eines Luststützpunktes, und deswegen auch kein Schlachtfeld sein würde, könnten die europäischen Länder ihre-Energie dem inneren Wiederaufbau und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit widmen.

Die Auffassung Lippmanns ist zweifellos interessant, ja sie klingt revolutionär, um nicht zu sagen reichlich phantastisch. Und sie ist beachtlich, weilsie von einem Manne vertreten wird, der immerhin seit langer Zeit als einer der bestinformierten amerikanischen Publizisten gilt. Sie steht, aber in diametralem Gegensatz zu den meisten bisherigen Äußerungen in dieser Frage. Wenn sie heute nicht unbedingt Aufsichten für ihreDurchsetzung hat, so ist dieMeinung Lippmanns doch ein Zeichen dafür, daß man sich in Washington, zwar, über die Ziele der amerikanischen Politik in Europa einig ist, über die Modalitäten dieser Politik aber noch keine Klarheit hat. A. P. Bobew